Kann man Dummheit messen? Über einen Begriff, den die Psychologie verwendet und doch nicht verwendet

Jeder von uns begegnet diesem Wort täglich. Wir sagen, jemand habe eine Dummheit begangen. Wir ärgern uns über die Dummen im Straßenverkehr. Wir schütteln den Kopf über dumme Politik. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir etwas oder jemanden als „dumm“ bezeichnen? Und ist das überhaupt etwas, womit sich die Psychologie befasst?

Dummheit in Sprache und Denken

Das Wort „dumm“ und seine Ableitungen gehören zu den ältesten und universellsten Ausdrücken menschlicher Sprachen. Schon der antike griechische Philosoph Theophrast beschrieb in seiner Studie der Charaktertypen den „dummen Mann“ und definierte Dummheit als Langsamkeit des Geistes in Rede und Handlung. Das lateinische Wort stupidus, von dem das englische stupid abgeleitet ist, bezeichnete ursprünglich einen Zustand der Betäubung, Stumpfheit oder Erstarrung. Bereits in der römischen Kultur war der stupidus die Figur des professionellen Narren im Theater.

In der Alltagssprache ist „Dummheit“ ein bemerkenswert vieldeutiger Begriff. Manchmal meinen wir einen Mangel an Intelligenz, manchmal Unaufmerksamkeit, die Unfähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, impulsives Handeln ohne Überlegung oder sogar das systematische Ignorieren verfügbarer Informationen. James F. Welles unterscheidet in seinem Buch Understanding Stupidity Dummheit von bloßer Unwissenheit: Dummheit setzt seiner Auffassung nach voraus, dass ein Mensch weiß, dass er gegen seine eigenen Interessen handelt, und es dennoch tut. Es handelt sich also nicht bloß um einen Unfall oder um Informationsmangel, sondern um bewusstes und maladaptives Verhalten.

Eine aufschlussreiche empirische Untersuchung führten Aczel, Palfi und Kekecs (2015) durch. Sie analysierten reale Fälle, in denen Menschen ein bestimmtes Verhalten als dumm bezeichneten. Dabei fanden sie drei Situationstypen, in denen das Etikett „dumm“ besonders häufig verwendet wird: erstens bei einer Diskrepanz zwischen Selbstvertrauen und tatsächlichen Fähigkeiten, zweitens bei Aufmerksamkeitsversagen und drittens bei mangelnder Selbstkontrolle. Das wahrgenommene Ausmaß der Dummheit stieg dabei mit dem Grad der Verantwortung, die dem Individuum zugeschrieben wurde, sowie mit der Schwere der Konsequenzen seines Handelns.

Als die Psychologie das „Dumme“ maß: Debilität, Imbezillität, Idiotie

Obwohl die heutige Psychologie mit dem Begriff „Dummheit“ nicht systematisch arbeitet, gab es in der Geschichte des Faches eine Phase, in der Begriffe, die dem alltagssprachlichen Verständnis von Dummheit nahestehen, als offizielle diagnostische Kategorien verwendet wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte der amerikanische Psychologe Henry H. Goddard ein Klassifikationssystem intellektueller Defizite ein, das auf der Binet-Simon-Skala basierte. Im US-amerikanischen Kontext unterschied er drei Stufen: idiots (IQ bis 25), imbeciles (IQ 26–50) und morons (IQ 51–70); den letztgenannten Begriff leitete er selbst aus dem griechischen móros ab.

Im deutschsprachigen Raum wie auch in der mitteleuropäischen psychiatrischen Tradition insgesamt wurde der Begriff moron nie übernommen. Hier etablierte sich die Klassifikation in Idiotie, Imbezillität und Debilität. Die Debilität entsprach damit ungefähr dem, was Goddard im amerikanischen Kontext als moron bezeichnete.

Goddards Arbeit war eng mit der eugenischen Bewegung verflochten. Er suchte nach einem Begriff, der wissenschaftlich legitim klang und zugleich die Öffentlichkeit auf die angebliche „Gefahr“ aufmerksam machen sollte, die Personen mit leichtem intellektuellem Defizit nach damaligen – aus heutiger Sicht vollständig überholten – Vorstellungen darstellten. Er ging davon aus, dass „Schwachsinn“ erblich sei, und setzte sich für die Isolation oder Sterilisation Betroffener ein. Diese Ansätze, einschließlich des Einsatzes von IQ-Tests zur Überprüfung von Einwanderern auf Ellis Island, gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Psychologiegeschichte.

Die älteren deutschen Fachbegriffe – Debilität, Imbezillität und Idiotie – wurden in der klinischen Praxis etwa bis in die 1990er-Jahre verwendet, ehe sie durch die ICD-10-Klassifikation ersetzt wurden: leichte, mittelgradige, schwere und schwerste Intelligenzminderung. In den aktuellen Diagnosemanualen (DSM-5, ICD-11) wird der Terminus „Störung der intellektuellen Entwicklung“ (Intellectual Developmental Disorder) verwendet. Ironischerweise entwickelte im Laufe der Zeit fast jeder neue „neutrale“ Begriff pejorative Konnotationen – dasselbe Schicksal traf auch das Wort „retardiert“, das ursprünglich als Verbesserung gegenüber seinen Vorgängern gedacht war.

Dummheit ist nicht einfach ein niedriger IQ

Hier gelangen wir zum Kern des Problems. Im Alltag halten wir nämlich oft das Verhalten von Menschen für „dumm“, die keineswegs einen niedrigen IQ haben. Der Banker mit Harvard-Abschluss, der Kundengelder in offensichtlich fragwürdige Projekte investiert. Der Politiker mit juristischer Ausbildung, der wiederholt lügt, obwohl er weiß, dass er entlarvt werden wird. Der Arzt, der eindeutige Befunde ignoriert, weil sie nicht in sein vorgefasstes Bild passen.

Psychoanalytiker haben dieses Problem schon früh reflektiert. Otto Fenichel wies darauf hin, dass ein beträchtlicher Anteil scheinbarer Schwachsinnigkeit in Wirklichkeit eine durch Hemmung bedingte „Pseudo-Debilität“ darstellt – Menschen werden gleichsam ad hoc dumm, wenn Verstehen Angst oder Schuldgefühle auslösen würde oder wenn es ihr neurotisches Gleichgewicht bedrohen könnte. Wilfred Bion beschrieb, wie psychologische Projektion eine Barriere gegen das Lernen von Neuem erzeugt und damit eine eigene Form der Pseudo-Dummheit produziert. Eric Berne wiederum beschrieb in seiner Transaktionsanalyse das Spiel „Dumm“, in dem der Spieler die Erwartungen anderer gezielt senkt, um Verantwortung zu vermeiden.

Diese Beobachtungen führen zu einer wesentlichen Unterscheidung: Dummheit im alltagssprachlichen Sinne ist nicht dasselbe wie niedrige Intelligenz. Es handelt sich vielmehr um ein multidimensionales Phänomen, das Defizite in Rationalität, Urteilsvermögen, Selbstreflexion, kritischem Denken und Emotionsregulation umfasst. Und genau diese einzelnen Komponenten lassen sich durchaus messen.

Was also können wir messen?

Intelligenz: die Grundlage, die nicht ausreicht

Der naheliegendste Kandidat für die Messung von Dummheit ist natürlich die Intelligenz. Wechsler-Skalen, Raven-Matrizen oder die Stanford-Binet-Skala ermöglichen es, kognitive Fähigkeiten mit guter Reliabilität und Validität zu quantifizieren. Der IQ-Wert ist standardisiert, mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 Punkten. Werte unter 70 – also zwei Standardabweichungen unter dem Mittelwert – weisen traditionell auf ein intellektuelles Defizit hin.

Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Ein hoher IQ schützt nicht vor dummem Handeln. Keith Stanovich, langjähriger Professor an der University of Toronto, hat dazu ein grundlegendes Buch geschrieben: What Intelligence Tests Miss (2009). Stanovich argumentiert überzeugend, dass IQ-Tests nur einen vergleichsweise schmalen Ausschnitt kognitiver Fähigkeiten erfassen und genau jene Kompetenzen auslassen, die die meisten Menschen mit einem gut funktionierenden Verstand verbinden: Urteilskraft, Entscheidungsfähigkeit, kritische Evidenzbewertung und Risikoabwägung. Für diesen Zustand prägte er den Begriff Dysrationalität (dysrationalia) – die Unfähigkeit, rational zu denken und zu handeln trotz adäquater Intelligenz.

Rationalität: was IQ-Tests übersehen

Stanovich hat diesen Ansatz gemeinsam mit West und Toplak konsequent weiterentwickelt und mit dem CART (Comprehensive Assessment of Rational Thinking) ein Instrument zur Messung rationalen Denkens geschaffen, das ausdrücklich als Ergänzung zu klassischen IQ-Tests konzipiert ist. Der CART erfasst probabilistisches und statistisches Denken, wissenschaftliches Denken, die Fähigkeit zur Vermeidung kognitiver Sparsamkeit (miserly information processing) sowie kontaminierten Denkens. Das Konzept eines Rationalitätsquotienten (RQ) ergänzt damit den traditionellen IQ um eine Dimension, die dem entspricht, was wir im Alltag oft als „Dummheit“ bezeichnen.

Stanovich baut dabei auf der dualen Denktheorie auf, wie sie durch Daniel Kahneman popularisiert wurde: System 1 ist schnell, automatisch und intuitiv; System 2 langsam, kontrolliert und analytisch. Viele Formen „dummen“ Handelns resultieren daraus, dass wir uns zu stark auf System 1 verlassen, obwohl System 2 aktiviert werden müsste. Die Korrelation zwischen IQ und Rationalität ist dabei nur klein bis mittelgroß, was bedeutet, dass hochintelligente Menschen ausgeprägt irrational sein können – und umgekehrt.

Kognitive Verzerrungen und der Dunning-Kruger-Effekt

Eng mit Dummheit verbunden sind kognitive Verzerrungen (cognitive biases) – systematische Denkfehler, die zu irrationalen Schlussfolgerungen und Entscheidungen führen. Kahneman und Tversky identifizierten Dutzende solcher Verzerrungen: den Ankereffekt, den Bestätigungsfehler, die Verfügbarkeitsheuristik, die Kontrollillusion und viele weitere. Alle können zu einer Form „dummen“ Handelns führen, und alle sind mit experimentellen Methoden messbar.

Einen besonderen Platz nimmt der Dunning-Kruger-Effekt ein: die Tendenz von Personen mit geringen Kompetenzen in einem bestimmten Bereich, ihre Fähigkeiten zu überschätzen, während Personen mit hohen Kompetenzen eher dazu neigen, sie zu unterschätzen. Dieses metakognitive Versagen – die Unfähigkeit, die eigene Inkompetenz zu erkennen – kommt dem alltagssprachlichen Begriff der Dummheit vielleicht besonders nahe: Der Mensch weiß nicht nur nicht, er weiß auch nicht, dass er nicht weiß. Gemessen wird dieser Effekt durch den Vergleich objektiver Leistung mit der subjektiven Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Emotionale Intelligenz und soziale Kognition

Eine weitere Dimension von „Dummheit“ ist das Versagen im sozialen und emotionalen Bereich. Ein Mensch kann ein brillanter Mathematiker und zugleich tragisch ungeschickt in zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Emotionale Intelligenz, konzeptualisiert von Mayer und Salovey und später von Goleman popularisiert, umfasst die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen, zu regulieren und effektiv zu nutzen. Zu ihrer Messung dient unter anderem der MSCEIT (Mayer-Salovey-Caruso Emotional Intelligence Test), der beispielsweise die Fähigkeit prüft, Emotionen in Gesichtern zu erkennen, emotionale Dynamiken zu verstehen oder Emotionen zur Erleichterung des Denkens einzusetzen.

Exekutive Funktionen und Selbstregulation

Zahlreiche Erscheinungsformen von „Dummheit“ hängen mit Defiziten exekutiver Funktionen zusammen: mit der Unfähigkeit zu planen, impulsive Reaktionen zu hemmen, flexibel zwischen Aufgaben zu wechseln oder das eigene Verhalten zu überwachen. Diese Funktionen messen wir mit neuropsychologischen Tests – dem Wisconsin Card Sorting Test (WCST), dem Stroop-Test, dem Trail Making Test, dem Turm von London und anderen. Defizite exekutiver Funktionen können auch bei erhaltener Intelligenz bestehen und führen zu Verhaltensweisen, die die Umgebung leicht als dumm bezeichnen würde.

Cipollas Gesetze der Dummheit: eine ökonomische Perspektive

Erwähnenswert ist auch der unorthodoxe, aber einflussreiche Ansatz des italienischen Wirtschaftshistorikers Carlo M. Cipolla, der 1976 den Essay Die grundlegenden Gesetze der menschlichen Dummheit veröffentlichte – einen Text, der im deutschsprachigen Raum durch die Wagenbach-Ausgabe besondere Bekanntheit erlangte. Cipolla definierte den dummen Menschen als jemanden, der anderen Verluste zufügt, ohne selbst irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen – und sich dabei möglicherweise sogar selbst schadet. Im Unterschied zu „Banditen“, die anderen schaden, um selbst zu profitieren, ist das Handeln des Dummen irrational und unvorhersehbar – und gerade deshalb besonders gefährlich.

Obwohl Cipolla mit einer gehörigen Portion Ironie schrieb und seine „Gesetze“ kein wissenschaftliches Modell im engeren Sinne darstellen, korrespondiert seine Definition der Dummheit als irrationales Schädigen ohne eigenen Nutzen bemerkenswert mit dem, was die psychologische Forschung nahelegt: Dummheit ist nicht einfach ein Mangel an Intelligenz, sondern ein Versagen der Rationalität – ein Handeln, das den Interessen aller Beteiligten zuwiderläuft, einschließlich denen des Handelnden selbst.

Dummheit als psychologisches Mosaik

Können wir Dummheit also messen? Die Antwort hängt davon ab, was wir unter diesem Begriff verstehen. Verstehen wir Dummheit eng als niedrige Intelligenz, dann ja – wir verfügen über zahlreiche valide und reliable Intelligenztests. Verstehen wir Dummheit jedoch weiter – so, wie wir den Begriff in der Alltagssprache verwenden – als einen Komplex aus irrationalem Handeln, Urteilsversagen, kognitiven Verzerrungen, Defiziten der Selbstregulation und mangelnder Selbstreflexion, dann gibt es keinen einzelnen Test auf „Dummheit“. Es gibt jedoch eine ganze Batterie von Instrumenten, mit denen sich ihre einzelnen Komponenten erfassen lassen.

Dummheit, so wie wir sie im Alltag verstehen, ist ein psychologisches Mosaik. Sie ist kein einzelnes Konstrukt, das sich mit einer einzigen Zahl erfassen ließe. Sie ist der Schnittpunkt von Defiziten in Intelligenz, Rationalität, emotionaler Reife, Metakognition und exekutiven Funktionen – und jede dieser Komponenten hat ihre eigenen Messinstrumente. Ein „DQ“ (Dummheitsquotient) wird wohl nie entstehen – aber vielleicht ist gerade das ein Vorteil. Es zwingt uns nämlich, darüber nachzudenken, was genau wir meinen, wenn wir jemanden als dumm bezeichnen. Und das allein ist bereits ein Schritt zur Weisheit.


Ausgewählte Quellen und weiterführende Literatur

Aczel, B., Palfi, B., & Kekecs, Z. (2015). What is stupid? Intelligence, 53, 51–58.

Cipolla, C. M. (1976/2001). Allegro ma non troppo. Die Grundgesetze der menschlichen Dummheit. Wagenbach.

Dunning, D., & Kruger, J. (1999). Unskilled and unaware of it. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1121–1134.

Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler. – Deutsche Ausgabe des Standardwerks zur dualen Denktheorie.

Marmion, J.-F. (Hrsg.) (2019). Dumm: Warum wir uns nicht für blöd halten, obwohl wir es manchmal sind. Rowohlt. – Deutsche Ausgabe der französischen Originalausgabe Psychologie de la connerie.

Stanovich, K. E. (2009). What Intelligence Tests Miss. Yale University Press.

Stanovich, K. E., West, R. F., & Toplak, M. E. (2016). The Rationality Quotient: Toward a Test of Rational Thinking. MIT Press.

Welles, J. F. (2015). Understanding Stupidity.

Ergänzende deutschsprachige Literatur

Funke, J. (2003). Problemlösendes Denken. Kohlhammer. – Umfassende Darstellung exekutiver und problemlösender Prozesse aus deutschsprachiger Perspektive.

Gigerenzer, G. (2007). Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Bertelsmann. – Gegenperspektive zu Kahneman: Heuristiken als rationale Strategien unter Unsicherheit.

Kitz, V., & Tusch, M. (2009). Warum es so leicht ist, sich zu irren: Die 20 häufigsten Denkfallen und wie man sie vermeidet. Fischer Taschenbuch.

Wirth, H.-J. (2022). Narzissmus und Macht: Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik (6. Aufl.). Psychosozial-Verlag. – Verbindet psychoanalytische Perspektive auf irrationales Handeln mit gesellschaftlicher Analyse.

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