Psychologische Tests in der klinischen Psychologie – Teil 1
Reihe: Psychologische Tests in der klinischen Psychologie
Dieser Artikel ist der erste Teil einer Reihe, die einen Überblick über die wichtigsten psychodiagnostischen Verfahren zur Erfassung von Psychopathologie bietet. Die Reihe umfasst:
Teil 1: Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare (dieser Artikel)
Teil 2: Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen
Teil 3: Projektive Verfahren
Teil 4: Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien
Teil 5: Spezifische klinische Instrumente
Einleitung
Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare gehören zu den am weitesten verbreiteten psychodiagnostischen Instrumenten in der klinischen Psychologie. Ihr Grundprinzip besteht darin, dass die Patientin oder der Patient das eigene Erleben, Verhalten und die eigenen Symptome anhand standardisierter Items selbst einschätzt. Die Ergebnisse werden in Form von Skalenwerten quantifiziert und mit Normdaten verglichen.
Der wesentliche Vorteil von Selbstbeurteilungsverfahren liegt in ihrer Durchführungsökonomie (die Möglichkeit der Gruppenanwendung, eine relativ kurze Bearbeitungszeit im Vergleich zu Interviews), in der standardisierten Auswertung, die Verzerrungen durch den Beurteiler minimiert, sowie in der Verfügbarkeit umfangreicher normativer und empirischer Daten. Zahlreiche dieser Instrumente verfügen zudem über elaborierte Validitätsskalen zur Erkennung verschiedener Antwortstile.
Die Einschränkungen von Selbstbeurteilungsverfahren liegen in der Abhängigkeit von der Fähigkeit und Bereitschaft der Patientin oder des Patienten, valide Angaben über sich selbst zu machen. Dies zeigt sich besonders bei Personen mit mangelnder Krankheitseinsicht, bei Dissimulationstendenzen (bewusstem Verbergen von Symptomen) oder Aggravationsneigung (Übertreiben von Symptomen) sowie bei Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder unzureichender Lesekompetenz. Daher ist es stets erforderlich, die Ergebnisse von Selbstbeurteilungsverfahren mit weiteren diagnostischen Informationsquellen zu integrieren.
In diesem Artikel werden die wichtigsten Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare zur Erfassung von Psychopathologie vorgestellt, die international zu den am häufigsten eingesetzten Verfahren zählen. Dabei wird zwischen zwei Grundtypen unterschieden: multidimensionale Persönlichkeitsinventare, die ein breites Spektrum an Psychopathologie abdecken, und symptomspezifische Fragebögen, die auf bestimmte klinische Bereiche ausgerichtet sind.
Multidimensionale Persönlichkeitsinventare
Multidimensionale Persönlichkeitsinventare sind komplexe Instrumente, die eine breit angelegte Erfassung von Psychopathologie und Persönlichkeitsmerkmalen im Rahmen einer einzigen Durchführung ermöglichen. Sie liefern ein mehrskaliges Profil, das differenzialdiagnostische Überlegungen und die Identifikation komorbider Störungsbilder unterstützt. In der klinischen Psychologie bilden sie die Grundlage einer umfassenden persönlichkeits- und psychopathologiebezogenen Diagnostik.
Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI-2 / MMPI-2-RF / MMPI-3)
Geschichte und Entwicklung
Das MMPI zählt zu den am weitesten verbreiteten und empirisch am besten fundierten Persönlichkeitsfragebögen in der klinischen Psychologie. Die Originalversion wurde 1943 von Hathaway und McKinley veröffentlicht und entstand anhand der empirischen Kontrastgruppenmethode – Items wurden auf Basis ihrer Fähigkeit ausgewählt, klinische Gruppen von der Normalbevölkerung zu differenzieren, unabhängig von der inhaltlichen Validität der einzelnen Items.
Die Standardrevision MMPI-2 (Butcher, Dahlstrom, Graham, Tellegen & Kaemmer, 1989) bewahrte die ursprüngliche empirische Konstruktion und die klinischen Skalen, modernisierte jedoch die Itemformulierungen, erweiterte die Normstichprobe und ergänzte zusätzliche Inhalts- und Zusatzskalen. Später kamen weitere abgeleitete Skalenansätze hinzu, darunter die Restructured Clinical Scales (RC-Skalen; Tellegen et al., 2003). Das MMPI-2 umfasst 567 Items mit dichotomem Antwortformat (Richtig/Falsch).
Die Restructured Form MMPI-2-RF (Ben-Porath & Tellegen, 2008) stellte einen konzeptuellen Paradigmenwechsel dar. Sie rückte von der primären Orientierung an den traditionellen klinischen Skalen ab, die unter erheblicher Inhaltsüberlappung und Sättigung durch einen allgemeinen Demoralisierungsfaktor litten, und etablierte ein stärker hierarchisch strukturiertes Modell der Psychopathologie. Dieses umfasst 42 Skalen auf mehreren Ebenen: Higher-Order-Skalen (H-O), Restructured Clinical Scales (RC), Specific Problems Scales (SP), Interest Scales und PSY-5-Skalen. Die Itemanzahl wurde auf 338 reduziert.
Die neueste englischsprachige Version MMPI-3 (Ben-Porath & Tellegen, 2020) setzt die Linie des MMPI-2-RF mit aktualisierten Normen, modernisierten Items und neuen Skalen fort, die aktuelle Konzeptualisierungen von Psychopathologie widerspiegeln. Sie umfasst 335 Items.
Versionsvergleich des MMPI
| Parameter | MMPI-2 | MMPI-2-RF | MMPI-3 |
|---|---|---|---|
| Itemanzahl | 567 | 338 | 335 |
| Antwortformat | Richtig / Falsch | Richtig / Falsch | Richtig / Falsch |
| Validitätsskalen | CNS, L, F, Fb, Fp, K, S, VRIN, TRIN | F-r, Fp-r, Fs, FBS-r, RBS, L-r, K-r, VRIN-r, TRIN-r, CRIN | Erweiterte Skalen inkl. CRIN u. a. |
| Substantive Skalen | 10 klinische Skalen (Hs, D, Hy, Pd, Mf, Pa, Pt, Sc, Ma, Si) + Harris-Lingoes-Subskalen + Inhaltsskalen + Zusatzskalen + RC-Skalen | 3 H-O-Skalen (EID, THD, BXD), 9 RC-Skalen (RCd, RC1–RC4, RC6–RC9), 25 SP-Skalen, 2 Interest-Skalen, 5 PSY-5-Skalen | Aktualisierte hierarchische Struktur: H-O, RC, SP, Interest, PSY-5 mit neuen Items und revidierten Skalen |
| Durchführungsdauer | 60–90 Minuten | 35–50 Minuten | 35–50 Minuten |
| Normstichprobe | 2.600 Personen (USA, 1989) | 2.600 (reskaliert aus MMPI-2) | 1.620 Personen (USA, 2020) |
| Deutsche Adaptation | Ja, validiert (Hogrefe Verlag) | Ja, validiert (Hogrefe Verlag) | Noch nicht verfügbar |
Validitätsskalen
Eine der größten Stärken der MMPI-Familie ist das elaborierte System der Validitätsskalen, das unter Persönlichkeitsinventaren in seiner Komplexität einzigartig ist. Die Validitätsskalen ermöglichen die Erkennung folgender Antwortstile:
| Antwortstil | Charakteristik | Schlüsselskalen (MMPI-2 / MMPI-2-RF) |
|---|---|---|
| Inkonsistentes Antwortverhalten | Zufälliges oder unaufmerksames Antworten unabhängig vom Iteminhalt. | VRIN / VRIN-r, TRIN / TRIN-r, (MMPI-3: CRIN) |
| Symptomüberbetonung (Overreporting) | Bewusste oder unbewusste Tendenz, sich als stärker belastet darzustellen, als es der Realität entspricht. Umfasst Simulation (Malingering), Hilferuf (Cry-for-help) und Übertreibung. | F, Fb, Fp / F-r, Fp-r, Fs, FBS-r, RBS |
| Symptomunterbetonung (Underreporting) | Tendenz, Symptome zu leugnen und sich in einem unverhältnismäßig günstigen Licht darzustellen. Umfasst Dissimulation, Defensivität und mangelnde Einsicht. | L, K, S / L-r, K-r |
Die Beurteilung der Protokollvalidität ist stets der erste Schritt der MMPI-Interpretation und eine notwendige Voraussetzung für die zuverlässige Interpretation der substantiven Skalen. Ein Protokoll mit invaliden Validitätsindizes kann nicht standardmäßig interpretiert werden.
Klinische Anwendung und Interpretation
Das MMPI-2 wird primär über die Analyse des Codetyps interpretiert, d. h. der Kombination der zwei oder drei klinischen Skalen mit den höchsten Werten (z. B. 2-7/7-2 Codetyp). Codetypen verfügen über eine umfangreiche empirische Basis und sind mit spezifischen Verhaltens-, Symptom- und Persönlichkeitskorrelaten assoziiert. Die Interpretation umfasst darüber hinaus die Analyse der Harris-Lingoes-Subskalen, Inhaltsskalen, Zusatzskalen und RC-Skalen.
MMPI-2-RF und MMPI-3 werden anhand des hierarchischen Modells interpretiert. Zunächst werden die H-O-Skalen betrachtet, die ein Gesamtbild der emotionalen/internalisierenden Belastung (EID), der Denkstörungen (THD) und der verhaltensbezogenen/externalisierenden Dysfunktion (BXD) liefern. Danach folgen die RC-Skalen zur Identifikation der klinischen Hauptdimensionen und schließlich die SP-Skalen zur Spezifikation konkreter Problembereiche.
Im deutschsprachigen Raum gehört das MMPI zu den am häufigsten eingesetzten multidimensionalen klinischen Fragebögen. Deutsche Adaptationen des MMPI-2 sowie des MMPI-2-RF sind über den Hogrefe Verlag verfügbar. Das MMPI ist eines der am intensivsten erforschten psychodiagnostischen Verfahren überhaupt – mit Tausenden veröffentlichter Studien.
Personality Assessment Inventory (PAI)
Konzeption und Konstruktion
Das PAI (Morey, 1991; rev. 2007) wurde als moderne Alternative zum MMPI mit einem expliziten Schwerpunkt auf Inhaltsvalidität und klinischer Nützlichkeit konzipiert. Im Unterschied zur empirischen Konstruktionsmethode des MMPI wurde das PAI rational-quantitativ entwickelt: Items wurden primär aufgrund ihrer inhaltlichen Relevanz für das zu messende Konstrukt ausgewählt und anschließend empirisch verifiziert.
Ein wesentlicher Unterschied zum MMPI ist die Verwendung einer vierstufigen Likert-Skala (völlig unzutreffend – leicht zutreffend – überwiegend zutreffend – völlig zutreffend) anstelle des dichotomen Formats. Dieses Format ermöglicht eine differenziertere Erfassung der Ausprägung und Intensität von Symptomen. Das PAI umfasst 344 Items bei einer Durchführungsdauer von etwa 40–60 Minuten.
Skalenstruktur
| Skalenkategorie | Skalen | Beschreibung |
|---|---|---|
| Validitätsskalen (4) | ICN, INF, NIM, PIM | Inkonsistenz, Infrequenz, Negativer Eindruck, Positiver Eindruck |
| Klinische Skalen (11) | SOM, ANX, ARD, DEP, MAN, PAR, SCZ, BOR, ANT, ALC, DRG | Somatische Beschwerden, Angst, angstbezogene Störungen, Depression, Manie, Paranoia, Schizophrenie, Borderline-Merkmale, antisoziale Merkmale, Alkohol, Drogen |
| Behandlungsskalen (5) | AGG, SUI, STR, NON, RXR | Aggression, Suizidalität, Stress, mangelnde Unterstützung, Behandlungswiderstand |
| Interpersonelle Skalen (2) | DOM, WRM | Dominanz, Wärme |
Zahlreiche klinische Skalen des PAI verfügen über Subskalen (z. B. wird DEP unterteilt in DEP-C kognitiv, DEP-A affektiv und DEP-P physiologisch), was eine differenziertere klinische Beurteilung ermöglicht. Darüber hinaus liefert das PAI eine Reihe von Zusatzindizes, darunter Indizes zur Vorhersage von suizidalem und aggressivem Verhalten, Symptomüberbetonung und Defensivität.
Klinische Anwendung
Das PAI zählt international zu den am häufigsten eingesetzten multidimensionalen klinischen Inventaren. Im englischsprachigen Raum ist seine Popularität in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen, insbesondere in der forensischen Psychologie, bei der Risikobeurteilung und in der klinischen Forschung. Das PAI weist eine gute konvergente und diskriminante Validität sowie eine akzeptable Reliabilität auf.
Gegenüber dem MMPI bietet das PAI den Vorteil einer moderneren Konstruktionsmethodik, einer übersichtlicheren Skalenstruktur und einer kürzeren Durchführungsdauer. Nachteilig ist die im Vergleich zum MMPI geringere Forschungsbasis und das weniger elaborierte Validitätsskalensystem, insbesondere im Bereich der Symptomüberbetonung.
Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Eine für die klinische Routinediagnostik im DACH-Raum zugelassene Adaptation des PAI ist bislang nicht verfügbar. Für Forschungszwecke liegt eine deutschsprachige Standardisierung vor (Groves & Engel, 2007), die klinische Einsetzbarkeit im deutschen Sprachraum bleibt jedoch eingeschränkt.
Millon Clinical Multiaxial Inventory (MCMI-IV)
Theoretische Verankerung
Das MCMI-IV (Millon, Grossman & Millon, 2015) ist ein Persönlichkeitsinventar, das sich durch seine explizite Verankerung in Millons evolutionärer Persönlichkeitstheorie auszeichnet. Im Unterschied zum MMPI und PAI, die primär auf Symptomatologie und psychopathologische Dimensionen ausgerichtet sind, legt das MCMI-IV den Schwerpunkt auf die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen im Kontext von Persönlichkeitsmustern (Patterns). Klinische Syndrome werden dabei als Ausdruck der Dekompensation dieser grundlegenden Persönlichkeitsstrukturen konzeptualisiert.
Skalenstruktur
Das MCMI-IV umfasst 195 Items mit dichotomem Antwortformat (Richtig/Falsch).
| Kategorie | Skalenanzahl | Beispiele |
|---|---|---|
| Modifikationsindizes | 5 | Disclosure, Desirability, Debasement, Invalidity, Inconsistency |
| Skalen klinischer Persönlichkeitsmuster | 15 | Schizoid, vermeidend, depressiv, dependent, histrionisch, narzisstisch, antisozial, sadistisch, zwanghaft, negativistisch u. a. |
| Skalen schwerer Persönlichkeitspathologie | 3 | Schizotypisch, Borderline, paranoid |
| Skalen klinischer Syndrome | 7 | Angst, somatoforme Störungen, bipolare Störungen, Dysthymie, Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit, PTBS |
| Skalen schwerer klinischer Syndrome | 3 | Denkstörungen, schwere Depression, Wahnstörung |
Besonderheiten des MCMI
Ein wesentliches Merkmal des MCMI ist die Verwendung von Base-Rate-Scores (BR-Scores) anstelle von T-Werten. BR-Scores reflektieren die Prävalenz der einzelnen Störungen in der klinischen Population und sind so kalibriert, dass der Prozentsatz der durch den Test identifizierten Personen der geschätzten Prävalenz der jeweiligen Störung entspricht. Ein BR-Score von 75 kennzeichnet das Vorhandensein eines Merkmals oder Syndroms, ein BR-Score von 85 deutet auf dessen Prominenz hin.
Wichtiger Hinweis: Das MCMI ist ausschließlich für den Einsatz bei klinischen Populationen konzipiert (Patientinnen und Patienten, die psychiatrische oder psychologische Behandlung suchen oder erhalten). Die Anwendung bei der Allgemeinbevölkerung führt zu einer inakzeptabel hohen Rate falsch-positiver Befunde und ist methodisch nicht vertretbar.
Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Eine deutschsprachige Adaptation des MCMI-IV ist nicht verfügbar. Im DACH-Raum kann dieses Instrument daher nicht standardmäßig eingesetzt werden.
Symptomfragebögen und Screeninginstrumente
Im Unterschied zu multidimensionalen Persönlichkeitsinventaren sind Symptomfragebögen und Screeninginstrumente auf die Erfassung der aktuellen Ausprägung spezifischer Symptome oder Symptomdimensionen ausgerichtet. Sie sind typischerweise kürzer, schneller durchführbar und dienen häufig nicht nur der diagnostischen Beurteilung, sondern auch der Therapieverlaufskontrolle (Routine Outcome Monitoring, ROM).
Symptom-Checkliste-90-Revised (SCL-90-R) und Brief Symptom Inventory (BSI)
Die SCL-90-R (Derogatis, 1994) ist ein Selbstbeurteilungsfragebogen zur Erfassung der aktuellen psychopathologischen Belastung in der zurückliegenden Woche. Sie umfasst 90 Items, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden (0 = überhaupt nicht, 4 = sehr stark).
Dimensionale Struktur
| Dimension | Kürzel | Charakteristik |
|---|---|---|
| Somatisierung | SOM | Subjektiv erlebte körperliche Beschwerden und damit verbundene Belastung |
| Zwanghaftigkeit | O-C | Aufdringliche Gedanken, Zwangshandlungen, Zweifel |
| Unsicherheit im Sozialkontakt | I-S | Minderwertigkeitsgefühle, Insuffizienzerleben und Unbehagen in interpersonellen Situationen |
| Depressivität | DEP | Dysphorie, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken |
| Ängstlichkeit | ANX | Nervosität, Anspannung, Panikattacken, Angst |
| Aggressivität/Feindseligkeit | HOS | Reizbarkeit, Ärger, aggressive Impulse |
| Phobische Angst | PHOB | Irrationale Ängste, Vermeidungsverhalten |
| Paranoides Denken | PAR | Misstrauen, projektives Denken, Feindseligkeit |
| Psychotizismus | PSY | Rückzug, Isolation, Halluzinationen, schizoider Lebensstil |
Neben den neun Dimensionen liefert die SCL-90-R drei globale Kennwerte: den Global Severity Index (GSI) als Gesamtmaß der Belastung, den Positive Symptom Distress Index (PSDI), der die durchschnittliche Intensität der vorhandenen Symptome ausdrückt, und den Positive Symptom Total (PST), der die Anzahl der vorhandenen Symptome angibt.
Das Brief Symptom Inventory (BSI; Derogatis, 1993) ist die Kurzform mit 53 Items bei Beibehaltung der gleichen dimensionalen Struktur und globalen Kennwerte. Beide Versionen sind weltweit verbreitet, sowohl zum Screening als auch zur Therapieverlaufskontrolle. Im deutschsprachigen Raum sind validierte Adaptationen sowohl der SCL-90-R als auch des BSI (Franke, 2000; 2002) über den Hogrefe Verlag verfügbar und gehören zu den am häufigsten eingesetzten Symptomfragebögen.
Beck-Inventare (BDI-II, BAI, BHS)
Beck-Depressions-Inventar II (BDI-II)
Das BDI-II (Beck, Steer & Brown, 1996) ist ein 21-Item-Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung der Schwere depressiver Symptome in den vergangenen zwei Wochen. Jedes Item bietet vier abgestufte Antwortalternativen von 0 (Symptom nicht vorhanden) bis 3 (maximale Ausprägung). Der Gesamtwert liegt im Bereich von 0–63 Punkten.
| Wertebereich | Interpretation |
|---|---|
| 0–13 | Minimale depressive Symptomatik |
| 14–19 | Leichte Depression |
| 20–28 | Mittelgradige Depression |
| 29–63 | Schwere Depression |
Das BDI-II zählt zu den am häufigsten eingesetzten Instrumenten zur Beurteilung der Depressionsschwere in der klinischen Praxis und Forschung. Es wurde im diagnostischen Rahmen der Depression nach DSM-IV entwickelt und ist auch im aktuellen diagnostischen Kontext nach DSM-5 und ICD-11 weiterhin klinisch uneingeschränkt einsetzbar. Im deutschsprachigen Raum ist eine validierte Adaptation verfügbar (Hautzinger, Keller & Kühner, 2006; Pearson/Hogrefe).
Beck-Angst-Inventar (BAI)
Das BAI (Beck & Steer, 1993) umfasst 21 Items zur Erfassung somatischer und kognitiver Angstmanifestationen. Die Patientin oder der Patient bewertet die Schwere jedes Symptoms in der vergangenen Woche auf einer vierstufigen Skala (0–3). Das BAI ist stärker durch somatische Angstmanifestationen (Zittern, Schwindel, Herzrasen) gesättigt als durch kognitive, was bei bestimmten klinischen Fragestellungen sowohl ein Vorteil (Differenzierung von Depression) als auch eine Einschränkung (geringere Sensitivität für generalisierte Angst mit vorwiegend kognitiven Symptomen) sein kann. Eine deutschsprachige Adaptation ist über Pearson/Hogrefe verfügbar.
Beck-Hoffnungslosigkeits-Skala (BHS)
Die BHS (Beck & Steer, 1988) misst mit 20 Items (Richtig/Falsch) negative Erwartungen bezüglich der Zukunft in drei Dimensionen: Gefühle zur Zukunft, Motivationsverlust und negative Erwartungen. Hoffnungslosigkeit ist in Becks kognitivem Modell ein Schlüsselkonstrukt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Hoffnungslosigkeit ein stärkerer Prädiktor für suizidales Verhalten sein kann als die Depressionsschwere selbst.
PHQ-9 und GAD-7
Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9)
Der PHQ-9 (Kroenke, Spitzer & Williams, 2001) umfasst 9 Items, die inhaltlich den neun diagnostischen Kriterien einer depressiven Episode entsprechen. Ursprünglich wurde der PHQ-9 anhand der DSM-IV-Kriterien entwickelt; er ist mit den aktuellen DSM-5-Kriterien vollständig kompatibel. Die Patientin oder der Patient bewertet die Häufigkeit des Auftretens jedes Symptoms in den vergangenen zwei Wochen auf einer vierstufigen Skala (0 = überhaupt nicht, 3 = beinahe jeden Tag). Der Gesamtwert liegt im Bereich von 0–27.
Der PHQ-9 fungiert dual: als Maß der Depressionsschwere (dimensionaler Score) und als diagnostisches Screeninginstrument (ein Score ≥ 10 gilt als üblicher Cut-off für eine wahrscheinliche depressive Störung, mit guter Sensitivität und Spezifität). Das neunte Item fragt gezielt nach Gedanken an Selbstverletzung oder Tod und dient somit gleichzeitig als basales Suizidalitätsscreening.
Generalized Anxiety Disorder-7 (GAD-7)
Der GAD-7 (Spitzer, Kroenke, Williams & Löwe, 2006) umfasst 7 Items zur Erfassung der Symptome einer generalisierten Angststörung. Das Format ist identisch mit dem PHQ-9, der Gesamtwert liegt im Bereich von 0–21. Ein Cut-off-Score ≥ 10 wird üblicherweise zum Screening einer wahrscheinlichen generalisierten Angststörung verwendet.
Beide Instrumente sind frei verfügbar, einfach durchzuführen und verfügen über robuste psychometrische Eigenschaften. Sie wurden in Dutzenden von Sprachen und Kulturen validiert und sind weltweit sehr verbreitet, insbesondere in der Primärversorgung, der integrierten Verhaltensmedizin, in Stepped-Care-Modellen und in der Telepsychiatrie. Im deutschsprachigen Raum sind validierte Versionen beider Instrumente verfügbar und weit verbreitet. Der PHQ-9 wurde im deutschen Kontext von Löwe, Spitzer und Zipfel (2002) adaptiert, der GAD-7 stammt bereits aus einer deutsch-amerikanischen Arbeitsgruppe (Löwe et al., 2008).
Depression Anxiety Stress Scales (DASS-21)
Die DASS-21 (Lovibond & Lovibond, 1995) ist ein 21-Item-Instrument zur Erfassung dreier Dimensionen negativer emotionaler Zustände:
| Skala | Itemanzahl | Erfassungsbereich |
|---|---|---|
| Depression | 7 | Dysphorie, Hoffnungslosigkeit, Anhedonie, vermindertes Selbstwertgefühl, Interessenverlust |
| Angst | 7 | Autonome Erregung, situative Angst, subjektive Angst |
| Stress | 7 | Schwierigkeiten bei der Entspannung, nervöse Anspannung, Reizbarkeit, Agitiertheit |
Im Vergleich zum BDI-II und BAI bietet die DASS-21 den Vorteil der simultanen Erfassung dreier komorbid auftretender Dimensionen mit einem einzigen Instrument. Die Stressdimension erfasst dabei Aspekte unspezifischer psychischer Belastung, die von den Depressions- und Angstskalen nicht vollständig abgedeckt werden. Die DASS-21 ist frei verfügbar und weltweit verbreitet, insbesondere im Forschungskontext. Es gibt auch eine 42-Item-Langform (DASS-42), die in der Praxis jedoch seltener eingesetzt wird. Eine deutschsprachige Übersetzung liegt vor (Nilges & Essau, 2015) und weist zufriedenstellende psychometrische Eigenschaften auf.
Outcome Questionnaire-45 (OQ-45)
Der OQ-45 (Lambert, Hansen, Umphress et al., 1996) ist ein Selbstbeurteilungsfragebogen, der primär der Therapieverlaufskontrolle dient (Routine Outcome Monitoring, ROM). Im Unterschied zu den oben beschriebenen, primär diagnostisch orientierten Instrumenten wurde der OQ-45 spezifisch für die wiederholte Anwendung im Verlauf einer Psychotherapie konzipiert, um Veränderungen im Zustand der Patientin oder des Patienten zu erfassen.
Er umfasst 45 Items in drei Subskalen: Symptom Distress (subjektive psychische Belastung, vorwiegend Angst- und Depressionssymptomatik), Interpersonal Relations (Qualität und Zufriedenheit in interpersonellen Beziehungen) und Social Role (Funktionsfähigkeit in Arbeit, Studium und Freizeit). Der Gesamtscore und die Subskalenwerte ermöglichen die Berechnung des Reliable Change Index (RCI) und den Vergleich mit klinisch signifikanter Veränderung.
Der OQ-45 ist in das System OQ-Analyst integriert, das algorithmisch generiertes Feedback für Therapeutinnen und Therapeuten umfasst, einschließlich Warnsignalen bei Patientinnen und Patienten, deren Zustand sich verschlechtert. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass therapeutisches Feedback auf Basis der OQ-45-Daten die Behandlungsergebnisse bedeutsam verbessern kann, insbesondere bei Patientinnen und Patienten, die keine erwartungsgemäße Besserung zeigen (sogenannte Not-on-Track-Fälle).
Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Eine deutsche Adaptation liegt vor (EB-45; Haug et al., 2004), und ihre Eignung für das Outcome Monitoring wurde in mehreren Studien belegt. Die deutschsprachige Evidenzbasis ist vorhanden, im Vergleich zu im DACH-Raum etablierten Alternativen jedoch weniger breit ausgebaut. Als ergänzende oder alternative Instrumente für das ROM im deutschsprachigen Raum sei auf den Fragebogen zur Evaluation von Psychotherapieverläufen (FEP; Lutz et al., 2009) und den CORE-OM hingewiesen.
Weitere bedeutsame Selbstbeurteilungsinstrumente
Neben den oben ausführlich beschriebenen Instrumenten existiert eine Reihe weiterer weltweit eingesetzter Selbstbeurteilungsfragebögen, die auf spezifische klinische Bereiche ausgerichtet sind:
| Instrument | Autoren | Items | Erfassungsbereich | DACH |
|---|---|---|---|---|
| STAI (State-Trait Anxiety Inventory) | Spielberger (1983) | 40 | Zustandsangst und Eigenschaftsangst; differenziert zwischen aktuellem Angstzustand und Ängstlichkeit als überdauernder Disposition | Ja, validiert (Laux et al.) |
| PSQI (Pittsburgh Sleep Quality Index) | Buysse et al. (1989) | 19 | Schlafqualität im vergangenen Monat in 7 Komponenten (subjektive Qualität, Latenz, Dauer, Effizienz, Störungen, Medikation, Tagesdysfunktion) | Ja, validiert |
| PCL-5 (PTSD Checklist for DSM-5) | Weathers et al. (2013) | 20 | Schwere der PTBS-Symptome entsprechend den DSM-5-Kriterien in 4 Clustern | Ja, validiert |
| IES-R (Impact of Event Scale-Revised) | Weiss & Marmar (1997) | 22 | Subjektive Belastung nach einem traumatischen Ereignis: Intrusion, Vermeidung, Übererregung | Ja, validiert (Maercker & Schützwohl) |
| EDE-Q (Eating Disorder Examination Questionnaire) | Fairburn & Beglin (1994) | 28 | Essstörungspsychopathologie: Restriktion, Sorge um Nahrung, Körperform und Gewicht | Ja, validiert (Hilbert & Tuschen-Caffier) |
| DES (Dissociative Experiences Scale) | Bernstein & Putnam (1986) | 28 | Häufigkeit dissoziativer Erfahrungen; DES-T (Taxon) spezifisch pathologische Dissoziation | Ja, validiert (Freyberger et al.) |
| AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test) | Saunders et al. (1993) | 10 | Screening auf riskanten und schädlichen Alkoholkonsum (entwickelt von der WHO) | Ja, validiert |
| CORE-OM (Clinical Outcomes in Routine Evaluation) | Evans et al. (2000) | 34 | Gesamtpsychische Belastung für ROM: Wohlbefinden, Probleme, Funktionsfähigkeit, Risiko | Ja, validiert |
Zusammenfassende Übersicht
| Verfahren | Typ | Items | Haupterfassungsbereich | Dauer | Frei verfügbar | DACH |
|---|---|---|---|---|---|---|
| MMPI-2 | Multidimensional | 567 | Umfassende Psychopathologie, Persönlichkeit | 60–90 Min. | Nein | Ja, validiert |
| MMPI-2-RF | Multidimensional | 338 | Hierarchisches Modell der Psychopathologie | 35–50 Min. | Nein | Ja, validiert |
| PAI | Multidimensional | 344 | Klinische Syndrome, Behandlung, Risiken | 40–60 Min. | Nein | Nur Forschung |
| MCMI-IV | Multidimensional | 195 | Persönlichkeitsstörungen, klinische Syndrome | 25–35 Min. | Nein | Nein |
| SCL-90-R | Symptombezogen | 90 | Aktuelle Symptombelastung (9 Dimensionen) | 12–15 Min. | Nein | Ja, validiert |
| BDI-II | Symptombezogen | 21 | Depressionsschwere | 5–10 Min. | Nein | Ja, validiert |
| BAI | Symptombezogen | 21 | Angstschwere | 5–10 Min. | Nein | Ja, validiert |
| PHQ-9 | Screening | 9 | Depression | 3–5 Min. | Ja | Ja, validiert |
| GAD-7 | Screening | 7 | Generalisierte Angst | 3–5 Min. | Ja | Ja, validiert |
| DASS-21 | Symptombezogen | 21 | Depression, Angst, Stress | 5–10 Min. | Ja | Übersetzung |
| OQ-45 / EB-45 | ROM | 45 | Therapieverlauf | 5–10 Min. | Nein | Adaptation |
| STAI | Symptombezogen | 40 | Zustands- und Eigenschaftsangst | 10–15 Min. | Nein | Ja, validiert |
Fazit und klinische Empfehlungen
Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare sind ein unverzichtbarer Bestandteil des psychodiagnostischen Instrumentariums. Ihr sachgemäßer Einsatz erfordert nicht nur Kenntnisse der Skalenstruktur und Interpretationsregeln des jeweiligen Verfahrens, sondern auch ein Verständnis allgemeiner psychometrischer Prinzipien, der Grenzen des Selbstbeurteilungsformats und kontextueller Faktoren, die die Validität der Ergebnisse beeinflussen.
Die Wahl eines konkreten Instruments sollte sich an der klinischen Fragestellung orientieren. Für eine umfassende Erfassung von Psychopathologie und Persönlichkeit sind multidimensionale Inventare indiziert (MMPI-2/2-RF, gegebenenfalls PAI oder MCMI-IV, soweit verfügbar). Für die gezielte Erfassung spezifischer Symptomdimensionen eignen sich Symptomfragebögen (BDI-II, BAI, SCL-90-R). Für ein rasches Screening im Rahmen der Primärversorgung oder bei zeitlich begrenzten Kontexten bieten sich kurze Screeninginstrumente an (PHQ-9, GAD-7). Zur Therapieverlaufskontrolle empfehlen sich Verfahren, die für die wiederholte Anwendung konzipiert wurden (OQ-45/EB-45, CORE-OM oder im deutschsprachigen Raum auch der FEP).
Kein Selbstbeurteilungsfragebogen kann eine umfassende klinische Beurteilung ersetzen. Die Ergebnisse sollten stets mit weiteren diagnostischen Informationsquellen integriert werden – dem klinischen Interview, der Verhaltensbeobachtung, anamnestischen Angaben, Leistungstests und gegebenenfalls projektiven Verfahren. Erst die Konvergenz der Befunde aus mehreren unabhängigen Datenquellen ermöglicht zuverlässige diagnostische Schlussfolgerungen.
Im nächsten Teil dieser Reihe werden strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen vorgestellt – Verfahren, bei denen die geschulte Klinikerin oder der geschulte Kliniker die Beurteilung vornimmt, nicht die Patientin oder der Patient selbst.