Wenn eine Psychologin oder ein Psychologe mit dem Rorschach-Test, dem TAT oder dem Wartegg-Zeichenergänzungstest arbeitet, spricht sie oder er fast selbstverständlich von projektiven Verfahren. Es ist ein Begriff, den jede und jeder kennt, der eine Ausbildung in klinischer Psychologie durchlaufen hat. Er ist in Lehrbüchern verankert, in Curricula und im alltäglichen Fachdiskurs. Und doch wird er in der internationalen Literatur seit geraumer Zeit immer zurückhaltender verwendet.
Was ist geschehen? Und spielt das überhaupt eine Rolle?
Woher das Wort „projektiv“ stammt
Den Begriff projektive Methode prägte Lawrence Frank im Jahr 1939. Er ging vom psychoanalytischen Konzept der Projektion aus: Ein Mensch, der mit einem mehrdeutigen Reiz konfrontiert wird, projiziert unweigerlich eigene innere Inhalte hinein – Wünsche, Ängste, Konflikte und Wahrnehmungsmuster. Die Bezeichnung setzte sich durch und wurde auf eine ganze Familie von Verfahren übertragen: Rorschach, TAT, zeichnerische Techniken, Satzergänzungsverfahren und andere.
Dabei gibt es ein Paradox. Hermann Rorschach, der Urheber des gleichnamigen Tests, hat sein Verfahren nie als projektiv bezeichnet. Er konnte es auch gar nicht, denn er starb 1922, siebzehn Jahre bevor Frank den Begriff einführte. Noch wichtiger ist, dass Rorschach seinen Test ausdrücklich als perzeptiv-kognitive Methode konzipierte. Ihn interessierte, wie ein Mensch Tintenkleckse wahrnimmt und wie er seine Wahrnehmung organisiert – nicht in erster Linie, was er aus dem Unbewussten in sie hineinprojiziert.
Die Bezeichnung „projektiv“ kam also erst nachträglich hinzu und brachte einen bestimmten Deutungsrahmen mit sich: den Fokus auf den Inhalt, auf das, was jemand sieht und sagt. Dadurch geriet jedoch eine zweite, nicht minder wesentliche Seite in den Hintergrund: das Wie der Reizverarbeitung. Und genau hier setzt der gegenwärtige Begriffswandel an.
Von der Projektion zur Leistung
In der aktuellen englischsprachigen Fachliteratur ist immer häufiger von Performance-Based Measures die Rede, also von Verfahren, bei denen die Art und Weise der Aufgabenbewältigung im Zentrum steht. Dabei handelt es sich nicht um eine rein akademische Umbenennung. Dahinter steht ein tatsächlicher Wandel im Verständnis dieser Methoden und in dem, worauf wir bei ihrer Interpretation achten.
Am deutlichsten zeigt sich dieser Wandel beim Rorschach-Test. Das R-PAS (Rorschach Performance Assessment System), das heute zu den am weitesten ausgearbeiteten Ansätzen für Administration und Auswertung des Rorschach-Tests zählt, macht bereits im Namen deutlich, worum es geht: um die Beurteilung der Leistung. Das Wort „projektiv“ kommt darin nicht vor. Und das ist kein Zufall. Die Entwickler des R-PAS knüpfen damit bewusst an den ursprünglichen Rorschach an, der seinen Test als wahrnehmungs- und erkenntnisbasierte Aufgabe verstand und nicht primär als Projektionsverfahren.
Ein ähnlicher Wandel vollzieht sich auch bei anderen Methoden. Beim TAT wird heute stärker die Qualität der narrativen Verarbeitung betont: wie die Testperson eine Geschichte organisiert, wie sie Ursachen und Wirkungen verknüpft und wie sie mit Mehrdeutigkeit umgeht. Beim Wartegg-Test erfasst das Crisi-Wartegg-System (CWS) nicht nur den Zeichnungsinhalt, sondern auch die Formqualität, die Übereinstimmung mit dem Evokationscharakter der einzelnen Felder und eine ganze Reihe formaler Indikatoren. In allen drei Fällen verschiebt sich der Schwerpunkt: weg von dem, was jemand projiziert, hin zu der Frage, wie Informationen verarbeitet werden.
Warum das wichtig ist
Es mag so scheinen, als ginge es nur um Worte. Doch Terminologie formt das Denken. Wenn wir „projektiver Test“ sagen, evoziert das einen bestimmten Zugang: Wir suchen nach unbewussten Inhalten, interpretieren Symbolik und versuchen zu verstehen, was sich unter der Oberfläche verbirgt. All das kann legitim und nützlich sein.
Wenn wir hingegen von einem „leistungsbasierten Verfahren“ sprechen, lenken wir die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung: auf kognitive Prozesse, auf die Qualität der Informationsverarbeitung und darauf, wie gut ein Mensch die perzeptiven und organisatorischen Anforderungen einer Aufgabe bewältigt. Diese Sichtweise eignet sich besser für empirische Überprüfung, normative Vergleiche und die Integration mit anderen diagnostischen Instrumenten.
Das bedeutet natürlich nicht, dass der projektive Aspekt dieser Verfahren aufgehört hätte zu existieren. Menschen bringen weiterhin eigene innere Muster in mehrdeutige Reize ein. Der Begriffswandel spiegelt jedoch eine Verschiebung in dem wider, was wir als Kern der diagnostischen Information betrachten. Es geht also nicht um ein Entweder-oder – Projektion oder Leistung. Es ist beides. Die aktuelle Terminologie betont allerdings, dass die leistungsbezogene Seite lange zu wenig beachtet wurde – und dieselbe Aufmerksamkeit verdient.
Der Kreis schließt sich
Darin liegt eine gewisse Ironie. Hermann Rorschach verstand seinen Test von Anfang an als perzeptiv-kognitive Aufgabe. Dann kam Franks Etikett „projektiv“, das über Jahrzehnte hinweg bestimmte, wie wir über diese Methoden nachdachten. Und nun kehren wir – mit dem R-PAS, dem CWS und mit aktuellen Ansätzen zum TAT – im Grunde dorthin zurück, wo Rorschach begonnen hatte: zur Frage, wie ein Mensch wahrnimmt und wie er das Wahrgenommene organisiert.
Im deutschsprachigen Raum wird die Bezeichnung „projektiv“ so bald wohl nicht verschwinden – und das muss sie auch nicht. Sie ist funktional und allgemein verständlich. Doch es lohnt sich, im Blick zu behalten, dass sich hinter dieser Benennung eine größere Geschichte verbirgt: eine Geschichte darüber, was wir eigentlich messen, wenn wir jemandem einen Tintenklecks, ein Bild oder acht kleine Felder mit einfachen grafischen Vorgaben vorlegen.
Dieser Beitrag ergänzt die Reihe zu Denkstörungen und Wahrnehmungsstörungen, die auf folgendem Werk basiert: Kleiger, J. H. & Weiner, I. B. (Hrsg.) (2021). Psychological Assessment of Disordered Thinking and Perception. APA.