Spezifische klinische Instrumente

Psychologische Tests in der klinischen Psychologie – Teil 5


Reihe: Psychologische Tests in der klinischen Psychologie

Dieser Artikel ist der letzte Teil einer Reihe, die einen Überblick über die wichtigsten psychodiagnostischen Verfahren zur Erfassung von Psychopathologie bietet. Die Reihe umfasst:

Teil 1: Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare

Teil 2: Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen

Teil 3: Projektive Verfahren

Teil 4: Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien

Teil 5: Spezifische klinische Instrumente (dieser Artikel)


Einleitung

Die vorangegangenen Teile dieser Reihe stellten die Hauptkategorien psychodiagnostischer Verfahren vor – von Selbstbeurteilungsfragebögen über strukturierte Interviews, Beurteilungsskalen und projektive Verfahren bis hin zu kognitiven Leistungstests. Jede dieser Kategorien deckt ein breites Spektrum an Psychopathologie und kognitiven Funktionen ab. Es gibt jedoch klinische Phänomene, die spezialisierte diagnostische Instrumente erfordern – Verfahren, die gezielt für die Beurteilung einer bestimmten Störung, eines bestimmten Symptoms oder eines bestimmten klinischen Konstrukts entwickelt wurden.

Dieser abschließende Teil stellt eine Auswahl solcher spezifischen klinischen Instrumente vor. Der Schwerpunkt liegt auf den in der klinisch-psychologischen Diagnostik am häufigsten gefragten Bereichen: Beurteilung von Psychopathie und Gewaltrisiko, Zwangsstörung, Essstörungen, Substanzgebrauchsstörungen, dissoziative Störungen, Traumafolgestörungen und ADHS im Erwachsenenalter.


Psychopathie und Gewaltrisikobewertung

Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R)

Die PCL-R (Hare, 1991; 2. Auflage Hare, 2003) ist ein 20-Item-Fremdbeurteilungsinstrument, das als Referenzverfahren in der Diagnostik der Psychopathie gilt. Die Beurteilung basiert auf einem halbstrukturierten Interview (typischerweise 90–120 Minuten) und einer gründlichen Analyse der Dokumentation (Strafregister, Gesundheitsdokumentation, Gutachten u. a.). Jedes Item wird auf einer dreistufigen Skala bewertet (0 = trifft nicht zu, 1 = trifft teilweise zu, 2 = trifft voll zu). Der Gesamtscore liegt im Bereich von 0–40; in Nordamerika wird üblicherweise ein Cut-off von ≥ 30 für die Diagnose einer Psychopathie verwendet, in der europäischen Forschung werden teilweise niedrigere Schwellenwerte herangezogen.

Faktorenstruktur

Die PCL-R weist eine Zwei-Faktoren-Struktur (Hare, 2003) bzw. eine Vier-Facetten-Struktur (Hare & Neumann, 2008) auf:

Faktor / FacetteInhalt
Faktor 1: Interpersonell-affektiv
Facette 1 – InterpersonellOberflächlicher Charme, grandioses Selbstwertgefühl, pathologisches Lügen, Manipulativität.
Facette 2 – AffektivMangel an Reue und Schuld, flacher Affekt, Empathiemangel, Unfähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen.
Faktor 2: Antisozial-behavioral
Facette 3 – LebensstilStimulationsbedürfnis/Neigung zu Langeweile, parasitärer Lebensstil, Mangel an realistischen langfristigen Zielen, Impulsivität, Verantwortungslosigkeit.
Facette 4 – AntisozialMangelnde Verhaltenskontrolle, frühe Verhaltensprobleme, Jugenddelinquenz, Verstöße gegen Bewährungsauflagen, kriminelle Vielseitigkeit.

Klinische und forensische Bedeutung

Die PCL-R zählt zu den wichtigsten Instrumenten in der forensischen Psychologie. Der PCL-R-Score ist einer der stärksten bekannten Prädiktoren für gewalttätige Rückfälligkeit und allgemeine kriminelle Rückfälligkeit. Er wird bei der Risikobeurteilung, bei Entscheidungen über bedingte Entlassungen, bei der Bewertung von Sicherheitsmaßnahmen und bei der Planung therapeutischer Interventionen eingesetzt.

Es ist zu betonen, dass die PCL-R eine gründliche Schulung der durchführenden Person und Zugang zu ausreichender Dokumentation erfordert. Eine Beurteilung ohne angemessene Dokumentation oder ohne Interview (Beurteilung ausschließlich auf Grundlage der Aktenlage, sogenanntes File-only-Rating) ist methodisch problematisch und wird nur in Ausnahmefällen empfohlen.

Es existiert auch eine Screeningversion PCL:SV (Screening Version; Hart, Cox & Hare, 1995) mit 12 Items für eine raschere orientierende Einschätzung sowie eine Jugendversion PCL:YV (Youth Version; Forth, Kosson & Hare, 2003).

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die PCL-R ist im DACH-Raum in einer deutschen Adaptation verfügbar (Mokros et al., Hogrefe). Ihr Einsatz erfordert spezialisierte Schulung; die Anwendung und Interpretation sollte ausschließlich durch forensisch erfahrene Fachpersonen erfolgen.


Instrumente zur Gewaltrisikobewertung

Die Beurteilung des Risikos gewalttätigen Verhaltens ist eine der zentralen Aufgaben der forensischen Psychologie. Neben der PCL-R existieren mehrere strukturierte Instrumente zur Risikobewertung:

InstrumentAutorenTypErfassungsbereichAnmerkung
HCR-20 V3 (Historical Clinical Risk Management-20, Version 3)Douglas, Hart, Webster & Belfrage (2013)Strukturierte professionelle Beurteilung (SPJ)Risiko gewalttätigen Verhaltens allgemein. 20 Items in 3 Skalen: historische, klinische und Risikomanagement-Faktoren.Referenzinstrument für die Gewaltrisikobewertung. International am häufigsten eingesetztes SPJ-Instrument. Deutsche Version verfügbar (Müller-Isberner et al.).
SVR-20 (Sexual Violence Risk-20)Boer, Hart, Kropp & Webster (1997)SPJRisiko sexueller Gewalt.20 Items zu Risikofaktoren sexueller Rückfälligkeit. Deutsche Version verfügbar.
SARA (Spousal Assault Risk Assessment)Kropp, Hart, Webster & Eaves (1999)SPJRisiko häuslicher Gewalt.20 Items zum Risiko partnerschaftlicher Gewalt.
LSI-R (Level of Service Inventory-Revised)Andrews & Bonta (1995)AktuarischGesamtrisiko der Rückfälligkeit und kriminogene Bedürfnisse.54 Items; primär im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe eingesetzt.
FOTRES (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System)Urbaniok (2007)SPJTherapieverlauf und Rückfallrisiko bei Straftätern.Im deutschsprachigen Raum entwickeltes und verbreitetes Instrument, insbesondere in der Schweiz.

Die strukturierte professionelle Beurteilung (Structured Professional Judgment, SPJ) ist ein Ansatz, bei dem die Klinikerin oder der Kliniker empirisch fundierte Risikofaktoren systematisch beurteilt, den abschließenden Befund über das Risikoniveau jedoch auf Grundlage klinischen Urteils formuliert, nicht mittels eines mechanischen Algorithmus. Dieser Ansatz wird in der heutigen forensischen Praxis gegenüber rein aktuarischen Instrumenten weithin bevorzugt.


Zwangsstörung (OCD)

Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS)

Die Y-BOCS (Goodman et al., 1989a, 1989b) ist ein halbstrukturiertes Interview und eine Beurteilungsskala, die als Referenzinstrument für die Quantifizierung der Schwere von Zwangssymptomen gilt. Sie beurteilt die Schwere von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen jeweils separat auf fünf Dimensionen:

DimensionZwangsgedankenZwangshandlungen
ZeitaufwandWie viel Zeit nehmen Zwangsgedanken ein?Wie viel Zeit nehmen Zwangsrituale ein?
InterferenzInwieweit beeinträchtigen Zwangsgedanken die alltägliche Funktionsfähigkeit?Inwieweit beeinträchtigen Zwangshandlungen die alltägliche Funktionsfähigkeit?
LeidensdruckWelches Ausmaß an Leidensdruck verursachen die Zwangsgedanken?Welches Ausmaß an Leidensdruck erlebt die Person, wenn sie versucht, den Zwangshandlungen zu widerstehen?
WiderstandInwieweit versucht die Person, den Zwangsgedanken zu widerstehen?Inwieweit versucht die Person, den Zwangshandlungen zu widerstehen?
KontrolleInwieweit hat die Person Kontrolle über die Zwangsgedanken?Inwieweit hat die Person Kontrolle über die Zwangshandlungen?

Der Gesamtscore liegt im Bereich von 0–40 (0–20 Zwangsgedanken + 0–20 Zwangshandlungen).

WertebereichInterpretation
0–7Subklinische Symptome
8–15Leichte Zwangsstörung
16–23Mittelgradige Zwangsstörung
24–31Schwere Zwangsstörung
32–40Extrem schwere Zwangsstörung

Die Y-BOCS ist der primäre Wirksamkeitsparameter in klinischen Studien zur Behandlung der Zwangsstörung (Pharmakotherapie und Psychotherapie). Es existiert auch eine Selbstbeurteilungsversion (Y-BOCS-SR) und eine Kinderversion (CY-BOCS; Scahill et al., 1997).

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die Y-BOCS ist im DACH-Raum in deutscher Übersetzung verfügbar und wird an spezialisierten Einrichtungen für die Behandlung der Zwangsstörung routinemäßig eingesetzt. Sie wird auch in den deutschen S3-Leitlinien zur Behandlung der Zwangsstörung empfohlen.


Weitere OCD-Instrumente

InstrumentTypCharakteristikDACH
OCI-R (Obsessive-Compulsive Inventory-Revised)Selbstbeurteilung (18 Items)6 Subskalen: Kontrollieren, Horten, Neutralisieren, Zwangsgedanken, Ordnen, Waschen. Kurzes und psychometrisch solides Screeninginstrument.Ja, validiert (Gönner et al., 2008)
DOCS (Dimensional Obsessive-Compulsive Scale)Selbstbeurteilung (20 Items)Dimensionale Beurteilung in 4 Dimensionen: Kontamination, Verantwortung für Schaden, inakzeptable Gedanken, Symmetrie/Ordnung.Übersetzung
HZI-K (Hamburger Zwangsinventar – Kurzform)Selbstbeurteilung (72 Items)Im deutschsprachigen Raum entwickeltes Inventar zur Erfassung von Zwangsgedanken und -handlungen in 6 Subskalen.Ja, validiert (DACH-spezifisch)

Essstörungen

Eating Disorder Examination (EDE) und EDE-Q

Das Eating Disorder Examination (Fairburn & Cooper, 1993; aktuelle Version EDE 17.0; Fairburn, Cooper & O’Connor, 2014) ist ein halbstrukturiertes Interview, das als Referenzverfahren in der Diagnostik von Essstörungen gilt. Es umfasst vier Subskalen: Restriktion (Dietary Restraint), essbezogene Sorgen (Eating Concern), Beschäftigung mit der Figur (Shape Concern) und Beschäftigung mit dem Gewicht (Weight Concern). Darüber hinaus werden spezifische Verhaltensmerkmale erfasst (Essanfälle, kompensatorisches Verhalten wie Erbrechen oder Laxanziengebrauch, exzessives Sporttreiben).

EDE-Q (Eating Disorder Examination Questionnaire; Fairburn & Beglin, 1994; aktuelle Version EDE-Q 6.0) ist die Selbstbeurteilungsversion des EDE mit 28 Items bei Beibehaltung der gleichen Vier-Subskalen-Struktur. Der EDE-Q zählt zu den weltweit am häufigsten eingesetzten Selbstbeurteilungsinstrumenten im Bereich der Essstörungen und ist Standard in der klinischen Forschung.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Der EDE-Q ist im DACH-Raum in einer validierten deutschen Version verfügbar (Hilbert & Tuschen-Caffier, 2006; Hilbert, Tuschen-Caffier, Karwautz et al., 2007) und wird in der klinischen Praxis und Forschung breit eingesetzt.


Weitere Instrumente für Essstörungen

InstrumentTypItemsErfassungsbereichDACH
EDI-3 (Eating Disorder Inventory-3)Selbstbeurteilung9112 Primärskalen für Essstörungssymptome und psychologische Merkmale (Perfektionismus, interpersonelle Unsicherheit, Emotionsdysregulation u. a.). Umfassenderes Profil als EDE-Q.Ja, validiert (Hogrefe)
EAT-26 (Eating Attitudes Test-26)Selbstbeurteilung26Screening auf riskantes Essverhalten und essbezogene Einstellungen. Drei Subskalen: Diätverhalten, Bulimie/Nahrungsbeschäftigung, orale Kontrolle. Frei verfügbar.Ja
BSQ (Body Shape Questionnaire)Selbstbeurteilung34Sorgen bezüglich der Körperform in den vergangenen 4 Wochen. Häufig als ergänzendes Maß der Körperunzufriedenheit eingesetzt.Ja

Substanzgebrauchsstörungen

AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test)

Der AUDIT (Saunders, Aasland, Babor, de la Fuente & Grant, 1993) ist ein 10-Item-Screeninginstrument, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Identifikation riskanten und schädlichen Alkoholkonsums entwickelt wurde. Er umfasst drei Domänen: riskanter Konsum (Häufigkeit und Menge des Konsums, episodisches Rauschtrinken – Items 1–3), Abhängigkeitszeichen (Kontrollverlust, Pflichtverletzungen, morgendliches Trinken – Items 4–6) und schädlicher Konsum (Schuldgefühle, Erinnerungslücken, Verletzungen, Sorgen des Umfelds – Items 7–10).

WertebereichInterpretationEmpfohlene Intervention
0–7Risikoarmer KonsumAufklärung über Alkoholrisiken.
8–15Riskanter KonsumKurzintervention.
16–19Schädlicher KonsumKurzintervention + Monitoring; erweiterte Diagnostik erwägen.
20–40Wahrscheinliche AbhängigkeitEingehende diagnostische Abklärung + spezialisierte Behandlung.

Der AUDIT ist weltweit das am häufigsten eingesetzte Screeninginstrument im Bereich der Suchtmedizin. Es existiert auch eine Kurzversion AUDIT-C (3 Items, nur Konsumfragen) für ein sehr rasches Screening.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Der AUDIT ist im DACH-Raum in einer deutschen Version verfügbar und wird breit eingesetzt. Die S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ empfiehlt den AUDIT als Screeninginstrument der Wahl.


Weitere Instrumente für Substanzgebrauchsstörungen

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
DAST-10 (Drug Abuse Screening Test-10)Selbstbeurteilung (10 Items)Screening des Substanzkonsums (ohne Alkohol)Analogie zum AUDIT für Drogen. Dichotomes Format (Ja/Nein).Ja
CAGESelbstbeurteilung (4 Items)Screening der Alkoholabhängigkeit4 Fragen: Cut down, Annoyed, Guilty, Eye-opener. Ultrakurzes Screening (≥ 2 positive Antworten = Verdacht auf Alkoholproblem).Ja
EuropASI (European Addiction Severity Index)Halbstrukturiertes InterviewUmfassende Beurteilung der SuchtschwereEuropäische Adaptation des ASI. Umfasst 7 Bereiche: Gesundheitszustand, Erwerbstätigkeit, Alkohol, Drogen, rechtliche Probleme, Familie/soziale Beziehungen, psychischer Zustand. Referenzinstrument für die umfassende Beurteilung in der Suchtmedizin.Ja, validiert
TLFB (Timeline Followback)Strukturiertes InterviewRetrospektive Tageserfassung des KonsumsKalendermethode zur detaillierten Rekonstruktion des Alkohol-/Drogenkonsums über einen definierten Zeitraum (typischerweise 90 Tage).Forschungseinsatz

Ein DACH-spezifischer Hinweis: Im deutschsprachigen Raum wird anstelle des amerikanischen ASI die europäische Adaptation EuropASI (Gsellhofer et al., 1999) verwendet, die an die europäischen Versorgungsstrukturen angepasst ist.


Dissoziative Störungen

Dissociative Experiences Scale (DES)

Die DES (Bernstein & Putnam, 1986; Revision DES-II: Carlson & Putnam, 1993) ist ein 28-Item-Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung der Häufigkeit dissoziativer Erfahrungen. Die Patientin oder der Patient gibt an, wie häufig (0–100 %) verschiedene Typen dissoziativer Erfahrungen auftreten, wie Amnesie, Depersonalisation, Derealisation, Absorption und imaginatives Einbezogensein. Der Gesamtscore ist der Mittelwert aller Items.

Ein DES-Score ≥ 30 gilt allgemein als Cut-off, der auf klinisch bedeutsame Dissoziation hindeutet und eine eingehendere diagnostische Abklärung erfordert. Der Subskalenscore DES-T (DES-Taxon; Waller, Putnam & Carlson, 1996) ist spezifischer auf pathologische Dissoziation ausgerichtet (im Unterschied zu normalen dissoziativen Erfahrungen wie Absorption und imaginativem Einbezogensein) und diskriminiert Personen mit dissoziativen Störungen besser von Personen mit anderen psychiatrischen Diagnosen.

Die DES ist weltweit das am häufigsten eingesetzte Screeninginstrument für dissoziative Störungen. Sie ist kein diagnostisches Instrument im engeren Sinne – sie dient dem Screening und der Quantifizierung des Ausmaßes dissoziativer Erfahrungen, nicht der Diagnosestellung.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die DES ist im DACH-Raum in einer validierten deutschen Version verfügbar (Freyberger et al., 1998) und wird in der klinischen Praxis und Forschung eingesetzt.


Weitere Instrumente für Dissoziation

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
FDS (Fragebogen zu dissoziativen Symptomen)Selbstbeurteilung (44 Items)Dissoziative SymptomeIm deutschsprachigen Raum entwickelte Erweiterung der DES. Umfasst neben den DES-Items zusätzliche Items zu somatoformer Dissoziation und Konversion. Standardinstrument im DACH-Raum.Ja, validiert (DACH-spezifisch)
SDQ-20 (Somatoform Dissociation Questionnaire)Selbstbeurteilung (20 Items)Somatoforme DissoziationErfasst körperliche Manifestationen der Dissoziation (Anästhesie, Analgesie, motorische Störungen). Ergänzt die DES, die primär auf psychoforme Dissoziation ausgerichtet ist.Ja
SCID-D-R (Structured Clinical Interview for DSM Dissociative Disorders-Revised)Halbstrukturiertes InterviewDiagnostik dissoziativer StörungenReferenzdiagnostikinstrument für dissoziative Störungen. Beurteilt 5 dissoziative Symptome: Amnesie, Depersonalisation, Derealisation, Identitätsverwirrung und Identitätsalteration.Nein

Ein DACH-spezifischer Hinweis: Im deutschsprachigen Raum wird neben der DES auch der FDS (Fragebogen zu dissoziativen Symptomen; Freyberger, Spitzer & Stieglitz, 1998) als Standardinstrument eingesetzt. Der FDS erweitert die DES um Items zur somatoformen Dissoziation und Konversionssymptomen und ist für den deutschsprachigen Raum normiert.


Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die Diagnostik der PTBS wurde ausführlich in Teil 2 (CAPS-5) beschrieben, Selbstbeurteilungsinstrumente (PCL-5, IES-R) wurden in Teil 1 erwähnt. Hier werden ergänzend Instrumente zur Identifikation traumatischer Erfahrungen und für spezifische Populationen vorgestellt.

Instrumente zur Identifikation traumatischer Erfahrungen

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
CTQ (Childhood Trauma Questionnaire)Selbstbeurteilung (28 Items)Retrospektive Erfassung kindlicher TraumataFünf Subskalen: emotionaler Missbrauch, physischer Missbrauch, sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, physische Vernachlässigung + 3 Items Minimierung/Verleugnung. Das am häufigsten eingesetzte Instrument zur retrospektiven Beurteilung kindlicher Traumatisierung.Ja, validiert (Klinitzke et al., 2012)
LEC-5 (Life Events Checklist for DSM-5)Selbstbeurteilung (17 Items)Screening-Inventar traumatischer EreignisseStandardbestandteil des diagnostischen Vorgehens bei PTBS nach DSM-5. Deckt die wesentlichen Typen traumatischer Ereignisse ab.Ja
ACE (Adverse Childhood Experiences)Selbstbeurteilung (10 Items)Belastende KindheitserfahrungenEinfaches Screeninginstrument für 10 Typen belastender Kindheitserfahrungen. Basiert auf der Studie von Felitti et al. (1998).Ja
ETI (Early Trauma Inventory Self-Report)Selbstbeurteilung (56 Items)Frühe traumatische ErfahrungenErfasst physisches, emotionales und sexuelles Trauma sowie allgemeines Trauma vor dem 18. Lebensjahr.Nein

ADHS im Erwachsenenalter

Die Diagnostik von ADHS im Erwachsenenalter ist ein Bereich, in dem spezifische Screening- und Diagnoseinstrumente eine wichtige Rolle spielen, da sich ADHS-Symptome im Erwachsenenalter anders manifestieren können als in der Kindheit und mit Symptomen von Angst- oder affektiven Störungen verwechselt werden können.

InstrumentTypItemsErfassungsbereichDACH
ASRS (Adult ADHD Self-Report Scale)Selbstbeurteilung18 (voll) / 6 (Screening)Screening für ADHS im Erwachsenenalter, entwickelt von der WHO. 18 Items entsprechend den DSM-5-Kriterien. Screeningversion (6 Items) für Schnellidentifikation. Frei verfügbar.Ja
CAARS (Conners‘ Adult ADHD Rating Scales)Selbstbeurteilung + Fremdbeurteilung66 (voll) / 26 (kurz)Umfassendere Beurteilung von ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter. Subskalen: Unaufmerksamkeit/Gedächtnisprobleme, Hyperaktivität/Unruhe, Impulsivität/emotionale Labilität, Probleme mit dem Selbstkonzept.Ja, validiert
WURS-K (Wender Utah Rating Scale – Kurzform)Selbstbeurteilung25Retrospektive Beurteilung von ADHS-Symptomen in der Kindheit (aus der Perspektive der erwachsenen Patientin oder des erwachsenen Patienten). Ergänzendes Instrument zur Stützung der ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter.Ja, validiert (Retz-Junginger et al.)
DIVA-5 (Diagnostic Interview for ADHD in Adults)Halbstrukturiertes InterviewDSM-5-basiertStrukturiertes diagnostisches Interview für ADHS im Erwachsenenalter. Beurteilt aktuelle Symptome und retrospektive Kindheitssymptome. Einbezug der Patientin/des Patienten und einer Informantin/eines Informanten.Ja
HASE (Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene)TestbatterieVariabelIm deutschsprachigen Raum entwickelte Testbatterie, die WURS-K, WRI (Wender-Reimherr-Interview), ADHS-SB (Selbstbeurteilung) und ADHS-DC (klinische Beurteilung) umfasst.Ja, validiert (DACH-spezifisch)

Ein DACH-spezifischer Hinweis: Die HASE (Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene; Rösler et al., 2008; Hogrefe) ist eine im deutschsprachigen Raum entwickelte und normierte Testbatterie für die ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter, die mehrere Verfahren integriert und zu den im DACH-Raum etablierten Instrumenten für die ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter zählt.


Weitere spezifische klinische Instrumente

Autismus-Spektrum-Störungen – diagnostische Instrumente

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
ADOS-2 (Autism Diagnostic Observation Schedule, 2nd Edition)Standardisierte BeobachtungAutismus-Spektrum-Störungen (ASS)Halbstrukturierte Beobachtung in 5 Modulen nach Alter und Sprachniveau. Referenzverfahren der Autismusdiagnostik.Ja, validiert (Hogrefe)
ADI-R (Autism Diagnostic Interview-Revised)Halbstrukturiertes Interview (mit Bezugsperson)ASSUmfassendes Interview mit der Bezugsperson zur Entwicklungsanamnese in den Bereichen soziale Interaktion, Kommunikation und stereotypes Verhalten. In Kombination mit ADOS-2 Referenzstandard der Autismusdiagnostik.Ja, validiert (Hogrefe)
AQ (Autism-Spectrum Quotient)Selbstbeurteilung (50 Items)Screening autistischer Merkmale bei ErwachsenenKurzer Screeningfragebogen. Cut-off ≥ 32 deutet auf klinisch bedeutsame autistische Merkmale hin.Ja
SRS-2 (Social Responsiveness Scale, 2nd Edition)Fremdbeurteilung (65 Items)Schwere autistischer SymptomeBeurteilt soziale Kommunikation und eingeschränkte/repetitive Verhaltensweisen. Versionen für Kinder und Erwachsene.Ja, validiert
MBAS (Marburger Beurteilungsskala zum Asperger-Syndrom)FremdbeurteilungAsperger-Syndrom / ASS ohne intellektuelle BeeinträchtigungIm deutschsprachigen Raum entwickeltes Screeninginstrument.Ja (DACH-spezifisch)

ADOS-2 und ADI-R verfügen im deutschsprachigen Raum über offizielle und standardisierte Adaptationen (Hogrefe) und bilden damit auch im DACH-Raum den zentralen Referenzstandard für die Autismusdiagnostik.


Persönlichkeitsstörungen – dimensionale Instrumente

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
PID-5 (Personality Inventory for DSM-5)Selbstbeurteilung (220 Items)Maladaptive Persönlichkeitsmerkmale (AMPD)Misst 25 Facetten maladaptiver Persönlichkeitsmerkmale in 5 Domänen (negative Affektivität, Verschlossenheit, Antagonismus, Enthemmung, Psychotizismus) nach dem Alternativen Modell für Persönlichkeitsstörungen des DSM-5.Ja, validiert (Zimmermann et al.)
LPFS-SR (Level of Personality Functioning Scale – Self Report)Selbstbeurteilung (80 Items)Niveau der Persönlichkeitsfunktion (AMPD)Misst die Persönlichkeitsfunktion in 4 Bereichen: Identität, Selbststeuerung, Empathie, Intimität.Forschungseinsatz
SCID-5-AMPDHalbstrukturiertes InterviewAlternatives Modell für PersönlichkeitsstörungenStrukturiertes Interview für die dimensionale Beurteilung von Persönlichkeitsstörungen nach DSM-5 Sektion III.Nein
BSL-23 (Borderline-Symptom-Liste, Kurzversion)Selbstbeurteilung (23 Items)Borderline-spezifische SymptomatikIm deutschsprachigen Raum entwickeltes Instrument zur Erfassung borderline-typischer Symptome. Sehr gute psychometrische Eigenschaften und Veränderungssensitivität.Ja, validiert (DACH-spezifisch)

Ein DACH-spezifischer Hinweis: Die BSL-23 (Bohus et al., 2009) ist ein im deutschsprachigen Raum entwickeltes und international eingesetztes Instrument, das als sehr gut etabliertes Instrument zur Selbstbeurteilung borderline-spezifischer Symptomatik im Therapieverlauf gilt.


Suizidalität und Selbstverletzung

InstrumentTypErfassungsbereichCharakteristikDACH
C-SSRS (Columbia-Suicide Severity Rating Scale)Halbstrukturiertes InterviewSuizidgedanken und -verhaltenBeurteilt Intensität und Schwere von Suizidgedanken (5 Stufen) und suizidalem Verhalten. Referenzinstrument in klinischen Studien und zunehmend auch in der klinischen Praxis. Von der FDA für klinische Studien ausdrücklich empfohlen.Deutsche Materialien verfügbar*
SBQ-R (Suicidal Behaviors Questionnaire-Revised)Selbstbeurteilung (4 Items)Screening des SuizidrisikosUltrakurzes Screening: lebenszeitliche Suizidgedanken, Häufigkeit im letzten Jahr, Androhung suizidalen Handelns, Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Versuchs.Forschungseinsatz
BHS (Beck-Hoffnungslosigkeits-Skala)Selbstbeurteilung (20 Items)HoffnungslosigkeitSiehe Teil 1 dieser Reihe. Zentraler Prädiktor suizidalen Verhaltens.Ja, validiert

* Deutsche Materialien für die C-SSRS sind verfügbar; der genaue Status der formalen Adaptation ist beim jeweiligen Lizenznehmer zu erfragen.


Zusammenfassende Übersicht nach klinischen Bereichen

Klinischer BereichWichtigste InstrumenteReferenzverfahren
PsychopathiePCL-R, PCL:SVPCL-R
GewaltrisikoHCR-20 V3, SVR-20, SARA, FOTRESHCR-20 V3
ZwangsstörungY-BOCS, OCI-R, HZI-KY-BOCS
EssstörungenEDE/EDE-Q, EDI-3, EAT-26EDE (Interview) / EDE-Q (Fragebogen)
AlkoholAUDIT, AUDIT-C, CAGE, EuropASIAUDIT (Screening) / EuropASI (umfassend)
DrogenDAST-10, EuropASI, TLFBEuropASI
DissoziationDES, FDS, SDQ-20, SCID-D-RDES/FDS (Screening) / SCID-D-R (Diagnostik)
Trauma / PTBSCAPS-5, PCL-5, CTQ, LEC-5, ACECAPS-5 (Diagnostik) / PCL-5 (Screening)
ADHS ErwachseneASRS, CAARS, DIVA-5, HASEDIVA-5 (Diagnostik) / ASRS (Screening)
AutismusADOS-2, ADI-R, AQ, SRS-2ADOS-2 + ADI-R
Persönlichkeitsstörungen (dimensional)PID-5, BSL-23, LPFS-SR, SCID-5-AMPDSCID-5-AMPD
SuizidalitätC-SSRS, SBQ-R, BHSC-SSRS

Fazit und Zusammenfassung der Reihe

Mit diesem fünften Teil schließen wir die Reihe zum Überblick über die wichtigsten psychodiagnostischen Verfahren in der klinischen Psychologie ab. Die Reihe umfasste fünf Hauptkategorien diagnostischer Instrumente:

Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare (Teil 1) erfassen die subjektive Perspektive der Patientin oder des Patienten mittels standardisierter Items. Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen (Teil 2) bringen die Perspektive der geschulten Fachperson ein und ermöglichen sowohl kategoriale Diagnostik als auch dimensionale Schweregradbeurteilung. Projektive Verfahren (Teil 3) erfassen implizite, nicht verbalisierte Aspekte der Persönlichkeitsfunktion. Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien (Teil 4) messen die objektive kognitive Leistung. Und schließlich ergänzen spezifische klinische Instrumente (Teil 5) das Instrumentarium um Verfahren, die gezielt für konkrete klinische Phänomene entwickelt wurden.

Das durchgängige Grundprinzip der gesamten Reihe lautet, dass kein einzelnes Verfahren ein vollständiges Bild des psychischen Zustands einer Patientin oder eines Patienten liefern kann. Die Validität diagnostischer Schlussfolgerungen steigt mit der Konvergenz der Befunde aus mehreren unabhängigen Datenquellen – Selbstbeurteilung, klinischer Beobachtung und Interview, Leistungstests, anamnestischen Angaben und gegebenenfalls projektiven Verfahren. Ein multimodaler diagnostischer Ansatz, der verschiedene Informationstypen integriert, bleibt das grundlegende Prinzip einer verantwortungsvollen psychodiagnostischen Praxis.

Für den deutschsprachigen Raum ist festzuhalten, dass ein umfassendes und in vielen Bereichen hervorragend standardisiertes Instrumentarium zur Verfügung steht. Neben den internationalen Standardverfahren in deutschen Adaptationen zeichnet sich der DACH-Raum durch eine Reihe eigenständig entwickelter Instrumente aus (VLMT, TAP, RWT, DemTect, FDS, BSL-23, HZI-K, HASE u. a.), die die diagnostische Praxis bereichern und teilweise auch international rezipiert werden.

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