Die MATRICS Consensus Cognitive Battery (MCCB) im DACH-Raum: eine Konsensbatterie zwischen internationalem Forschungsstandard und klinischer Routine

Kognitive Defizite gehören zu den Kernsymptomen der Schizophrenie und beeinflussen das psychosoziale Funktionsniveau der Patientinnen und Patienten nachweisbar stärker als positive Symptome und vergleichbar stark wie negative Symptome. Über Jahrzehnte stieß die Forschung zu kognitiv wirksamen Interventionen jedoch an eine methodische Grenze: Es gab keine allgemein anerkannte Standardbatterie zur Erfassung kognitiver Veränderungen in klinischen Studien. Verschiedene Studien verwendeten unterschiedliche Tests, Ergebnisse waren nicht vergleichbar, und Zulassungsbehörden hatten kein klares Kriterium zur Beurteilung kognitionsverbessernder Pharmaka.

Die Antwort auf diese Situation war die Initiative Measurement and Treatment Research to Improve Cognition in Schizophrenia (MATRICS), die das National Institute of Mental Health (NIMH) gemeinsam mit der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zu Beginn der 2000er-Jahre ins Leben rief. Ihr prominentestes Ergebnis ist die MATRICS Consensus Cognitive Battery (MCCB) – eine standardisierte Batterie aus zehn Tests, die sieben kognitive Domänen abdeckt und heute international als das am häufigsten eingesetzte Instrument zur Messung der Kognition bei Schizophrenie gilt.

Dieser Beitrag stellt die Struktur der MCCB, ihre psychometrischen Eigenschaften, ihre Stellung im deutschsprachigen Raum sowie praktische Aspekte ihres Einsatzes vor. Besonderes Augenmerk gilt dem Vergleich mit den Wechsler-Intelligenztests (HAWIE/WAIS) und der Frage, welche Methode welche klinische Fragestellung am besten beantwortet – eine Diskussion, die im DACH-Raum durch das bevorstehende Erscheinen der deutschen WAIS-5 im Herbst 2026 zusätzlich an Aktualität gewinnt.

Entstehung und Zweck der Batterie

Die MCCB ist nicht das Produkt einer einzelnen Forschungsgruppe, sondern Ergebnis eines strukturierten Konsensprozesses, an dem mehr als hundert Expertinnen und Experten aus akademischen Einrichtungen, der Regulierungsbehörde und der pharmazeutischen Industrie beteiligt waren. Die MATRICS-Initiative identifizierte zunächst sieben kognitive Zieldomänen, die sich in der bisherigen Schizophrenieforschung als klinisch relevant erwiesen hatten (Nuechterlein et al., 2004). Aus über 90 Kandidatentests wurde eine engere Auswahl von 36 Tests getroffen, anschließend eine Beta-Version mit 20 Tests an 176 Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie erprobt. Die finale Auswahl von zehn Tests wurde 2008 im American Journal of Psychiatry in zwei zusammengehörigen Arbeiten publiziert – Teil 1 zur Testauswahl, Reliabilität und Validität (Nuechterlein, Green, Kern et al., 2008) und Teil 2 zur gemeinsamen Normierung und Standardisierung (Kern, Nuechterlein, Green et al., 2008). Im selben Jahrgang erschien zudem eine ergänzende Studie zu funktionalen Co-Primary-Maßen (Green, Nuechterlein, Kern et al., 2008).

Das Ziel war ausdrücklich nicht, die umfassendste mögliche neuropsychologische Batterie zu konstruieren – viele der enthaltenen Tests sind seit Längerem als eigenständige Verfahren etabliert –, sondern sich auf ein gemeinsames Minimum zu verständigen, das fünf Kriterien erfüllt: gute Test-Retest-Reliabilität, Eignung für wiederholte Messungen, Bezug zum psychosozialen Funktionsniveau, potenzielle Sensitivität gegenüber pharmakologischen Interventionen und praktische Durchführbarkeit (Nuechterlein et al., 2008). Die MCCB ist somit kein Instrument für eine umfassende neuropsychologische Untersuchung. Sie ist ein Instrument zur Messung von Veränderung in klinischen Studien.

Nach der Anerkennung durch die FDA als Standard-Endpunkt für klinische Studien zur Kognition bei Schizophrenie wurde sie zum Referenzstandard dieses Forschungsfeldes – auch in Europa und im DACH-Raum.

Aufbau der Batterie

Die MCCB umfasst zehn individuell durchgeführte Tests, die in sieben kognitive Domänen gegliedert sind. Die Durchführungsdauer beträgt je nach untersuchter Person und Untersuchungssituation etwa 60–90 Minuten, in der klinischen Praxis liegt sie häufig im oberen Bereich dieser Spanne. Die Auswertung erfolgt über eine proprietäre Software (vertrieben von PAR, Inc.), die die Rohwerte in T-Werte (M = 50, SD = 10) umrechnet; die Werte sind alters- und geschlechtskorrigiert auf Basis einer amerikanischen Normstichprobe (Kern et al., 2008).

DomäneTestsErfasstes Konstrukt
VerarbeitungsgeschwindigkeitTrail Making Test (Part A), BACS Symbol-Coding, Category Fluency (Tiere)Visuomotorisches Tempo, semantische Generierung, grafomotorische Geschwindigkeit
Aufmerksamkeit / VigilanzContinuous Performance Test, Identical Pairs (CPT-IP)Daueraufmerksamkeit, Vigilanz
ArbeitsgedächtnisWMS-III Spatial Span, Letter–Number SpanVisuell-räumliches und verbales Arbeitsgedächtnis
Verbales LernenHopkins Verbal Learning Test–Revised (HVLT-R)Verbales Lernen und unmittelbarer Abruf
Visuelles LernenBrief Visuospatial Memory Test–Revised (BVMT-R)Visuell-räumliches Lernen und unmittelbarer Abruf
Schlussfolgerndes Denken und ProblemlösenNeuropsychological Assessment Battery, Subtest Mazes (NAB-Mazes)Planung, Antizipation, exekutive Funktionen
Soziale KognitionMayer–Salovey–Caruso Emotional Intelligence Test, Managing Emotions (MSCEIT-ME)Emotionsregulation im sozialen Kontext

Die Software erstellt T-Werte für jede Domäne, einen Overall Composite (Gesamtwert über alle sieben Domänen) sowie den neueren Neurocognitive Composite (Gesamtwert ohne soziale Kognition). Letzterer spiegelt die wachsende Erkenntnis wider, dass nicht-soziale und soziale Kognition trennbare Dimensionen darstellen, die unterschiedlich auf Interventionen reagieren können (Green et al., 2014).

Psychometrische Eigenschaften und Faktorenstruktur

Die ursprüngliche amerikanische Normstichprobe (Kern et al., 2008) zeigte eine hohe Test-Retest-Reliabilität (ICC = 0,88 für den Overall Composite) sowie geringe Übungseffekte bei wiederholter Testung – eine in klinischen Studien zentrale Eigenschaft, da andernfalls kognitive Verbesserungen nicht von bloßen Übungseffekten zu unterscheiden wären.

Die Faktorenstruktur der MCCB ist Gegenstand fortlaufender psychometrischer Forschung. McCleery et al. (2015) stützten in einer Reanalyse der Beta-Version der MCCB an 281 Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie die ursprünglich konzipierte Sieben-Faktoren-Lösung. Burton et al. (2013) fanden eine gute Passung für ein sparsameres Drei-Faktoren-Modell (Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit/Arbeitsgedächtnis, Lernen). Eine tschechische Validierungsstudie (Bezdíček et al., 2020) ergänzt die internationale Literatur durch den Befund einer Sechs-Faktoren-Struktur als optimaler Lösung für die tschechische Version. Für die klinische Interpretation bedeutet dies: Der Overall Composite ist ein gut interpretierbarer Gesamtindikator, während die Domänenwerte ergänzende Information liefern, die im Kontext des klinischen Gesamtbildes und der jeweiligen Fragestellung zu bewerten sind.

Defizitprofil bei Schizophrenie

Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie zeigen in der MCCB ein globales Defizit über alle sieben Domänen hinweg – typischerweise im Bereich von 1–2 SD unter Kontrollen, mit einem Overall Composite, der in einigen Studien bis zu 2,0–2,5 SD unter der Norm liegt (Kern et al., 2011). Die Defizite sind regelmäßig am stärksten ausgeprägt in der Verarbeitungsgeschwindigkeit und im Arbeitsgedächtnis, während Schlussfolgerndes Denken und Problemlösen (NAB Mazes) relativ weniger betroffen sind. Die soziale Kognition (MSCEIT-ME) ist ebenfalls beeinträchtigt, stellt jedoch eine eigenständige Dimension gegenüber den nicht-sozialen Defiziten dar.

Ein wichtiger psychometrischer Befund: Das Defizitmuster bei Schizophrenie ist eher global als stark differenziert. Diese Eigenschaft macht die MCCB zu einem geeigneten Instrument zur Verlaufsmessung – wenn eine Behandlung die Kognition beeinflusst, sollte sich der Effekt aufgrund des globalen Defizitcharakters im Overall Composite manifestieren und damit gut detektierbar sein.

MCCB im DACH-Raum: Forschungsstandard ohne Routineverankerung

Die Situation der MCCB im deutschsprachigen Raum ist ambivalent. Auf der einen Seite identifiziert die aktuelle deutsche Fachliteratur die Batterie als anerkannten Standard für klinische Studien zur Schizophrenie. Der Übersichtsartikel von Kambeitz-Ilankovic et al. (2025) in Der Nervenarzt – verfasst im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) von Autorinnen und Autoren der wichtigsten DACH-Zentren (LMU München, TU München, Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Universitätsklinikum Köln, Universitätsklinikum Münster) – bezeichnet die MCCB ausdrücklich als Standard für Studien und spezielle klinische Fragestellungen bei kognitiven Beeinträchtigungen im Rahmen der Schizophrenie (CIAS, Cognitive Impairment Associated with Schizophrenia). Im Rahmen multinationaler Studienprogramme, etwa des CONNEX-Programms zu Iclepertin, ist die MCCB auch in deutschen, österreichischen und schweizerischen Zentren ein etablierter Endpunkt.

Auf der anderen Seite fehlt der MCCB in der deutschen Sprachfassung das, was die WAIS-IV seit Langem hat: eine eigene, im DACH-Raum erhobene Normstichprobe. Stand 2026 stützt sich die deutsche MCCB auf die ursprünglichen amerikanischen Normen. Forschungsteams in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz, die in internationalen Studien mit der MCCB arbeiten, nehmen diesen methodischen Kompromiss bewusst in Kauf – mit dem bekannten Risiko eines systematischen kulturellen Bias. (Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass selbst eine vergleichsweise kleine Sprachregion wie Tschechien mittlerweile eine eigene MCCB-Normstichprobe mit N = 573 publiziert hat – Havlík et al., 2021.)

In der klinischen Routine wird die MCCB im DACH-Raum daher kaum eingesetzt. Hierfür gibt es drei Gründe: erstens die Durchführungsdauer von 60–90 Minuten, die im Stationsalltag selten zu vertreten ist; zweitens die Notwendigkeit gezielter Schulung und der Lizenzkosten der proprietären Software; drittens das Fehlen deutschsprachiger Normen, das die individualdiagnostische Interpretation einschränkt. In der Praxis hat in dieser Lücke die Brief Assessment of Cognition in Schizophrenia (BACS) die Funktion einer „klinischen MCCB“ übernommen. Die deutschsprachige BACS wurde in der bislang größten Kohorte schizophrener Patientinnen und Patienten im deutschsprachigen Raum validiert, zeigt sehr gute psychometrische Kennwerte, liefert deutschsprachige Validierungs- und Normdaten und kommt mit etwa 35 Minuten Durchführungsdauer aus. Für noch knappere Settings stehen kürzere Screenings zur Verfügung: die SCIP (Screen for Cognitive Impairment in Psychiatry, etwa 15 Minuten) und der B-CATS (Brief Cognitive Assessment Tool for Schizophrenia, etwa 10 Minuten), beide in der Übersicht von Kambeitz-Ilankovic et al. (2025) als Routinealternativen aufgeführt.

Die Konsequenz für den klinischen Alltag im DACH-Raum lässt sich als praxisnahe Faustregel zusammenfassen: MCCB für Studien, BACS für die klinische Routine, SCIP bzw. B-CATS für rasche Screenings. Die MCCB behält ihre Stellung dort, wo internationale Vergleichbarkeit und FDA-Anerkennung erforderlich sind; in der individualdiagnostischen Praxis ist sie in deutschsprachigen Kliniken die Ausnahme.

MCCB versus Wechsler-Skalen: Wann welches Instrument?

Die meisten der folgenden Punkte beschreiben den konzeptionellen Unterschied zwischen MCCB und Wechsler-Skalen als Instrumentenklassen und gelten unabhängig von der jeweils aktuellen Wechsler-Version: Gesamt-IQ (FSIQ) und Indexwerte liefert ausschließlich die WAIS; soziale Kognition und Vigilanz deckt hingegen ausschließlich die MCCB ab; systematisch entwickelte Parallelformen für Verlaufsmessungen gibt es ebenfalls nur bei der MCCB. Diese Hauptachse des Vergleichs verändert sich mit dem Übergang von WAIS-IV zu WAIS-5 nicht.

Die DACH-Praxis ergänzt jedoch einen besonderen Kontext, der bereits hier zu erwähnen ist: Aktuell ist im deutschsprachigen Raum die WAIS-IV (deutschsprachige Adaptation von Petermann, Pearson Frankfurt 2012) der klinische Standard. Sie steht in einer langen deutschsprachigen Wechsler-Tradition: Die ursprüngliche HAWIE (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene, 1956) war die deutschsprachige Adaptation der ersten WAIS (1955), gefolgt von HAWIE-R (1991, basierend auf WAIS-R), HAWIE-III (2000, basierend auf WAIS-III) und schließlich der WAIS-IV (2012). Die deutsche Adaptation der WAIS-5 ist laut Pearson Clinical Deutschland für Herbst 2026 angekündigt. Einige praktische Vorteile der MCCB im aktuellen DACH-Setting hängen spezifisch mit der Tatsache zusammen, dass die WAIS-IV bereits über zehn Jahre alt ist; nach Erscheinen der deutschen WAIS-5 werden diese Unterschiede teilweise relativiert. Auf diese Differenzierung komme ich am Ende dieses Abschnitts zurück.

Beide Instrumente liefern zugleich komplementäre Informationen: die WAIS als etabliertes Werkzeug für ein umfassendes Intelligenzprofil und für die Differenzialdiagnostik, die MCCB als spezialisiertes Instrument für die Erfassung schizophrenietypischer kognitiver Domänen und ihres Bezugs zum psychosozialen Funktionsniveau. Die Frage „MCCB oder Wechsler-Skala?“ hängt somit von der klinischen Fragestellung ab – nicht von der Diagnose.

Eine besondere psychometrische Stärke der MCCB ist hier hervorzuheben: Alle zehn Tests wurden gemeinsam an einer Normstichprobe normiert (Kern et al., 2008), was die direkte Vergleichbarkeit der T-Werte über alle Domänen hinweg sicherstellt. Die Auswahlkriterien der MCCB schlossen darüber hinaus ausdrücklich den Bezug zum funktionalen Outcome ein – die Batterie wurde von Beginn an mit dem Ziel konstruiert, kognitive Fähigkeiten zu messen, die für das psychosoziale Funktionsniveau relevant sind.

Klinische FragestellungGeeignetes InstrumentBegründung
Bestimmung des FSIQ und des allgemeinen IntelligenzniveausWAISDie MCCB liefert keinen IQ, sondern T-Werte für Domänen und Composites
Differenzialdiagnostik der IntelligenzminderungWAISStandardisierter IQ ist diagnostisch erforderlich (ICD-11, DSM-5)
Schätzung des prämorbiden IntelligenzniveausWAIS„Hold“-Subtests (Wortschatz, Allgemeines Wissen) sind deteriorationsresistent
Gutachterliche, forensische und sozialmedizinische PraxisWAISFSIQ und Indexwerte sind in GdB- und Erwerbsminderungsbegutachtungen institutionell anschlussfähig
Messung kognitiver Veränderung im Verlauf / in klinischen StudienMCCBParallelformen, minimale Übungseffekte, ICC = 0,88
Endpunkt in klinischen Studien zu kognitionsverbessernden InterventionenMCCBFDA-anerkannter Standard, internationale Vergleichbarkeit
Vorhersage des psychosozialen Funktionsniveaus bei SchizophrenieMCCBBezug zum funktionalen Outcome wurde im Auswahlprozess explizit berücksichtigt
Soziale KognitionMCCBMSCEIT-ME – soziale Kognition ist starker Prädiktor des Funktionsniveaus
Daueraufmerksamkeit / VigilanzMCCBCPT-IP – die WAIS deckt Vigilanz nicht ab
Transdiagnostischer Vergleich der Kognition (SCZ, ASS, BD)MCCBBelegte Messinvarianz über Diagnosen hinweg
Profil kognitiver Stärken und SchwächenWAISIpsatives Indexprofil und umfassende Intelligenzdiagnostik
Verlaufsmessung kognitiver RemediationMCCBSensitivität für Veränderung, verfügbare Parallelformen
Vergleichbarkeit der Werte über Domänen hinwegMCCBAlle zehn Tests wurden gemeinsam an einer Stichprobe normiert

Dieses Entscheidungsschema lässt sich auf eine einfache Faustregel verdichten: Lautet die klinische Frage „Wie ist diese Person?“, wählt man typischerweise die Wechsler-Skala. Lautet sie „Wie verändert sich diese Person?“ oder „Wie beeinflusst die Kognition das Funktionsniveau?“, wählt man typischerweise die MCCB. Im Kontext von Forschungsprojekten, klinischen Studien und strukturierten Programmen kognitiver Remediation ist die MCCB das Instrument der Wahl. Für ein umfassendes Intelligenzprofil und differenzialdiagnostische Fragestellungen in der psychologischen Routinediagnostik bietet die Wechsler-Skala die breitere Information.

Spezifik des DACH-Raums: GdB, Erwerbsminderung und die institutionelle Verankerung der WAIS

Ein im DACH-Raum besonders gewichtiges Argument für die WAIS ist ihre institutionelle Verankerung im sozialrechtlichen System. In gutachterlichen Stellungnahmen für die Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) in Deutschland, für die Erwerbsminderungsrente (Deutsche Rentenversicherung) sowie in vergleichbaren Verfahren in Österreich (Pflegegeld-Begutachtung, Berufsunfähigkeit) und der Schweiz (IV-Verfahren) sind FSIQ und Indexwerte aus der WAIS das Standardformat, das von Behörden, Gerichten und Versicherungen routinemäßig erwartet und verstanden wird. T-Werte aus der MCCB verfügen in diesem System über keine vergleichbare Anschlussfähigkeit. Für die forensisch-psychiatrische und sozialmedizinische Begutachtung im DACH-Raum bleibt die WAIS daher der Standard, den die MCCB nicht ersetzen kann – und auch nicht ersetzen will.

Aktueller Stand und Ausblick auf die deutsche WAIS-5

Konkret bezieht sich der DACH-Vergleich der MCCB mit der Wechsler-Skala derzeit auf die WAIS-IV (Petermann 2012, Normstichprobe N = 1.650 aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz, Altersbereich 16–89 Jahre). Diese Version weist in einigen Bereichen Begrenzungen auf, die unmittelbar mit den Stärken der MCCB im Schizophrenie-Setting korrespondieren. Der klassische Verarbeitungsgeschwindigkeitsindex der WAIS-IV erfordert eine motorische Antwort und kann bei Personen mit psychomotorischer Verlangsamung, sedierender antipsychotischer Medikation oder extrapyramidalen Nebenwirkungen verzerrt sein. Der zusammengefasste Index Wahrnehmungsgebundenes Logisches Denken trennt visuell-räumliche Fähigkeiten nicht von fluider Schlussfolgerung. Die deutschen Normen der WAIS-IV stammen aus dem Jahr 2012; in einigen Subgruppen ist die Aktualität des Referenzrahmens diskutabel. Im Ergebnis fällt der Vergleich MCCB versus WAIS-IV in der DACH-Praxis bei einigen schizophreniespezifischen Fragestellungen für die MCCB günstiger aus, als dies bei einem Vergleich mit einer modernen Wechsler-Version der Fall wäre.

Die deutsche WAIS-5 (Erscheinen Herbst 2026 laut Pearson Clinical Deutschland) wird diese Punkte zu einem guten Teil ausgleichen. Die Trennung des Visual Spatial Index (VSI) vom Fluid Reasoning Index (FRI) wird – wie bereits in der englischsprachigen WAIS-5 – eine genauere Analyse der nonverbalen Denkleistung ermöglichen, eine Differenzierung, die weder die WAIS-IV (Perceptual Reasoning Index) noch die WAIS-III leisten konnten. Der ergänzende Motor-Reduced Processing Speed Index wird eine Messung der Verarbeitungsgeschwindigkeit mit reduzierter motorischer Komponente bereitstellen – also genau jenes Konstrukt, das im Schizophrenie-Setting klinisch besonders wertvoll ist. Die Aktualisierung der Normen auf die gegenwärtige Population ist ein weiterer naheliegender Vorteil. (Die genaue Strukturierung der deutschen Adaptation bleibt bis zur Veröffentlichung des deutschen Manuals abzuwarten.)

Nach Erscheinen der deutschen WAIS-5 wird sich das Verhältnis zwischen MCCB und Wechsler-Skala in einigen klinischen Detailfragen verschieben: Die Wechsler-Skala wird in jenen Bereichen wieder an Bedeutung gewinnen, in denen die MCCB gegenüber der älteren WAIS-IV gegenwärtig spezifische Vorteile hat. Der konzeptionelle Unterschied bleibt jedoch bestehen: WAIS = umfassendes Intelligenzprofil und Differenzialdiagnostik, MCCB = domänenspezifische Verlaufsmessung in klinischen Studien und Programmen kognitiver Remediation.

Anwendung außerhalb der Schizophrenie

Die MCCB wurde als Endpunkt für Schizophreniestudien entwickelt, und ihre psychometrische Basis ist hier am stärksten. Im transdiagnostischen Einsatz ist die Lage differenzierter.

Bipolare affektive Störung. Für die bipolare Störung existiert die größte Validierungsbasis außerhalb der Schizophrenie. Die Metaanalyse von Yu et al. (2017) erfasste sieben klinische Studien (aus 88 identifizierten Treffern) mit insgesamt 487 Patientinnen und Patienten mit BD und 570 Kontrollen und belegte signifikante Defizite in allen sieben MCCB-Domänen – mit großer Effektstärke für Overall Composite und Verarbeitungsgeschwindigkeit (> 0,8), mittlerer in den meisten weiteren Domänen (0,5–0,8) und kleiner im Schlussfolgern und in der sozialen Kognition (0,2–0,5). Die MCCB ist heute integraler Bestandteil von Forschungsprotokollen der International Society for Bipolar Disorders (ISBD), insbesondere der ISBD-BANC-Batterie zur Kognitionserfassung bei BD.

Autismus-Spektrum-Störungen. Kuo et al. (2020) zeigten in einer multigruppen-konfirmatorischen Faktorenanalyse an 100 Erwachsenen mit Schizophrenie und 113 Erwachsenen mit ASS, dass die MCCB in beiden Gruppen dasselbe misst – identische Konfiguration, Magnituden und Beziehungsrichtungen zwischen den Domänen. Dieser Befund stützt die Verwendung der MCCB als standardisiertes Maß für die Kognitionserfassung bei Erwachsenen mit ASS und für transdiagnostische Vergleiche entlang des Autismus-Schizophrenie-Spektrums.

Depressive Störungen und weitere Indikationen. Für depressive Störungen existieren vielversprechende Daten zur diskriminativen Validität (insbesondere aus chinesischen und norwegischen Stichproben), die Anwendung bleibt jedoch primär forschungsbezogen. Für Suchterkrankungen ist die MCCB nicht validiert; hier sind Kombinationen aus WAIS und gezielten neuropsychologischen Tests (MoCA, Trail Making, Stroop) angemessener. Für Demenzen, Schädel-Hirn-Trauma und neurologische Erkrankungen ist die MCCB ungeeignet – sie deckt klassische neuropsychologische Domänen (Gedächtnisretention, Sprache, Visuokonstruktion) nicht hinreichend ab und bietet keine normative Abdeckung höherer Altersgruppen.

Praktische Aspekte für die DACH-Praxis

Bei der Einführung oder Verwendung der MCCB im deutschsprachigen Raum sind einige praktische Punkte zu beachten.

Erwerb und Schulung. Die MCCB ist über MATRICS Assessment, Inc. zu beziehen; die Software wird von PAR, Inc. vertrieben. Die Anwendung setzt eine fortgeschrittene testpsychologische bzw. neuropsychologische Qualifikation voraus (entsprechend dem PAR Level C). Die berufsrechtlichen Anforderungen für die individualdiagnostische Anwendung sind im jeweiligen Land zu prüfen; im DACH-Raum orientieren sich Anwenderinnen und Anwender typischerweise an einer einschlägigen klinisch-neuropsychologischen Qualifikation – in Deutschland etwa der GNP-Zertifizierung, in der Schweiz der FSP-Spezialisierung Klinische Neuropsychologie. Schulungsangebote werden international über MATRICS-akkreditierte Trainerinnen und Trainer angeboten.

Normproblematik in der individualdiagnostischen Anwendung. Solange keine deutschsprachige Normstichprobe vorliegt, sind die auf US-Normen basierenden MCCB-T-Werte in der individualdiagnostischen Interpretation zurückhaltend zu lesen und im Befund entsprechend zu kennzeichnen. Für klinische Studien und für intraindividuelle Verlaufsmessungen ist diese Limitation weniger gewichtig, da hier die Veränderung im Vordergrund steht – nicht der absolute Wert. Für die individualdiagnostische Standortbestimmung – etwa zur Begründung einer Indikation für kognitive Remediation – ist die kombinierte Verwendung mit der BACS oder mit einer Wechsler-Skala mit DACH-Normen empfehlenswert.

Wahl von Parallelformen bei Retests. Mehrere MCCB-Subtests (BACS Symbol-Coding, HVLT-R, BVMT-R, MSCEIT) existieren auch außerhalb der MCCB als eigenständige Verfahren. Wurde eine Person zuvor mit diesen Tests untersucht, sind für den Retest Parallelformen zu verwenden, die die MCCB im Rahmen der Lizenz bereitstellt.

Integration in DACH-Forschungsnetzwerke. Wer die MCCB im klinisch-akademischen Kontext nutzt, profitiert von der Anbindung an etablierte DACH-Netzwerke wie das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), die SFB- und Verbundprojekte zur Schizophrenieforschung an LMU, TUM, MPI Psychiatrie, Universitätsklinikum Köln und Münster sowie an die multinationalen Studien des CONNEX- und vergleichbarer Programme.

Fazit

Die MCCB ist auch im DACH-Raum der etablierte Referenzstandard für die Messung kognitiver Funktionen bei Schizophrenie in klinischen Studien und Forschungskontexten – eine Stellung, die durch FDA-Anerkennung als Studien-Endpunkt sowie durch die Übersichtsarbeit von Kambeitz-Ilankovic et al. (2025) in Der Nervenarzt explizit bestätigt wird. In der klinischen Routine dagegen wird ihre Funktion im deutschsprachigen Raum überwiegend durch die kürzere und mit deutschsprachigen Validierungsdaten unterlegte BACS sowie durch noch kompaktere Screenings (SCIP, B-CATS) übernommen. Die fehlende deutschsprachige Normstichprobe der MCCB bleibt für die individualdiagnostische Anwendung der zentrale limitierende Faktor.

Die Wechsler-Skalen behalten ihre Stellung als primäres Instrument für ein umfassendes Intelligenzprofil, für die Differenzialdiagnostik und insbesondere für die sozialmedizinische und gutachterliche Praxis, in der FSIQ und Indexwerte institutionell verankert sind. Aktuell ist das relevante Instrument die deutsche WAIS-IV (Petermann 2012); die deutsche WAIS-5 wird laut Pearson Clinical Deutschland im Herbst 2026 erscheinen und einige der Schwächen der WAIS-IV im Schizophrenie-Setting adressieren – insbesondere durch die Trennung von visuell-räumlichen und fluiden Fähigkeiten sowie durch den Motor-Reduced Processing Speed Index. Damit wird sich das Verhältnis zwischen MCCB und Wechsler-Skala in der DACH-Praxis in einigen Detailfragen neu justieren, ohne dass der konzeptionelle Unterschied der beiden Instrumentenklassen verschwinden würde.

MCCB und WAIS sind keine konkurrierenden, sondern komplementäre Instrumente. Die praktische Faustregel: Lautet die klinische Frage „Wie ist diese Person?“, wählt man die Wechsler-Skala. Lautet sie „Wie verändert sich diese Person?“ oder „Wie beeinflusst die Kognition das Funktionsniveau?“, wählt man die MCCB. Im Rahmen einer umfassenden Untersuchung ist die Kombination beider Verfahren bei vielen klinischen und wissenschaftlichen Fragestellungen sinnvoll. Die Frage „MCCB oder WAIS?“ ist nur sinnvoll im Kontext einer konkreten klinischen Fragestellung, die das Verfahren beantworten soll.


Hauptquellen

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