Die Society for Personality Assessment (SPA), eine internationale Fachgesellschaft für Persönlichkeitsdiagnostik, veranstaltete ihre Annual Workshops & Convention vom 25. bis 29. März 2026 im Sheraton Centre Toronto Hotel in Toronto, Kanada. Es handelte sich um die erste SPA-Konvention in der Geschichte der Gesellschaft, die außerhalb der Vereinigten Staaten ausgerichtet wurde – ein symbolischer Schritt, der auch der inhaltlichen Ausrichtung des Programms entsprach, das in besonderer Weise auf internationale Repräsentation, kulturelle Sensibilität und die Integration neuer methodischer Entwicklungen abzielte. Das Programm bot mehr als 100 CEU-Fortbildungspunkte; zu den zentralen Formaten gehörten vier Featured Lectures bzw. Featured Sessions, ergänzt durch Workshops, Deep Dives, Symposien, Posterpräsentationen und thematische Tracks.
Der vorliegende Beitrag fasst die zentralen inhaltlichen Linien der Tagung zusammen, wie sie aus dem offiziellen Programm hervorgehen, und ordnet sie in ihrer Bedeutung für die europäische – insbesondere für die deutschsprachige – psychodiagnostische Praxis ein. Im Mittelpunkt stehen die vier Featured Lectures, die Stellung von Künstlicher Intelligenz und ökologischer Messung im Programm, die Linie der multimethodalen Diagnostik und der dimensionalen Persönlichkeitsbeurteilung sowie die Dimension der Inklusion und sozialen Gerechtigkeit, die in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil des intellektuellen Profils der SPA geworden ist.
Der zentrale Rahmen: vom statischen Profil zum dynamischen Prozess
Wenn das Programm der Toronto-Tagung in einem einzigen Motiv zusammengefasst werden soll, dann ist es die Verschiebung vom isolierten Testscoring zu einem integrierten Verständnis des Menschen in Zeit, Beziehungen, Kontext und klinischem Prozess. Die Programmankündigung betonte ausdrücklich, dass Persönlichkeitsdiagnostik Psychometrie, klinisches Denken, narrative Daten, Fremdbeurteilungen, leistungsbasierte Verfahren und neue Technologien zu kombinieren habe, anstatt sich auf nur einen Test oder einen einzigen Datentyp zu stützen. Diese Linie zog sich durch alle Programmformate, von kurzen Paper-Präsentationen bis hin zu ganztägigen Pre-Convention-Workshops.
Das zweite markante Motiv betraf die Stellung von Technologie. Die Konvention ließ sich nicht auf polarisierte Debatten ein, ob Künstliche Intelligenz die Klinikerin oder den Kliniker „ersetzen” werde, sondern fragte vielmehr, wie KI valide eingesetzt werden kann, wie ihre Fehler einzugrenzen sind und wie sie ethisch und klinisch verantwortungsvoll in den diagnostischen Prozess eingebettet werden kann. Die dritte Linie war die konsequente Unterscheidung zwischen Trait und Funktionsniveau – wiederholt wurde betont, dass ein Trait nicht ohne kulturellen Kontext, Beziehungsfeld, Entwicklungsdynamik und subjektive Erfahrung der Klientin oder des Klienten interpretiert werden kann.
Die vier Featured Lectures
| Beitrag | Kernaussage | Praktische Implikation |
|---|---|---|
| Panel „Assessing Personality as it is Lived“ — Roche, Natoli, Lewis; Moderation/Discussant: Cain | Persönlichkeit ist so zu erfassen, wie sie sich im Alltag, in Kontexten und Beziehungen zeigt. | EMA und technologiegestützte Verfahren können klassische Tests um alltagsnahe Prozessdaten ergänzen. |
| John Kurtz – Bruno Klopfer Award Lecture: Searching for Methods in the Madness | Klinische Komplexität verlangt multimethodale Diagnostik und mehrere Datenquellen. | Informantenberichte, Sentence-Completion-Verfahren, PAI und narrative Verfahren erfassen unterschiedliche Schichten des Funktionierens. |
| Marc Fournier – Wisdom | Selbstbeurteilungs- und Leistungsmaße von Weisheit erfassen unterschiedliche Aspekte desselben Konstrukts. | Methodenkonvergenz darf nicht vorausgesetzt werden; jede Messperspektive liefert eigene Information. |
| Åse-Line Baltzersen – Same Trait, Different Function (Keynote) | Derselbe Trait kann je nach Funktionsniveau destruktiv, neutral oder protektiv wirken. | Diagnostisch relevant ist nicht nur das Vorhandensein eines Traits, sondern auch seine Funktion im Kontext von Selbst- und interpersonellem Funktionieren. |
Das Eröffnungspanel „Assessing Personality as it is Lived” war eine programmatische Erklärung der gesamten Konvention: ein Zugang zur Persönlichkeit als einem dynamischen Phänomen, das sich in konkreten Situationen, Beziehungen und Alltagsmomenten konstituiert. Die Beiträge verbanden Ecological Momentary Assessment, maschinelles Lernen und klinische Kasuistik aus der stationären Behandlung. Michael Roche zeigte, wie Experience Sampling Methodology den idiographischen und den nomothetischen Blick verknüpfen kann – typischerweise so, dass kontextuelle Variablen (etwa Diskriminierungserfahrungen) modulieren, wie sich ein Trait in einem konkreten Moment manifestiert. Katie Lewis stellte ein einjähriges Follow-up einer Patientin oder eines Patienten in stationärer Behandlung vor, in dem EMA Daten zum täglichen interpersonellen Verhalten und Erleben lieferte. Adam Natoli skizzierte schließlich Versprechen und interpretatorische Risiken des maschinellen Lernens und generativer Modelle für die Analyse von Persönlichkeitsdaten. Die Diskussion moderierte Nicole Cain.
Die Bruno Klopfer Award Lecture von John Kurtz war im Kern eine Verteidigung des methodologischen Pluralismus. Kurtz zeigte anhand seines eigenen Forschungswegs, wie unterschiedliche Datenquellen unterschiedliche Schichten persönlichkeitsbezogenen Funktionierens erfassen: Informanten erlauben es, die Stabilität von Traits über soziale Kontexte hinweg zu untersuchen; Sentence-Completion-Verfahren ermöglichen die Arbeit mit Loevingers Konstrukt der Ich-Entwicklung; und das PAI lässt sich nutzen, um habituelle Defensivität von bewusster Dissimulation psychischer Pathologie zu unterscheiden. Sein aktuelles narratives Forschungsprojekt analysierte Erzählungen junger Erwachsener über den Lockdown während der COVID-19-Pandemie hinsichtlich Wachstumsmotivation, Identität, Selbstkohärenz und emotionaler Investition – und diese narrativen Variablen erwiesen sich als signifikante Prädiktoren des aktuellen selbstberichteten Wohlbefindens.
Der Vortrag von Marc Fournier über Weisheit vermittelte eine auf den ersten Blick distanzierte, im Grunde aber allgemein gültige methodologische Botschaft: Selbst theoretisch reichhaltige Konstrukte können methodisch problematisch sein, wenn Leistungs- und Selbstbeurteilungsmaße nicht konvergieren. Weisheit wurde in der Programmankündigung als moralisch fundierte Exzellenz im sozial-kognitiven Umgang mit schlecht strukturierten Lebensproblemen definiert. Fournier erörterte zudem die Frage, ob die Abwesenheit von Narzissmus eine notwendige Bedingung von Weisheit darstellt, und streifte die Rolle generativer KI in der zukünftigen Forschung zu diesem Konstrukt.
Die Keynote von Åse-Line Baltzersen war die erste Featured Lecture der SPA, die ausdrücklich auf gelebter Erfahrung („lived experience”) beruhte. Baltzersens Exposition verband persönliches Narrativ, klinische Aufzeichnungen und Reflexionen über Genesung mit den diagnostischen Rahmenwerken der ICD-11 und des Alternativen Modells für Persönlichkeitsstörungen im DSM-5 (AMPD). Die zentrale These – same trait, different function – wurde an der Transformation impulsiver Selbstdestruktivität in eine spontane, auf bereichernde Umfelder gerichtete Neugier illustriert. Aus Sicht der klinischen Fallformulierung ist dies eine wichtige Korrektur eines rein traitorientierten Denkens: Die Bedeutung eines Traits verändert sich mit dem Niveau des Selbst- und interpersonellen Funktionierens.
Künstliche Intelligenz: vorsichtige Integration statt Automatisierung
Künstliche Intelligenz war in Toronto kein Randthema, sondern eine der zentralen Programmachsen. Der Workshop „The Bot Joins Here” führte die Teilnehmenden in die Implementierung KI-gestützter narrativer Beurteilungen ein; ein Deep-Dive-Block widmete sich der ethischen Nutzung von KI in Lehre und Praxis; die Sektion „AI in Psychological Assessment” umfasste die Validierung von KI-Kodierern für Rorschach-Morbid-Inhalte, einen Validierungsrahmen für KI im klinischen Persönlichkeitsassessment und die digitale Verknüpfung von R-PAS-Daten mit der Formulierung des PDM-2.
Für die Praxis ist die Kernaussage entscheidend, dass KI als Werkzeug zur Erweiterung der analytischen Kapazität verstanden wurde – nicht als Ersatz der Klinikerin oder des Klinikers. Wiederholt wurden die Validierung gegenüber klinischen Kriterien, die Interpretationsgrenzen, ethische Aspekte und die klinische Verantwortung betont. In diesem Sinne verfolgte die Konvention eine Linie, die als „vorsichtige Integration” bezeichnet werden kann: KI kann den Aufwand der narrativen Kodierung verringern, Muster in großen Datenmengen aufdecken und die Lehre unterstützen, doch das klinische Urteil bleibt das zentrale und nicht delegierbare Element.
Bemerkenswert war eine Gruppe von Beiträgen zu KI-gestütztem Malingering – also zu Simulation und Aggravation, die mithilfe von KI vorbereitet werden. Diese neue Form der Validitätsbedrohung zwingt forensische Diagnostiker dazu, die bisherigen Rahmenwerke des Symptom-Validity-Testings zu aktualisieren.
Multimethodale Diagnostik, Validität und klassische Verfahren
Eine zweite starke Linie des Programms war das, was sich als Renaissance der multimethodalen Beurteilung beschreiben lässt. Diese Linie zeigte sich in Kurtz‘ Vortrag, durchzog jedoch die gesamte Parallelstruktur. Rorschach und R-PAS wurden als Verfahren präsentiert, die zugleich digitalisiert (Äquivalenz von Fern- und Präsenzadministration in US-amerikanischen und brasilianischen Stichproben), empirisch validiert (visuelle Aufmerksamkeit, prädiktive Validität für interpersonelle Dynamik und aggressives Verhalten) und in neuropsychologische, forensische sowie therapeutische Anwendungen erweitert werden.
Das MMPI-3 war stark vertreten – in Beiträgen zu Skalenentwicklung, Protokollvalidität, präoperativen psychologischen Evaluationen (einschließlich bariatrischer Settings), Anwendungen im Justizvollzug und in forensisch-korrektionellen Settings sowie zu Fragen der differentiellen Validität. Das Programm enthielt Beiträge zu ethnischen und geschlechtlichen Unterschieden in MMPI-3-Profilen, zur Abbildung von Experiential Avoidance auf MMPI-3-Skalen sowie zur Nutzung von Item-Response-Latenzen als Indikator für Protokollvalidität. Für die deutschsprachige Praxis ist dieser Bereich relevant, weil er hilft zu verstehen, in welche Richtung sich das Verfahren international entwickelt und was bei der Übersetzung der Befunde in europäische Adaptationen zu erwarten ist.
Eigenständige Aufmerksamkeit verdient die Linie von Symptom Validity und Response Bias (Antwortverzerrung). Das Symposium am Freitag deckte Criterion-Groups-Forschung, negativen Response Bias im MMPI-3 und eingebettete Symptom-Validity-Tests ab. Die forensischen Blöcke behandelten unter anderem das neue Response Bias Inventory und subtilen positiven Response Bias in R-PAS-Protokollen aus sorgerechtlichen Begutachtungen – ein Bereich, der für die forensische Praxis im DACH-Raum dauerhaft aktuell bleibt.
Dimensionale Diagnostik und klinische Anwendungen
Die dritte Achse der Konferenz betraf die Implementierung des dimensionalen Modells der Persönlichkeitspathologie. Die Sektionen zum AMPD und zu verwandten Rahmenwerken behandelten konkrete praktische Fragen: Wie lässt sich das dimensionale Modell in klinische Entscheidungen übersetzen? Wie wird es bei Kindern und Jugendlichen angewendet? Wie kann der Wechsel von der kategorialen Diagnose zur dimensionalen Formulierung Patientinnen und Patienten erklärt werden? Und wie lassen sich dimensionale Daten mit dem klassischen psychometrischen Profil (PID-5, ICD-11-Trait-Domänen, Niveau des Persönlichkeitsfunktionierens) integrieren?
Therapeutic Assessment und kollaborative Beurteilung (collaborative assessment) wurden als methodische Zugänge vorgestellt, die die Diagnostik von der Beschreibung zur Intervention transformieren. Das Programm enthielt eine fortlaufende Kasuistik „Therapeutic Assessment Case Study In-Progress” mit schrittweise präsentierten Ergebnissen aus MMPI-3, CWS und EMP. Weitere Blöcke widmeten sich Feedback-Strategien, Gegenübertragung, der Arbeit mit Trauma mittels leistungsbasierter Testverfahren, dem Wartegg-Test, der Early Memories Procedure und der Einbeziehung von Bezugspersonen in das Kinder- und Jugendlichenassessment.
Bemerkenswert waren die Deep-Dive-Blöcke – dreistündige Weiterbildungssektionen zu ausgewählten Themen: ethische Nutzung von KI (Dyette & Roberts), fortgeschrittene integrative Diagnostik (Krishnamurthy & Smith) und der LEAF-Block, der Personen mit gelebter Erfahrung und ihre Familien in die Reflexion des diagnostischen Prozesses einbezog. Diese Struktur signalisiert eine Bewegung der SPA von einer rein technischen Ausrichtung hin zu einer ethisch und beziehungssensiblen Praxis.
Equity, Inclusion & Social Justice
Die Linie EISJ (Equity, Inclusion & Social Justice) war in Toronto ein vollwertiger Bestandteil des Programms, nicht eine Nebendimension. Die Beiträge widmeten sich dem differentiellen Item-Funktionieren bei sexuellen und Geschlechtsminderheiten, der PID-5-Konvergenz bei sexuellen Minderheiten, dem kulturellen Assessment nicht-minorisierter Klientinnen und Klienten sowie unterstützenden Veranstaltungen für Trainees of Color, neurodivergente Fachkräfte und LGBTQ+-Communities. Damit reagiert die SPA aktiv auf das Bedürfnis nach größerer kultureller Sensibilität in der diagnostischen Praxis – ein Thema, das auch für den deutschsprachigen Raum relevant ist, in dem sich Fragen der transkulturellen Diagnostik erst schrittweise institutionalisieren.
Was aus Toronto für die deutschsprachige Praxis mitgenommen werden kann
Die zentralen Botschaften der SPA-Konferenz 2026 lassen sich in drei Punkten formulieren, die unmittelbare Implikationen auch für die Praxis im DACH-Raum haben.
Erstens: Persönlichkeitsdiagnostik bewegt sich vom isolierten Testscoring hin zu einem integrierten, multimethodalen und prozessorientierten Zugang. Für die deutschsprachige Diagnostikerin und den Diagnostiker bedeutet dies, dass die Kombination von MMPI-2 / MMPI-2-RF / MMPI-3 oder PAI mit der Rorschach-Methode (R-PAS), mit dimensionalen Instrumenten (PID-5, ICD-11-Trait-Domänen) sowie mit Informanten- oder narrativen Daten kein bloß traditioneller Habitus ist, sondern aktueller internationaler Standard. Die im DACH-Raum etablierte OPD-3 fügt sich in diese Konstellation als psychodynamisch ausdifferenziertes Komplement nahtlos ein.
Zweitens: Technologie gehört in die Diagnostik – als Werkzeug, nicht als Ersatz des klinischen Urteils. KI und EMA können das Spektrum der Beurteilung um ökologisch validere Daten und neue Analyseansätze erweitern, doch ihr Einsatz erfordert Validierung, ethische Reflexion und kontinuierliche klinische Kontrolle. Für die europäische Praxis ist es wesentlich, dass diese Linie nicht im Widerspruch zu sorgfältiger Regulierung steht – sie stützt sie methodologisch.
Drittens: Die dimensionale Diagnostik hört auf, ein theoretisches Programm zu sein, und wird zum praktisch implementierten Standard. Für die Diagnostikerin und den Diagnostiker im deutschsprachigen Raum, in dem das dimensionale Denken sowohl in der psychodynamischen (OPD) als auch in der psychometrischen Tradition tief verwurzelt ist, stellt dies eine willkommene Annäherung an die bislang überwiegend angloamerikanisch geprägte Linie dar.
Aus Sicht der klinischen Fallformulierung bleibt die nachhaltigste Botschaft Baltzersens These: same trait, different function. Sie erinnert daran, dass ein Trait ohne den Kontext des Funktionsniveaus keine Diagnose ist, sondern lediglich eine Ausgangsinformation. Toronto 2026 hat diese Idee in den weiteren Rahmen einer aktuellen internationalen Entwicklungslinie eingebettet: hin zu einer dimensionalen, multimethodalen, technologisch informierten und klinisch verantwortungsvollen Diagnostik.
Hauptquellen
- Society for Personality Assessment. (2026). 2026 SPA Convention. www.personality.org/events/2026-spa-convention
- Society for Personality Assessment. (2026). 2026 SPA Workshops & Convention – Programm. www.personality.org/2026-spa-convention
- Society for Personality Assessment. (2026). Schedule at a glance. PDF
- Society for Personality Assessment. (2026). 2026 MMPI/MPQ Research Symposium. www.personality.org/2026-mmpi-mpq-symposium
- Society for Personality Assessment. (2026). 2026 SITAR Conference. www.personality.org/2026-sitar-conference