Von der Zürcher Klecksografie zum Berner Archiv: Hundert Jahre Tintenkleckse in der Schweiz, Deutschland und Österreich
Die Rorschach-Methode zählt zu den bekanntesten und international am weitesten rezipierten psychodiagnostischen Verfahren weltweit. Ihre Entstehung ist eng mit dem deutschsprachigen Raum verbunden. Prägend waren insbesondere die schweizerische psychiatrische Tradition des frühen 20. Jahrhunderts, die Zürcher Universitätsklinik Burghölzli, die psychoanalytische Bewegung in der Schweiz und der Verlag Hans Huber in Bern. Der vorliegende Beitrag bietet einen Überblick über die historische Entwicklung der Rorschach-Methode im deutschsprachigen Raum, von ihren Vorläufern über Entstehung und frühe Verbreitung bis hin zum gegenwärtigen Stand in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich.
Vorläufer: Klecksografie und die Anfänge der Arbeit mit Tintenklecksen
Die Idee, Tintenkleckse für psychologische Zwecke zu nutzen, stammt nicht unmittelbar von Hermann Rorschach. Bereits 1857 veröffentlichte der deutsche Arzt und Dichter Justinus Kerner (1786–1862) sein Buch Kleksographien, in dem er Gedichte vorstellte, die von zufälligen Tintenbildern inspiriert waren, welche durch das Falten beklecksten Papiers entstanden. Kerners Technik, die sogenannte Klecksografie, erfreute sich im deutschsprachigen Raum einiger Beliebtheit und stellte einen der ersten Versuche dar, systematisch mit ambivalenten visuellen Reizen zu arbeiten. 1892 erschien in der deutschen humoristischen Zeitschrift Fliegende Blätter die erste Fassung der berühmten optischen Illusion Ente–Kaninchen, die das Prinzip der Zweideutigkeit visueller Wahrnehmung veranschaulicht.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beschäftigte sich auch der französische Psychologe Alfred Binet (1857–1911) mit Tintenklecksen. Binet war von 1883 bis 1890 an der Klinik Salpêtrière unter Jean-Martin Charcot tätig. Nach seinem Weggang 1890 wechselte er an die Sorbonne, wo er sich der experimentellen Psychologie zuwandte. Erst in dieser späteren Phase experimentierte er mit Tintenklecksen als Instrument zur Testung der visuellen Imagination – die Ergebnisse beschrieb er in L’Étude expérimentale de l’intelligence (1903). Seine Arbeiten zielten jedoch nicht auf die Entwicklung einer systematischen diagnostischen Methode. Dafür bedurfte es einer Verbindung von künstlerischem Gespür, psychiatrischer Expertise und psychoanalytischem Denken – einer Verbindung, die erst Hermann Rorschach in sein Werk einbrachte.
Hermann Rorschach: Zwischen Kunst und Psychiatrie
Hermann Rorschach (1884–1922) wurde in Zürich geboren, wuchs jedoch in Schaffhausen in der Nordschweiz auf. Sein Vater Ulrich Rorschach war Zeichenlehrer und förderte früh das Interesse seines Sohnes an bildender Kunst. Schon als Gymnasiast erhielt Hermann den Spitznamen „Klecks“ aufgrund seiner Vorliebe für die Klecksografie. Die Wahl zwischen einer künstlerischen und einer wissenschaftlichen Laufbahn stellte für den jungen Rorschach ein bedeutsames Dilemma dar. Er bat sogar den deutschen Biologen Ernst Haeckel um Rat, der ihm eine naturwissenschaftliche Laufbahn empfahl. Ausschlaggebend war letztlich der Tod des Vaters, der Hermann endgültig von einer künstlerischen Laufbahn abbrachte.
Rorschach begann sein Medizinstudium an der Universität Zürich, wo der Psychiater Eugen Bleuler (1857–1939) – Schöpfer des Begriffs Schizophrenie und Schlüsselfigur bei der Einführung der Psychoanalyse in die Schweizer Psychiatrie – sein wichtigster Lehrer wurde. An derselben Klinik wirkte auch Carl Gustav Jung, dessen Wortassoziationsexperiment als erste experimentelle Bestätigung der Freudschen psychoanalytischen Theorie gilt und Rorschachs Denken über den Zusammenhang von Wahrnehmung und Persönlichkeit wahrscheinlich beeinflusst hat (Keddy et al., 2023).
1909 schloss Rorschach sein Medizinstudium in Zürich ab. Er heiratete Olga Stempelin, eine Russin aus Kasan, und arbeitete 1913–1914 in einem Sanatorium bei Moskau. Der Aufenthalt in Russland war für Rorschach von erheblicher Bedeutung – neben seiner Faszination für die russische Kultur sammelte er dort Vexierbilder und Zeitungszeichnungen mit versteckten Figuren und optischen Täuschungen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1915 übernahm er die Stelle des stellvertretenden Direktors an der kantonalen psychiatrischen Heilanstalt in Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden, wo er bis zu seinem frühzeitigen Tod arbeitete.
Psychodiagnostik (1921)
Bereits ab 1911 experimentierte Rorschach mit Tintenklecksen bei Schulkindern. 1917 entdeckte er die Arbeit von Szymon Hens, der seine Dissertation über Tintenkleckse an derselben Zürcher Klinik unter Eugen Bleulers Leitung verteidigt hatte. Hens verwendete acht Karten mit einfarbigen Klecksen und konzentrierte sich auf den Inhalt der Antworten. Diese Arbeit regte Rorschach zur Wiederaufnahme seiner eigenen Experimente an. 1918 begann er systematische Versuche mit fünfzehn Tafeln, die er schrittweise auf zehn reduzierte.
Im Juni 1921 erschien Rorschachs Monografie Psychodiagnostik im Verlag Ernst Bircher in Bern als zweiter Band der von Walter Morgenthaler herausgegebenen Reihe Arbeiten zur angewandten Psychiatrie. Rorschach präsentierte darin die Ergebnisse seiner Studien an 288 psychiatrischen Patienten und 117 Kontrollpersonen. Er definierte die Grundlagen der Methode, unterschied zwei zentrale Persönlichkeitstypen – den introversiven und den extratensiven (Erlebnistypus) – und skizzierte differentialdiagnostische Möglichkeiten, wobei sein primäres Ziel die Erkennung der Schizophrenie war (Rorschach, 1921). Beim Druck der Tafeln unterlief ein Fehler – die Farben fielen diffuser aus als beabsichtigt, wodurch paradoxerweise neue diagnostisch wertvolle Reizqualitäten entstanden (insbesondere Helldunkelantworten), die Rorschach selbst nicht mehr vollständig erforschen konnte.
Das Werk wurde zunächst kühl aufgenommen. Am 2. April 1922 verstarb Rorschach an einer Bauchfellentzündung, wahrscheinlich infolge einer perforierten Appendizitis. Er war erst 37 Jahre alt. Die Methode begann sich erst etwa zehn Jahre nach seinem Tod merklich durchzusetzen.
Rorschachs Schüler und Mitarbeiter
Zu Rorschachs Lebzeiten bildete sich ein kleiner Kreis von Mitarbeitern, die nach seinem Tod zu den wichtigsten Vertretern und Verbreitern der Methode wurden:
Walter Morgenthaler (1882–1965), Berner Psychiater, spielte eine entscheidende Rolle bei der Suche nach einem Verleger für Rorschachs Monografie. Nach Rorschachs Tod widmete er sich zeitlebens der Förderung und Institutionalisierung der Methode. Auf seine Anregung hin gründete die Schweizerische Gesellschaft für Psychologie eine Rorschach-Kommission. Morgenthaler wurde später Ehrenpräsident der 1952 gegründeten Internationalen Rorschach-Gesellschaft.
Emil Oberholzer (1883–1958) war Zürcher Psychoanalytiker und Präsident der Schweizerischen Psychoanalytischen Gesellschaft um 1920. Er beteiligte sich von Anfang an aktiv an Rorschachs Experimenten und führte mit ihm eine intensive Korrespondenz (1916–1922). Später widmete er sich der Erforschung der Rorschach-Methode bei Patienten mit organischen Hirnschädigungen (Oberholzer, 1924).
Hans Behn-Eschenburg (1893–1934) arbeitete 1919 als Volontararzt in Herisau. Unter Rorschachs Anleitung erstellte er bereits 1921 eine Parallelserie von Tintenklecks-Karten, die später als Be-Ro-Test bekannt wurde und in Reliabilitätsstudien breite Verwendung fand.
Entwicklung der Methode in der Schweiz nach Rorschachs Tod
Hans Binder und die Helldunkelantworten
Zu den bedeutenden schweizerischen Rorschach-Forschern gehörte Hans Binder, der 1933 eine grundlegende Arbeit über die Helldunkelantworten veröffentlichte – jene Antworten, bei denen die Testperson auf Grautöne, Schattierungen und Lichtkontraste reagiert. Diese Antworten wurden durch den Druckfehler der ersten Auflage ermöglicht, bei dem die Farben diffuser ausfielen als beabsichtigt (Binder, 1933).
Hans Zulliger und der Z-Test
Hans Zulliger (1893–1965), Schweizer Lehrer, Kinderanalytiker und Schriftsteller, gehört zu den vielseitigsten Persönlichkeiten der Rorschach-Tradition. Er schloss sich Anfang der 1920er-Jahre der Schweizerischen Psychoanalytischen Gesellschaft an, wo er Rorschach kennenlernte und zu dessen Schüler wurde. 1941 veröffentlichte er Einführung in den Behn-Rorschach-Test.
Zulligers wichtigster Beitrag liegt in der Entwicklung des Z-Tests (Zulliger-Test), der 1942 für die psychologische Auswahl von Offizieren der Schweizer Armee entstand. Der Z-Test besteht aus drei Tintenklecks-Tafeln und ermöglicht die Erstellung eines orientierenden psychologischen Profils in begrenzter Zeit (Zulliger, 1948). Er wurde an umfangreichen Stichproben validiert und findet bis heute Anwendung im klinischen, forensischen, pädagogischen und organisationspsychologischen Kontext.
K. W. Bash und Manfred Bleuler
Weitere Beiträge leisteten K. W. Bash (in den USA geboren), dessen Konzept des „Farbentypus“ zur diagnostischen Grundlage für die Mehrzahl der europäischen Rorschach-Anwender wurde, und Manfred Bleuler (Sohn Eugen Bleulers), über viele Jahre eine zentrale Gestalt der europäischen Psychiatrie. Manfred Bleuler führte umfangreiche Forschungen mit der Rorschach-Methode durch, von Heritabilitätsstudien um 1930 bis zu seinem großen Werk zur Schizophrenie von 1972.
Ewald Bohm und die Synthese der europäischen Tradition
Eine wichtige Rolle bei der Systematisierung spielte der deutsche Psychologe Ewald Bohm (1903–1980), geboren im westpreußischen Graudenz (heute Grudziądz, Polen). Bohm emigrierte 1933 vor den Nationalsozialisten nach Dänemark und ließ sich 1965 endgültig in der Schweiz nieder. Sein Hauptwerk ist das Lehrbuch der Rorschach-Psychodiagnostik, erstmals 1958 im Verlag Hans Huber in Bern erschienen, in vierter Auflage 1972. Bohms Lehrbuch stellt eines der umfassendsten europäischen Lehrwerke zur Rorschach-Methode dar. Im Unterschied zum amerikanischen Comprehensive System (CS) bleibt Bohms Ansatz dem ursprünglichen Rorschach-System näher und ist tiefer in psychoanalytischen Prinzipien verankert. Ins Englische wurde nur die erste Auflage übersetzt (A Textbook in Rorschach Test Diagnosis, Grune & Stratton 1958), was vermutlich einer der Gründe dafür ist, dass eine systematische Synthese der europäischen und amerikanischen Traditionen bislang nicht gelungen ist.
Bohm war auch erster Vizepräsident der Internationalen Rorschach-Gesellschaft bei deren Gründung 1952. Seine weiteren Werke – das Psychodiagnostische Vademecum, das Psychodiagnostische Übungsbuch und die populäre Einführung Der Rorschach-Test (1974) – bilden bis heute die Grundlage der Rorschach-Ausbildung im deutschsprachigen Raum.
Nachkriegs-Standardisierung: Von Exner zu R-PAS
Nach Rorschachs Tod entstanden mehrere parallele Systeme (Beck, Klopfer, Piotrowski, Hertz, Rapaport–Schafer). Diese Zersplitterung veranlasste John E. Exner (1928–2006) ab den 1960er-Jahren, die fünf verbreitetsten Systeme in einen einheitlichen standardisierten Rahmen zu integrieren, der später als Comprehensive System (CS) bekannt wurde.
Nach Exners Tod knüpfte das Rorschach Performance Assessment System (R-PAS) an diese Linie an, entwickelt von Mitgliedern des von Exner gegründeten Rorschach Research Council als empirisch fundierte Revision des CS. R-PAS betont internationale Normen und Überarbeitungen der Durchführung. Für den deutschsprachigen Raum ist diese Entwicklung von Bedeutung, weil die heutige Praxis nicht mehr ausschließlich von der klassischen europäischen Tradition geprägt ist, sondern zunehmend auch von amerikanischen Standardisierungssystemen.
Die Rorschach-Methode in Deutschland
Georg A. Roemer und die frühe Rezeption
Die Übertragung der Rorschach-Methode nach Deutschland ist vor allem mit Georg A. Roemer (1892–1972) verbunden. Der deutsche Psychiater arbeitete 1919 als Volontär in Herisau, wo er von Rorschachs Experimenten erfuhr. Er begann eigene Tintenklecks-Bilder zu erstellen und verwendete nach seiner Rückkehr nach Deutschland den Test auf eine Weise, die Rorschach selbst beunruhigte. Das Archivmaterial mit der Korrespondenz (1919–1922) ist heute im Rorschach-Archiv in Bern aufbewahrt. Roemers Korrespondenz und unveröffentlichte Materialien stellen zugleich eine wichtige Quelle für die Geschichte der Psychotherapie während der NS-Herrschaft dar (Rorschach-Archiv, Bern).
Nationalsozialismus und die Nürnberger Prozesse
In Deutschland hat sich die Rorschach-Methode nie in dem Maße durchgesetzt wie in der Schweiz, Frankreich, den USA oder Japan. Während der NS-Zeit wurde die Psychoanalyse ideologisch abgelehnt, was der weiteren Entwicklung der Methode nicht förderlich war. Paradoxerweise brachte jedoch gerade diese Epoche einen der bekanntesten Momente in der Geschichte der Rorschach-Methode hervor: die psychologische Untersuchung der NS-Kriegsverbrecher während der Nürnberger Prozesse 1945–1946.
Der amerikanische Psychiater Douglas Kelley (1912–1958) und der Armeepsychologe Gustave Gilbert (1911–1977), der fließend Deutsch sprach, führten den Rorschach-Test bei 21 Angeklagten durch. Kelley betrachtete die NS-Verbrecher aus sozialpsychologischer Perspektive, Gilbert hingegen betonte individuelle Psychopathologie. Spätere Blindstudien (Harrower, 1976; Gacono & Meloy, 1992) zeigten, dass Rorschach-Experten die Protokolle der NS-Verbrecher nicht zuverlässig von Kontrollgruppen-Protokollen unterscheiden konnten (Dimsdale, 2015).
Österreich: Zwischen psychoanalytischer Tradition und Standardisierung
In Österreich fand die Rorschach-Methode aufgrund der Nähe zur Wiener psychoanalytischen Tradition günstige Entwicklungsbedingungen. Ihre neuere Gestalt ist jedoch hybrid und verbindet europäische und amerikanische Einflüsse. Die Österreichische Rorschach-Gesellschaft stellt die europäische Linie (Bohm) neben den amerikanischen Standardisierungsansatz (Exner) und bietet Schulungen an, die an das CS und seine revidierte Fassung (Comprehensive System – Revised, CS-R) anknüpfen.
Die österreichische Rezeption der Rorschach-Methode fungiert damit als Brücke zwischen der klassischen kontinentaleuropäischen Tradition und den neueren internationalen Standardisierungsströmungen.
Die Internationale Rorschach-Gesellschaft und ihre Berner Wurzeln
Der Anstoß zur Gründung der Internationalen Rorschach-Gesellschaft (International Society of the Rorschach and Projective Methods, ISR) erging 1949 während des ersten internationalen Rorschach-Treffens; die formelle Gründung fand am 13. September 1952 in Bern statt (ISR, History). Den ersten Vorstand bildeten Walter Morgenthaler und Marguerite Loosli-Usteri (Genf) als Präsidenten sowie Samuel J. Beck (Chicago), Ewald Bohm (Kopenhagen), André Ombredane (Brüssel) und Carlo Rizzo (Rom) als Vizepräsidenten.
Die ISR vereint heute rund 2.800 Mitglieder aus mehr als 19 Ländern. Seit 1993 gibt sie die peer-reviewte Zeitschrift Rorschachiana heraus, die ab Jahrgang 46 (2025) als Open-Access-Publikation bei Hogrefe erscheint. Nationale Rorschach-Gesellschaften bestehen u. a. in Österreich, der Schweiz, Deutschland und der Tschechischen Republik. Das ISR-Sommerseminar 2026 findet in Prag statt.
Von Ernst Bircher zu Hogrefe: Verlegerische Kontinuität
Rorschachs Psychodiagnostik erschien 1921 beim Verlag Ernst Bircher in Bern. 1927 erwarb der Berner Verlag Hans Huber die Rechte an Buch und Tafeln. Hans Huber ist heute Teil der Hogrefe AG, die in Zusammenarbeit mit der ISR die originalen Rorschach-Tafeln unter strenger Qualitätskontrolle weiterhin produziert (Hogrefe, Guidelines). Der Name „Rorschach“ ist eine eingetragene Marke der Hogrefe AG. Die Bilder der Tafeln gelten nach Schweizer Urheberrecht seit 1992 als gemeinfrei (70 Jahre nach dem Tod des Urhebers), wobei die rechtliche Auslegung dieses Status nach wie vor diskutiert wird – insbesondere im Hinblick auf Markenrechte und die spezifischen Druckverfahren.
Das Rorschach-Archiv und die Sammlung in Bern
Das Rorschach-Archiv befindet sich am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. Es wurde 1957 auf Anregung Morgenthalers initiiert. In den frühen 1990er-Jahren gelang es, die Zusammenarbeit zwischen der Universitätsbibliothek und der ISR wiederzubeleben und die Sammlung systematisch zu erweitern. Rorschachs Kinder, Wadim und Elisabeth, übergaben dem Archiv einen erheblichen Teil der persönlichen Dokumente ihres Vaters.
Im September 2000 wurde das Hermann Rorschach Archives and Museum am Dalmazirain 11 in Bern eröffnet. Nach einem Hausbrand im Mai 2012 musste die Sammlung evakuiert werden; der Museumsteil wurde geschlossen und das Archiv in die Räumlichkeiten des Instituts für Medizingeschichte überführt (IMG Bern). Das Archiv bewahrt Bestände von Rorschach, Morgenthaler, Oberholzer, Behn-Eschenburg, Roemer und anderen auf. Die zugehörige Bibliothek umfasst rund 700 Monografien und 5.000 Zeitschriftenartikel in zahlreichen Sprachen.
Die psychometrische Debatte und der Wandel der Terminologie
Die neuere Literatur weist darauf hin, dass die Bezeichnung „projektive Methode“ nicht mehr in allen Fachkreisen als die treffendste Bezeichnung gilt und für diese Art von Verfahren der Begriff performance-based test (leistungsbasierter Test) geeigneter sein könnte. Dieser terminologische Wandel spiegelt einen breiteren Paradigmenwechsel wider – weg vom psychoanalytisch orientierten Verständnis hin zu einem empirisch fundierten Rahmen.
Eine Schweizer Studie (2020–2021, n = 499; Baggi & Martino, 2024) zeigte, dass die Diskussion über Validität und praktische Anwendbarkeit keineswegs nur theoretisch ist. Ein Teil der Befragten betrachtet den Test weiterhin als nicht valide, während zugleich meta-analytische Arbeiten für eine Reihe von Variablen zufriedenstellende Validität belegt haben. Die Geschichte der Rorschach-Methode ist daher auch eine Geschichte wiederkehrender Auseinandersetzungen über ihren wissenschaftlichen Status.
Gegenwärtiger Stand im deutschsprachigen Raum
Die genannte Schweizer Studie bestätigte, dass die Rorschach-Methode in der deutschsprachigen Schweiz weniger eingesetzt wird als in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz, wobei projektive Verfahren insgesamt die am häufigsten verwendeten Diagnostikinstrumente bleiben. In der Deutschschweiz überwiegen Methoden aus der deutschen, deutsch-schweizerischen und amerikanischen Tradition (Baggi & Martino, 2024). Zu den Faktoren für die geringere Nutzung gehören mangelnde Softwareunterstützung bei der Indexberechnung, unzureichende spezifische Ausbildung und eine allgemeine Tendenz zur Nichtverwendung projektiver Verfahren.
Fazit: Erbe und Perspektiven
Die Geschichte der Rorschach-Methode im deutschsprachigen Raum zeigt, wie das Experiment eines Schweizer Psychiaters – inspiriert von der kindlichen Klecksografie, der Psychoanalyse und dem Studium der Wahrnehmung – zu einem der bekanntesten und international am weitesten rezipierten psychodiagnostischen Verfahren der Welt wurde. Die Schweiz bleibt die Wiege der Methode: In Bern befindet sich das Archiv, Hogrefe (früher Hans Huber) stellt die autorisierten Tafeln her, und die ISR setzt die Förderung internationaler Forschung und Ausbildung fort.
Die deutschsprachige Rorschach-Tradition zeichnet sich durch einen spezifischen Schwerpunkt auf psychoanalytischer Interpretation, phänomenologischem Zugang zur Wahrnehmung und qualitativer Protokollanalyse aus – Aspekte, die sie von der primär auf quantitative Auswertung ausgerichteten amerikanischen Tradition unterscheiden. Die Spannung zwischen qualitativem und quantitativem Ansatz, zwischen psychoanalytischer Tiefe und psychometrischer Präzision, stellt eine der zentralen Herausforderungen für die künftige Entwicklung dar. Eine Synthese dieser Traditionen – bislang nicht zuletzt deshalb unvollendet, weil Bohms Lehrbuch nie vollständig ins Englische übersetzt wurde – könnte ein neues Kapitel in der Geschichte dieses bedeutenden Instruments der Psychodiagnostik aufschlagen.
Ausgewählte Literatur
Baggi, D. & Martino, D. (2024). The Use of the Rorschach Test in Switzerland 100 Years After Its Publication. Rorschachiana, 45(2), 121–150.
Binder, H. (1933). Die Helldunkeldeutungen im psychodiagnostischen Experiment von Rorschach. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 30, 1–67.
Bohm, E. (1958). A Textbook in Rorschach Test Diagnosis. New York: Grune & Stratton.
Bohm, E. (1972). Lehrbuch der Rorschach-Psychodiagnostik (4. Aufl.). Bern: Hans Huber.
Dimsdale, J. E. (2015). Use of Rorschach tests at the Nuremberg war crimes trial. Journal of Psychosomatic Research, 78(6), 515–518.
Ellenberger, H. (1954). The life and work of Hermann Rorschach (1884–1922). Bulletin of the Menninger Clinic, 18(5), 173–219.
Exner, J. E. (1974). The Rorschach: A Comprehensive System. New York: Wiley.
Gacono, C. B. & Meloy, J. R. (1992). Psychopaths at Nuremberg? A Rorschach analysis of the records of the Nazi war criminals. Journal of Clinical Psychology, 48(6), 731–742.
Harrower, M. (1976). Rorschach records of the Nazi war criminals: An experimental study after thirty years. Journal of Personality Assessment, 40(4), 341–351.
Hogrefe AG. (o. J.). Rorschach® Test: Guidelines. Göttingen: Hogrefe. Verfügbar unter: https://www.hogrefe.com [abgerufen am 8. März 2026].
IMG Bern – Institut für Medizingeschichte. (o. J.). Rorschach Archives and Collection. Bern: Universität Bern. Verfügbar unter: https://www.img.unibe.ch/services/rorschach_archives_and_collection/ [abgerufen am 8. März 2026].
ISR – International Society of the Rorschach and Projective Methods. (o. J.). History. Verfügbar unter: https://www.internationalrorschachsociety.com/the-isr/history/ [abgerufen am 8. März 2026].
Keddy, P. J., Signer, R., Graf-Nold, A. & Erdberg, P. (2023). The relationship between H. Rorschach’s inkblot test and C. G. Jung’s Word Association Test. Rorschachiana, 44(2), 120–136.
Meyer, G. J., Viglione, D. J., Mihura, J. L., Erard, R. E. & Erdberg, P. (2011). Rorschach Performance Assessment System: Administration, Coding, Interpretation, and Technical Manual. Toledo, OH: Rorschach Performance Assessment System, LLC.
Oberholzer, E. (1924). The Application of the Interpretation of Form to Psychoanalysis. Journal of Nervous and Mental Disease, 60, 225–248.
Rorschach, H. (1921). Psychodiagnostik. Bern: Ernst Bircher.
Searls, D. (2017). The Inkblots: Hermann Rorschach, His Iconic Test, and the Power of Seeing. New York: Crown.
Zulliger, H. (1948). Der Z-Test. Bern: Hans Huber.