MMPI-2 versus MMPI-2-RF: Vergleich zweier Interpretationsansätze

Das Minnesota Multiphasic Personality Inventory gehört zu den weltweit am weitesten verbreiteten psychodiagnostischen Instrumenten. In der aktuellen klinischen Praxis begegnen uns zwei Versionen – das ursprüngliche MMPI-2 und seine restrukturierte Form, das MMPI-2-RF. Obwohl beide Versionen auf demselben Itempool basieren, unterscheiden sich ihre Interpretationsphilosophien grundlegend. Was verbindet sie – und worin gehen sie auseinander?

Was beide Versionen verbindet

Das MMPI-2-RF verwendet 338 Items, die aus dem ursprünglichen 567-Item-Pool des MMPI-2 ausgewählt wurden. Die Normierung beider Versionen basiert auf derselben Normierungsstichprobe. Beide Systeme beginnen jede Interpretation mit der Beurteilung der Protokollvalidität: Sie prüfen, ob die untersuchte Person konsistent geantwortet hat und ob sie ihre Beschwerden übertrieben oder im Gegenteil bagatellisiert hat.

Gemeinsam ist beiden auch die Betonung der empirischen Interpretationsgrundlage. Interpretationsaussagen leiten sich nicht allein daraus ab, was die Items „auf den ersten Blick“ messen, sondern vor allem aus Forschungsbefunden darüber, wie die Skalen mit realem Verhalten und Erleben zusammenhängen. Beide Versionen erkennen zudem an, dass die Skalen kontinuierliche Merkmale erfassen – interpretiert werden können nicht nur erhöhte, sondern oft auch auffällig niedrige Werte.

Wo sich die Wege trennen

Codetypen versus Hierarchie

Die traditionelle MMPI-2-Interpretation stützt sich auf sogenannte Codetypen – Kombinationen der zwei oder drei am stärksten erhöhten klinischen Skalen. Der Codetyp 27/72 hat eine andere Interpretation als der Typ 24/42, obwohl beide die Skala 2 (Depression) enthalten. Das gesamte System ist konfigurativ aufgebaut – es kommt auf das Muster, auf die „Gestalt“ des Profils an.

Das MMPI-2-RF wählt einen grundlegend anderen Weg. Es führt eine dreistufige Hierarchie ein: Zunächst werden drei breite Skalen höherer Ordnung (H-O) beurteilt, die ein allgemeines Bild emotionaler, kognitiver und verhaltensbezogener Dysfunktion vermitteln. Erst danach folgen die restrukturierten klinischen Skalen (RC) und schließlich die eng fokussierten Skalen spezifischer Probleme (SP). Die Interpretation schreitet also vom Allgemeinen zum Spezifischen voran.

Das Problem der geteilten Varianz

Die ursprünglichen klinischen Skalen des MMPI-2 korrelieren untereinander zum Teil stark. Wenn jemand eine erhöhte Skala 2 aufweist, sind häufig auch die Skalen 7 oder 8 erhöht. Die Ursache liegt in der geteilten Varianz – insbesondere im Faktor des allgemeinen Unwohlseins, den wir als Demoralisierung bezeichnen. Eine Person, die sich schlecht fühlt, neigt dazu, verschiedensten Beschwerden zuzustimmen, was mehrere Skalen gleichzeitig künstlich „aufbläht“.

Das MMPI-2-RF löst dieses Problem auf elegante Weise: Demoralisierung wird als eigenständige Skala (RCd) erfasst und aus den übrigen Skalen weitgehend „herausgerechnet“. Das Ergebnis sind RC-Skalen, die spezifischere Aspekte der Psychopathologie mit geringerer gegenseitiger Überlappung messen. Wenn nun die Skala RC2 (Niedrige positive Emotionen) erhöht ist, sagt dies tatsächlich etwas über Anhedonie aus – und nicht lediglich über allgemeinen Distress.

Was aus der Skala Maskulinität–Femininität wurde

Aufschlussreich ist das Schicksal der ursprünglichen Skala 5 (Mf). Im MMPI-2 wird sie als einheitliches Konstrukt im Zusammenhang mit der Geschlechtsrolle interpretiert. Analysen zeigten jedoch, dass sie zwei relativ unabhängige Dimensionen enthält – das Interesse an Ästhetik und Literatur einerseits, das Interesse an mechanischen und körperlichen Aktivitäten andererseits. Im MMPI-2-RF wurden diese daher in eigenständige Interessenskalen (AES und MEC) überführt, die nicht mehr als direkte Geschlechtsrollenskala konzipiert sind.

Ein Wandel im Verständnis von Psychopathologie

Hinter den Unterschieden zwischen beiden Versionen steht ein tieferer konzeptueller Wandel. Das MMPI-2 mit seinen Codetypen unterstützt implizit eher kategoriales Denken – der Patient „ist“ ein bestimmter Typ, etwa „depressiv-ängstlich“. Das MMPI-2-RF hingegen fördert einen dimensionalen Ansatz – der Patient zeigt ein bestimmtes Ausmaß an Dysfunktion in verschiedenen Bereichen auf unterschiedlichen Allgemeinheitsebenen.

Die Codetypen des MMPI-2 entsprechen teilweise traditionellen diagnostischen Kategorien; der Codetyp 2-7 wird beispielsweise typischerweise mit Angst-Depressions-Störungen assoziiert. Die hierarchische Struktur des MMPI-2-RF spiegelt dagegen die aktuelle Betonung dimensionaler Merkmale wider, die über die Grenzen einzelner Diagnosen hinausreichen – Faktoren wie Internalisierung und Externalisierung manifestieren sich über verschiedene Störungen hinweg und nicht nur innerhalb einer bestimmten diagnostischen Einheit.

Das MMPI-2-RF verknüpft darüber hinaus die klinische Messung explizit mit einem dimensionalen Modell der Persönlichkeitspathologie (PSY-5-Skalen). Dies ermöglicht es, in einer einzigen Untersuchung klinische und persönlichkeitsbezogene Beurteilungen stärker miteinander zu integrieren.

Praktischer Vergleich

Aus praktischer Sicht ist das MMPI-2-RF deutlich kürzer – 338 Items gegenüber 567 –, was eine kürzere Durchführungszeit ermöglicht. Die Interpretation des MMPI-2 organisiert sich um das klinische Profil und die Codetypen, während das MMPI-2-RF systematisch nach Funktionsbereichen vorgeht: Validität, somatische Beschwerden, emotionale Dysfunktion, Denkstörungen, Verhaltensprobleme, interpersonelles Funktionieren und Interessen.

Welchen Ansatz wählen?

MMPI-2 und MMPI-2-RF stellen zwei verschiedene Interpretationsansätze dar, die auf einem gemeinsamen Itempool aufbauen. Das MMPI-2 mit seinem konfigurativen Ansatz steht in der Tradition der klinischen Psychologie der 1940er- bis 1980er-Jahre und bietet Kontinuität mit einer umfangreichen Forschungsdatenbank zu Codetypen. Das MMPI-2-RF mit seinem hierarchischen Rahmen spiegelt den aktuellen Schwerpunkt auf die dimensionale Konzeptualisierung von Psychopathologie, auf diagnoseübergreifende Faktoren und auf die Integration klinischer und persönlichkeitsbezogener Beurteilung wider.

Die Wahl zwischen beiden Systemen hängt vom Untersuchungszweck, der verfügbaren Zeit, dem Bedarf an Anschluss an historische Daten und dem bevorzugten theoretischen Rahmen ab. Beide Versionen haben ihren Platz in der gegenwärtigen psychodiagnostischen Praxis.


Hinweis zur Situation im deutschsprachigen Raum

Im DACH-Raum ist das MMPI-2 in einer deutschsprachigen Adaptation verfügbar, die in klinischen und forensischen Kontexten Anwendung findet. Das MMPI-2-RF liegt bislang nicht in einer offiziellen deutschsprachigen Version vor, wird jedoch in der Forschung und in Kontexten, in denen die englische Originalfassung eingesetzt werden kann, zunehmend rezipiert. Die Frage der Versionsauswahl hat daher im deutschsprachigen Raum auch eine praktische Dimension: Wer das MMPI-2-RF nutzen möchte, ist derzeit auf die englischsprachige Fassung angewiesen. Die in diesem Beitrag beschriebenen konzeptuellen Unterschiede zwischen beiden Ansätzen sind jedoch unabhängig von der Sprachversion gültig und für die diagnostische Praxis im DACH-Raum ebenso relevant.

Ergänzend sei erwähnt, dass in den USA seit 2020 das MMPI-3 verfügbar ist, das als Weiterentwicklung des MMPI-2-RF – nicht des MMPI-2 – konzipiert wurde. Die Frage, inwieweit es die empirisch-konfigurale Tradition des MMPI-2 tatsächlich fortführt, wird in der Fachwelt weiterhin diskutiert.


Ausgewählte Quellen und weiterführende Literatur

Ben-Porath, Y. S., & Tellegen, A. (2008/2011). MMPI-2-RF: Manual for Administration, Scoring, and Interpretation. University of Minnesota Press.

Butcher, J. N., Graham, J. R., Ben-Porath, Y. S., Tellegen, A., Dahlstrom, W. G., & Kaemmer, B. (2001). MMPI-2: Manual for Administration, Scoring, and Interpretation (rev. ed.). University of Minnesota Press.

Engel, R. R. (2000). MMPI-2: Minnesota Multiphasic Personality Inventory-2 – Deutschsprachige Adaptation. Huber.

Friedman, A. F., Bolinskey, P. K., Levak, R. W., & Nichols, D. S. (2015). Psychological Assessment with the MMPI-2/MMPI-2-RF (3rd ed.). Routledge.

Graham, J. R. (2012). MMPI-2: Assessing Personality and Psychopathology (5th ed.). Oxford University Press.

Sellbom, M. (2019). The MMPI-2-Restructured Form (MMPI-2-RF): Assessment of Personality and Psychopathology in the Twenty-First Century. Annual Review of Clinical Psychology, 15, 645–672.

Tellegen, A., & Ben-Porath, Y. S. (2008). MMPI-2-RF Technical Manual. University of Minnesota Press.

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