Warum nach dem Bösen fragen?
Das Wort Böses gehört zu den ältesten Begriffen der menschlichen Zivilisation. Es begleitet uns von den sumerischen Mythen über die griechische Tragödie bis zu den heutigen Nachrichten über Massentäter. Wenn jedoch eine Psychologin versucht, diesen Begriff in die Sprache ihrer Disziplin zu übersetzen, merkt sie schnell, dass sie sich auf außerordentlich glattem Terrain bewegt. Die psychologische Diagnostik arbeitet mit operationalisierbaren Konstrukten – mit Dimensionen, Skalen, Scores und Normen. Der Begriff des Bösen gehört hingegen in jene Kategorie, die in der Moralphilosophie häufig als thick concepts bezeichnet wird: Begriffe, die eine deskriptive und eine evaluative Komponente untrennbar miteinander verbinden.
Ziel dieses Textes ist keine philosophische Analyse des Bösen – das ergäbe eine ganze Monographie. Stattdessen möchte ich eine bescheidenere, für die klinische Praxis jedoch wesentliche Frage stellen: Gibt es in der Psychodiagnostik Konstrukte, die sich mit dem Begriff des Bösen überschneiden? Und wenn ja, mit welchen Methoden lassen sie sich untersuchen?
Gleich vorweg muss gesagt werden, dass die Antwort notwendigerweise unvollständig bleiben wird. Die Psychologie hat – und kann – keine einheitliche „Diagnostik des Bösen“ entwickeln. Sie kann jedoch mehrere Perspektiven anbieten, die verschiedene Aspekte dessen berühren, was wir intuitiv als böse betrachten.
Kurze philosophische Eingrenzung: Was meinen wir eigentlich mit dem Bösen?
Die philosophische Tradition bietet zwei grundlegende Zugänge zum Begriff des Bösen. Der erste, den man als substanzielles Verständnis bezeichnen kann, fasst das Böse als autonome Kraft oder Entität auf – sei es als manichäisches Prinzip der Finsternis, als christlicher Teufel oder als Jungscher Schatten in archetypischem Sinn. Der zweite Zugang, das privative Verständnis (privatio boni), formuliert von Augustinus, begreift das Böse als Abwesenheit des Guten – als Loch im Stoff, nicht als eigenständigen Stoff.
Für die psychologische Diagnostik ist ein drittes, moderneres Verständnis relevanter, das wir als funktional bezeichnen können. Darin fragen wir nicht, was das Böse ist, sondern was es tut. Das funktionale Verständnis des Bösen arbeitet mit mehreren Schlüsselmerkmalen: (a) vorsätzliches Zufügen von Leid, (b) Abwesenheit oder ausgeprägtes Defizit an Empathie, (c) Instrumentalisierung anderer Menschen, (d) Freude am Leid anderer und (e) moralische Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen des eigenen Handelns.
Hannah Arendt fügte mit ihrem Konzept der Banalität des Bösen eine weitere Dimension hinzu: Das Böse muss nicht immer dämonisch sein. Es kann die Form bürokratischen Gehorsams annehmen, eines moralischen Automatismus, einer Unfähigkeit, über die Grenzen von Befehlen hinaus zu denken. Eichmann war nach Arendts Auffassung nicht die Verkörperung des Dämonischen, sondern eher des Nicht-Denkens – einer Abwesenheit von Reflexion in einer Situation, in der Reflexion dringend erforderlich gewesen wäre.
Gerade diese funktionale Perspektive ermöglicht es uns, in Psychologie und Psychodiagnostik nach Konstrukten zu suchen, die sich mit verschiedenen Aspekten des Bösen überschneiden. Es handelt sich dabei nicht um eine vollständige Deckung – kein psychologisches Konstrukt ist ein Synonym des Bösen. Doch einige von ihnen überschneiden sich mit diesem Begriff in erheblichem Maße.
Dunkle Triade und Tetrade: Wo die diagnostische Kartierung des Bösen beginnt
Das direkteste psychologische Äquivalent zum Begriff des Bösen bietet das Konzept der Dunklen Triade (Dark Triad), formuliert von Paulhus und Williams (2002). Die Dunkle Triade umfasst drei Persönlichkeitsmerkmale, die einen gemeinsamen Kern in Form interpersoneller Manipulativität, emotionaler Kälte und Egozentrismus teilen:
Machiavellismus – ein zynischer, strategischer Zugang zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Machiavellisten betrachten andere Menschen primär als Mittel zur Erreichung eigener Ziele. Diagnostisch wird Machiavellismus am häufigsten mit dem Fragebogen Mach-IV (Christie und Geis, 1970) oder neuerdings mit der MPS (Machiavellian Personality Scale, Dahling et al., 2009) erfasst. Im funktionalen Verständnis des Bösen entspricht Machiavellismus vor allem dem Merkmal (c), also der Instrumentalisierung anderer.
Narzissmus – ein grandioses Selbstkonzept, verbunden mit Anspruchshaltung und Empathiedefizit. Als diagnostisches Instrument ist vor allem das Narcissistic Personality Inventory (NPI-40; Raskin und Terry, 1988) zentral. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen grandiosem und vulnerablem Narzissmus; den stärkeren Bezug zum Bösen hat primär die grandiose Variante mit ihrem Gefühl der Überlegenheit und Berechtigung.
Psychopathie – aus der Perspektive unseres Themas das gewichtigste Glied der Triade. Psychopathie kombiniert Empathiedefizit, Impulsivität, oberflächliche Affektivität und parasitären Lebensstil. Sie enthält mehrere funktionale Merkmale des Bösen: vorsätzliches Zufügen von Leid, Abwesenheit von Empathie, Instrumentalisierung anderer und moralische Gleichgültigkeit. Der diagnostische Goldstandard ist Hares Psychopathy Checklist–Revised (PCL-R), eine halbstandardisierte klinische Bewertung auf der Grundlage eines Interviews und einer Aktenanalyse.
Zur Triade trat nach und nach ein viertes Glied hinzu: der Sadismus. Das Konzept der Dunklen Triade wurde zur Dunklen Tetrade (Dark Tetrad) erweitert, weil Sadismus eine einzigartige Komponente hinzufügt, die die ursprüngliche Triade nicht ausreichend abdeckt: die Freude am Leid anderer. Während der Psychopath dem Leid anderer eher gleichgültig gegenübersteht, zieht der Sadist aktive Befriedigung daraus. In unserem funktionalen Modell entspricht dies dem Merkmal (d). Diagnostisch wird Sadismus unter anderem mit dem Short Dark Tetrad (SD4) oder dem Comprehensive Assessment of Sadistic Tendencies (CAST) erfasst.
Die gesamte Dunkle Tetrade lässt sich mit dem integrierten Verfahren SD4 messen, das 28 Items für alle vier Konstrukte umfasst. Es handelt sich um ein forschungspraktisch vielversprechendes, bislang jedoch weniger verbreitetes Instrument als die klassischen Skalen der Dunklen Triade. Für Screeningzwecke existiert auch das Dirty Dozen (Jonason und Webster, 2010) mit nur 12 Items für die Triade.
Psychopathie: Anatomie des Konstrukts, das dem Bösen am nächsten kommt
Psychopathie verdient eine eingehendere Betrachtung, da sie sich unter allen psychologischen Konstrukten vermutlich am stärksten mit dem überschneidet, was die Allgemeinheit unter dem Bösen versteht. Hares Modell unterscheidet zwei Faktoren:
Faktor 1 (interpersonell-affektiv) umfasst oberflächlichen Charme, grandioses Selbstbild, pathologisches Lügen, Manipulativität, Fehlen von Gewissensbissen, flache Affektivität und Empathiedefizit. Dieser Faktor erfasst das, was man als Kern des Bösen im psychologischen Sinne bezeichnen könnte: die Fähigkeit, bewusst zu schaden, ohne nennenswerten inneren Distress.
Faktor 2 (antisozial-deviant) umfasst Impulsivität, Verantwortungslosigkeit, parasitären Lebensstil und vielfältiges antisoziales Verhalten. Dieser Faktor ist weniger spezifisch für das Konzept des Bösen und stärker mit einer allgemeinen kriminellen Karriere verbunden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Psychopathie. Primäre Psychopathie – in größerer Nähe zu Faktor 1 – zeichnet sich durch emotionale Kälte und kalkuliertes Handeln aus. Sekundäre Psychopathie – näher an Faktor 2 – ist eher mit emotionaler Dysregulation und Impulsivität verbunden. Aus der Perspektive des Konzepts des Bösen ist die primäre Variante relevanter: jene, bei der anderen mit vollem Bewusstsein und ohne inneren Konflikt Schaden zugefügt wird.
Diagnostische Instrumente für Psychopathie
Die PCL-R (Hare, 2003) bleibt das grundlegende Instrument – eine 20-Item-Bewertung, die Training, ein Interview und die Analyse der Lebensgeschichte erfordert. Für Screeningzwecke existiert die SRP-4 (Self-Report Psychopathy Scale) als Selbstbeurteilungsalternative. In der Adoleszentenpopulation wird die PCL:YV (Youth Version) eingesetzt. Im Rahmen klassischer Persönlichkeitsfragebögen lassen sich psychopathische Züge etwa über das PPI-R (Psychopathic Personality Inventory–Revised) identifizieren.
Das Böse im Licht des MMPI-2: Was sagen die klinischen Skalen?
Für die Leserschaft dieses Blogs dürfte besonders interessant sein, wie sich Konzepte, die dem Bösen nahestehen, in verbreiteten klinischen Instrumenten abbilden. Beginnen wir mit dem MMPI-2.
Der MMPI-2 enthält selbstverständlich keine „Skala des Bösen“. Doch einige Skalen und Konfigurationen erfassen Merkmale, die sich mit dem funktionalen Verständnis des Bösen überschneiden:
Skala Pd (4, Psychopathische Abweichung) – die grundlegende klinische Skala, die antisoziale Tendenzen, Autoritätskonflikte, Impulsivität und eine verminderte Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, erfasst. Ein hoher Pd-Wert (T > 65) signalisiert ein Potenzial für wiederholte Verletzungen sozialer Normen. In Kombination mit niedrigem Ma (9) deutet er eher auf eine kalte, kalkulierte Antisozialität hin als auf eine impulsive Form.
Konfiguration 4-9/9-4 (Pd-Ma) – ein klassischer Codetyp, der mit antisozialem Verhalten, Manipulativität und geringer Fähigkeit zum Belohnungsaufschub assoziiert ist. Personen mit diesem Profil wirken sozial oberflächlich einnehmend, sind in Beziehungen jedoch häufig fordernd und ausbeuterisch.
Zusatzskala ASP (Antisoziale Einstellungen und Verhaltensweisen) – misst direkt antisoziale Einstellungen und Verhaltensweisen. Ein hoher Wert (T > 65) weist auf Probleme mit dem Gesetz, Zynismus und Feindseligkeit hin.
Inhaltsskala CYN (Zynismus) – erfasst eine misanthropische Weltsicht, also die Überzeugung, dass Menschen ausschließlich aus eigennützigen Motiven handeln. Ein hoher Zynismuswert bildet eines der kognitiven Fundamente des machiavellistischen Zugangs zu anderen.
Aus Validitätsperspektive muss betont werden, dass der MMPI-2 ein Selbstbeschreibungsinstrument ist. Die Forschung zeigt konsistent, dass Personen mit hohen psychopathischen Merkmalen ein erhöhtes Risiko verzerrter Selbstdarstellung aufweisen – sei es in Richtung eines „gut angepassten“ Profils oder im Gegenteil in Richtung Simulation. Daher ist bei diesem Untersuchungstyp eine sorgfältige Analyse der Validitätsskalen, insbesondere L, K und S, von entscheidender Bedeutung.
Projektive Verfahren: Das Böse zwischen den Zeilen
Eine aufschlussreiche Perspektive bieten projektive Verfahren, die bewusste Selbstdarstellung teilweise umgehen und Aspekte der Persönlichkeit erfassen können, die Fragebogenverfahren leichter übersehen.
Der Rorschach-Test (CS/R-PAS)
In den Systemen CS und R-PAS finden sich mehrere für unser Thema relevante Indikatoren. Aggressive Bewegung (AG) erfasst die Projektion von Aggressivität in die Wahrnehmungsinhalte – Tiere, die sich gegenseitig angreifen, Figuren, die zerstören. Morbider Inhalt (MOR) signalisiert eine Ausrichtung auf Destruktion, Zerfall und Tod. Ein niedriges Affektverhältnis und eine verminderte Zahl von Antworten mit menschlicher Bewegung können auf die für Psychopathie typische emotionale Flachheit hinweisen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Variable Space Responses (S) – Antworten auf weiße Zwischenräume, die als Indikator für Oppositionshaltung und Negativismus interpretiert werden. In Kombination mit niedrigem SumH (gesamter menschlicher Inhalt) und niedrigem COP (kooperative Bewegung) kann sich eine Konfiguration ergeben, die auf interpersonelle Entfremdung und ein Potenzial für gefühlloses Handeln hinweist.
TAT (Thematischer Apperzeptionstest)
Im TAT manifestiert sich das „Böse“ im Inhalt der Geschichten, die die untersuchte Person zu den vorgelegten Bildern erzählt. Klinisch bedeutsam sind wiederkehrende Themen wie Dominanz ohne Empathie, Freude an Macht über andere, Abwesenheit von Schuldgefühlen in Geschichten, in denen der Protagonist Schaden anrichtet, sowie die Dehumanisierung von Figuren. Westens Social Cognition and Object Relations Scale (SCORS) ermöglicht eine systematische Bewertung solcher Themen, einschließlich der Dimensionen Complexity of Representations und Affective Quality of Relationships.
Empathie und ihre Defizite: notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung
Empathiedefizit ist ein deutlicher gemeinsamer Nenner vieler Phänomene, die wir als böse bezeichnen. Es ist jedoch wichtig, zwei Typen von Empathie zu unterscheiden:
Kognitive Empathie (Theory of Mind, Mentalisierung) – die Fähigkeit, die psychischen Zustände anderer zu verstehen. Paradoxerweise ist sie bei Psychopathen und Machiavellisten häufig erhalten oder sogar erhöht – dient dann jedoch eher als Instrument der Manipulation als des Verständnisses.
Affektive Empathie – die Fähigkeit, die emotionalen Zustände anderer mitzuerleben. Gerade das Defizit an affektiver Empathie ist entscheidend für Psychopathie und für das, was wir als Böses bezeichnen.
Diagnostisch wird Empathie beispielsweise mit dem Interpersonal Reactivity Index (IRI; Davis, 1983) gemessen, der kognitive und affektive Komponenten unterscheidet. Die Basic Empathy Scale (BES; Jolliffe und Farrington, 2006) ist eine weitere Möglichkeit. Für klinische Zwecke ist auch der Empathy Quotient (EQ; Baron-Cohen und Wheelwright, 2004) nützlich.
Wesentlich ist, dass ein Empathiedefizit allein nicht als Äquivalent des Bösen genügt. Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen können ein ausgeprägtes Defizit an kognitiver Empathie aufweisen und zugleich eine erhaltene oder sogar erhöhte affektive Empathie besitzen. Ein Empathiedefizit ist also eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung; entscheidend ist die spezifisch affektive Komponente in Verbindung mit der Motivation zu vorsätzlicher Schädigung.
Moralisches Urteilen und moralische Entkopplung
Arendts Konzept der Banalität des Bösen führt uns zu einem weiteren wichtigen diagnostischen Bereich: zum moralischen Urteilen und zu den Mechanismen, durch die sich Menschen von moralischen Verpflichtungen lösen.
Albert Bandura (1999) beschrieb acht Mechanismen der moralischen Entkopplung (moral disengagement): moralische Rechtfertigung, euphemistische Bezeichnung, vorteilhafter Vergleich, Verantwortungsübertragung, Verantwortungsdiffusion, Ignorieren oder Verzerren von Konsequenzen, Dehumanisierung und Schuldzuweisung an das Opfer. Diese Mechanismen ermöglichen es gewöhnlichen Menschen, Handlungen zu begehen, die wir unter normalen Umständen als böse bezeichnen würden, ohne dass ihr moralisches Selbstbild zusammenbricht.
Banduras Moral Disengagement Scale (MDS) misst die Neigung zu diesen Mechanismen. Hohe Werte sagen aggressives Verhalten, Mobbing und die Unterstützung militärischer Interventionen vorher. Deutschsprachige Adaptationen sind verfügbar.
Auch Kohlbergs Stufen des moralischen Urteils bieten eine relevante Perspektive. Die präkonventionelle Ebene (Stufen 1–2), auf der Moral ausschließlich im Sinne von Belohnung und Bestrafung definiert ist, kann bei Erwachsenen einen moralischen Primitivismus signalisieren, der das Zufügen von Schaden erleichtert, wenn keine Strafe droht. Diagnostisch erfasst wird dies etwa mit dem Moral Judgment Interview (MJI) oder dem Defining Issues Test (DIT-2; Rest et al., 1999).
D-Faktor: der allgemeine dunkle Kern der Persönlichkeit
In den letzten Jahren hat die Forschung von Moshagen, Hildebrandt und Zettler (2018) das Konzept des D-Faktors (Dark Factor of Personality) hervorgebracht – eines allgemeinen dunklen Kerns, der aversiven Persönlichkeitsmerkmalen zugrunde liegt. Der D-Faktor ist definiert als die Tendenz, den eigenen Nutzen auf Kosten anderer zu maximieren, begleitet von Überzeugungen, die dieses Handeln rechtfertigen.
Das Konzept des D-Faktors ist für unser Thema besonders relevant, weil es den bislang allgemeinsten Versuch der Psychologie darstellt, das zu operationalisieren, was wir intuitiv als das Böse bezeichnen. Der D-Faktor subsumiert weitgehend alle Mitglieder der Dunklen Tetrade, aber auch weitere Konstrukte wie Gehässigkeit (spitefulness), Anspruchshaltung (entitlement) und moralische Entkopplung. Es sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass bei einigen Merkmalen – etwa bestimmten Formen des Sadismus – ein Teil einzigartiger Varianz verbleibt, den der D-Faktor nicht vollständig erklärt.
Gemessen wird er mit der Dark Core Scale (online verfügbar auf darkfactor.org), die 70 Items umfasst und neun aversive Merkmale abdeckt. Die Autoren zeigen, dass diesen Merkmalen ein gemeinsamer Faktor zugrunde liegt – analog zum g-Faktor in der Intelligenzforschung.
Neurokognitive Perspektive: Hat das Böse eine neuronale Signatur?
Obwohl diagnostische Bildgebung in der klinischen Routinepraxis nicht zur Beurteilung von Persönlichkeitsmerkmalen eingesetzt wird, liefert die neuropsychologische Forschung wichtige Erkenntnisse. Personen mit hohen psychopathischen Merkmalen zeigen eine verminderte Amygdala-Reaktivität auf Furcht und Distress anderer, eine abgeschwächte Konnektivität zwischen präfrontalem Kortex und limbischem System sowie eine atypische Verarbeitung moralischer Dilemmata im ventromedialen präfrontalen Kortex. Diese Befunde sind theoretisch bedeutsam, diagnostisch jedoch nicht spezifisch – sie können auch bei anderen Zuständen auftreten.
In der klinischen Diagnostik schlagen sich diese Erkenntnisse bislang eher indirekt nieder – etwa in neuropsychologischen Tests exekutiver Funktionen, die ein spezifisches Muster erhaltener kognitiver Fähigkeiten bei Defiziten der Emotionsregulation sichtbar machen können. Die Iowa Gambling Task (IGT) zeigt beispielsweise häufig – wenn auch nicht durchgängig konsistent über alle Studien hinweg –, dass Personen mit psychopathischen Zügen weniger sensitiv auf bestrafende Bedingungen reagieren. Das entspricht unmittelbar der eingeschränkten Fähigkeit, aus negativen Konsequenzen zu lernen.
Das Böse als Situationsvariable: der Luzifer-Effekt
Bisher haben wir uns auf das Böse als Persönlichkeitsdisposition konzentriert. Philip Zimbardo weist jedoch mit seinem Konzept des Luzifer-Effekts darauf hin, dass unter bestimmten situativen Bedingungen auch „gute Menschen“ auf Weisen handeln können, die wir ohne Zögern als böse bezeichnen würden. Das Stanford-Gefängnisexperiment, Milgrams Gehorsamsexperimente und reale Ereignisse wie Abu Ghraib zeigen, dass sozialer Kontext, Autorität und Verantwortungsdiffusion Grausamkeit auch bei Personen ohne ausgeprägte antisoziale Züge begünstigen können.
Aus diagnostischer Sicht bedeutet dies, dass die Beurteilung des „Potenzials zum Bösen“ nicht nur die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen erfordert, sondern auch die Bewertung situativer Faktoren: hierarchischer Strukturen, des Vorhandenseins von Autorität, der Dynamik von Gruppenidentität, dehumanisierender Sprache und der Mechanismen von Verantwortlichkeit. Diese Faktoren lassen sich nicht einfach mit einem einzelnen psychologischen Test messen, sollten aber Bestandteil jeder umfassenden diagnostischen Risikobeurteilung sein.
Die Psychodiagnostik kann die Seele nicht „wiegen“
Der Versuch, den Begriff des Bösen auf psychodiagnostische Konstrukte abzubilden, bringt wichtige Erkenntnisse, aber auch aufschlussreiche Grenzen zutage. Die psychologische Diagnostik kann Merkmale identifizieren, die die Wahrscheinlichkeit von Verhalten erhöhen, das wir als böse bezeichnen würden: Abwesenheit von Empathie, Manipulativität, sadistische Tendenzen, moralische Entkopplung. Sie kann diese Merkmale quantifizieren, mit Normen vergleichen und in den Kontext weiterer Persönlichkeitscharakteristika einordnen.
Was die Psychodiagnostik jedoch nicht leisten kann, ist ein moralisches Urteil. Ein hoher PCL-R-Wert ist nicht dasselbe, wie „böse“ zu sein. Ein Mensch mit ausgeprägten psychopathischen Zügen, der niemandem geschadet hat, ist im funktionalen Sinne nicht böse, auch wenn er Dispositionen besitzt, die zum Bösen prädisponieren. Und umgekehrt kann ein Mensch mit einem unauffälligen psychologischen Profil unter spezifischen situativen Bedingungen auf Weisen handeln, die zweifellos böse sind.
Am treffendsten drückte es wohl Roy Baumeister in seinem Buch Evil: Inside Human Violence and Cruelty (1997) aus: Das Böse ist kein stabiles Merkmal, sondern ein dynamischer Prozess an der Schnittstelle von Persönlichkeit, Situation und moralischen Narrativen. Die Psychodiagnostik kann dieses Terrain kartieren, aber nicht sicher vorhersagen, welchen Weg ein konkreter Mensch einschlagen wird.
Und genau darin liegt eine wichtige Demut unseres Faches. Die Psychodiagnostik bietet eine Karte – detailliert, empirisch fundiert, anwendbar. Aber die Karte ist nicht die Landschaft. Und die Seele, wie immer wir dieses Wort auch verwenden, bleibt stets komplexer als das, was wir zu messen vermögen.
Ausgewählte Literatur
Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3(3), 193–209.
Baumeister, R. F. (1997). Evil: Inside Human Violence and Cruelty. W. H. Freeman.
Buckels, E. E., & Paulhus, D. L. (2014). Comprehensive Assessment of Sadistic Tendencies (CAST). Unpublished measure.
Davis, M. H. (1983). Measuring individual differences in empathy. Journal of Personality and Social Psychology, 44, 113–126.
Hare, R. D. (2003). The Psychopathy Checklist–Revised (2nd ed.). Multi-Health Systems.
Moshagen, M., Hildebrandt, A., & Zettler, I. (2018). The dark core of personality. Psychological Review, 125(5), 656–688.
Paulhus, D. L., & Williams, K. M. (2002). The Dark Triad of personality. Journal of Research in Personality, 36, 556–563.
Paulhus, D. L., Buckels, E. E., Trapnell, P. D., & Jones, D. N. (2020). Screening for dark personalities: The Short Dark Tetrad (SD4). European Journal of Psychological Assessment.
Zimbardo, P. (2007). The Lucifer Effect: Understanding How Good People Turn Evil. Random House.
Weiterführende deutschsprachige Literatur
Hare, R. D. (2005). Gewissenlos: Die Psychopathen unter uns. Springer. – Deutsche Ausgabe der Standardmonographie des PCL-R-Autors.
Dutton, K. (2013). Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. dtv. – Populärwissenschaftliche Darstellung funktionaler Psychopathie.
Mokros, A. et al. (2014). Psychopathy Checklist–Revised (PCL-R) – Die deutschsprachige Fassung des PCL-R wird in forensischen Kontexten im DACH-Raum eingesetzt.
Moshagen, M., Hildebrandt, A. & Zettler, I. (2018). The dark core of personality. – Die Dark Core Scale ist online unter darkfactor.org auch auf Deutsch verfügbar; die Autoren sind deutschsprachige Forscher.