OPD-3 in der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) hat sich im deutschsprachigen Raum als breit akzeptierter Standard in der psychodynamischen Diagnostik für Klinik, Forschung und Weiterbildung etabliert. Seit Anfang 2023 liegt mit der OPD-3 (Arbeitskreis OPD, 2023) die dritte Version des Manuals vor, die gegenüber der OPD-2 in wesentlichen Punkten präzisiert und stärker dimensional ausgerichtet wurde. Für die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen ist diese Weiterentwicklung relevant, da das dimensionale Zusammenspiel von Beziehungsmustern, intrapsychischen Konflikten und strukturellen Funktionen gerade bei dieser Patientengruppe das diagnostische und therapeutische Kernstück darstellt.

Von der OPD-2 zur OPD-3 – Was hat sich geändert?

Die OPD-3 baut auf der bewährten Grundstruktur der Vorgängerversionen auf, bringt jedoch auf allen Achsen Neuerungen, die für die Persönlichkeitsdiagnostik unmittelbare Konsequenzen haben.

Achse I (Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen) erfasst das subjektive Erleben der Erkrankung, Veränderungsmotivation, Ressourcen und Behandlungshindernisse. Bei Persönlichkeitsstörungen ist diese Achse relevant, weil die Ich-Syntonie vieler persönlichkeitspathologischer Muster – Patientinnen und Patienten erleben ihre maladaptiven Züge häufig nicht als krank, sondern als Teil ihrer Identität – die Behandlungsmotivation und die Fähigkeit zur Selbstreflexion erheblich einschränken kann.

Achse II (Beziehung) bildet habituell dysfunktionale Beziehungsmuster ab. Das zirkuläre Modell erfasst, wie Patientinnen und Patienten sich selbst im Kontakt erleben, wie sie andere erleben, wie andere sich im Kontakt mit ihnen erleben und wie andere die Patientinnen und Patienten wahrnehmen. Die OPD-3 hat die Operationalisierung dieser Achse geschärft und ermöglicht eine präzisere Abbildung der interpersonellen Dynamik, die sich auch in der therapeutischen Beziehung (Übertragung und Gegenübertragung) widerspiegelt.

Achse III (Konflikt) erfasst sieben zeitlich überdauernde, unbewusste intrapsychische Konflikte: Individuation versus Abhängigkeit; Unterwerfung versus Kontrolle; Versorgung versus Autarkie; Selbstwertkonflikt; Schuldkonflikt; ödipaler Konflikt; Identitätskonflikt. Für jeden Konflikt wird ein aktiver (kompensierter) und ein passiver (dekompensierter) Verarbeitungsmodus unterschieden. In der OPD-3 wurde die Abgrenzung zwischen konflikthafter und strukturell bedingter Symptomatik deutlich differenzierter gestaltet – eine Unterscheidung, die für die Persönlichkeitsdiagnostik von zentraler Bedeutung ist: Ob ein dysfunktionales Beziehungsmuster Ausdruck eines unbewussten Konflikts oder eines strukturellen Defizits darstellt, hat Konsequenzen für die Wahl des therapeutischen Vorgehens.

Achse IV (Struktur) beschreibt basale psychische Funktionen und deren Verfügbarkeit auf vier Integrationsniveaus: gut integriert, mäßig integriert, gering integriert und desintegriert. Eine wesentliche Neuerung der OPD-3 gegenüber der OPD-2 besteht darin, dass die Strukturachse nun fünf Dimensionen umfasst: Wahrnehmung (Selbstwahrnehmung, Objektwahrnehmung), Steuerung (Selbstregulierung, Regulierung des Objektbezugs), Abwehr (als eigenständige, neu hinzugekommene Dimension, die Verfügbarkeit und Reife der Abwehrmechanismen erfasst), Kommunikation (Kommunikation nach innen, Kommunikation nach außen) und Bindung (Bindung an innere Objekte, Bindung an äußere Objekte). Die Ergänzung der Abwehr als eigenständige strukturelle Dimension stellt eine der bedeutsamsten Neuerungen der OPD-3 dar und ist für die Persönlichkeitsdiagnostik unmittelbar relevant, da das Abwehrniveau wesentlich zur Differenzierung zwischen neurotischer und struktureller Pathologie beiträgt. In der OPD-3 wurde die Strukturachse insgesamt stärker dimensional ausgerichtet – die Einschätzung erlaubt eine differenziertere Profildarstellung einzelner struktureller Funktionen, was für Patientinnen und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen wertvoll ist, da diese häufig ein ungleichmäßiges Strukturprofil aufweisen.

Warum ist die OPD-3 für die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen besonders relevant?

Die deskriptiven Klassifikationssysteme – sowohl die kategoriale Diagnostik in ICD-10 und DSM-5 (Sektion II) als auch die neueren dimensionalen Modelle in ICD-11 und DSM-5 AMPD – beantworten die Frage, welche Symptome und Funktionsbeeinträchtigungen vorliegen. Die OPD-3 ergänzt diese Perspektive um die Frage nach dem Warum und Wie: Welche unbewusste Dynamik liegt dem beobachtbaren Verhalten zugrunde? Welchen habituellen Beziehungsmustern folgen die Patientinnen und Patienten? Auf welchem strukturellen Niveau funktioniert ihre Persönlichkeit?

Für die Persönlichkeitsdiagnostik ergeben sich daraus drei zentrale Mehrwerte:

Erstens ermöglicht die Kombination von Konflikt- und Strukturachse eine differenzielle Therapieindikation. Patientinnen und Patienten mit vorwiegend konflikthafter Dynamik bei erhaltener struktureller Integration profitieren eher von deutenden, aufdeckenden Verfahren; Patientinnen und Patienten mit strukturellen Defiziten benötigen zunächst strukturfördernde Interventionen. Diese Unterscheidung lässt sich weder aus der ICD-11- noch aus der DSM-5-Diagnostik allein ableiten.

Zweitens erfasst die Beziehungsachse die interpersonelle Dynamik in einer Weise, die über die Beschreibung von Persönlichkeitszügen hinausgeht. Während die ICD-11-Trait-Domänen (z. B. Dissozialität, Negative Affektivität) das Was der interpersonellen Schwierigkeiten beschreiben, bildet die OPD-3 das Wie ab – die spezifischen zirkulären Muster, in denen Patientinnen und Patienten ihre Beziehungen gestalten und die sich auch in der Gegenübertragung manifestieren.

Drittens bietet die OPD-3 einen direkten Zugang zur Therapieplanung. Auf der Grundlage der Achsen II–IV werden therapeutische Fokusse formuliert, die als Leitlinien für die psychotherapeutische Arbeit dienen und eine Verlaufsbeurteilung ermöglichen – eine Funktion, die die klinische Stärke der OPD-3 ausmacht und sie eng mit der Behandlungsplanung verbindet.

OPD-3 und ICD-11 – eine wachsende Konvergenz

Der Übergang der ICD-11 zu einem dimensionalen Modell der Persönlichkeitsstörungen – mit einer allgemeinen Diagnose „Persönlichkeitsstörung“, Schweregradeinschätzung und Trait-Domänen-Spezifizierern – hat die konzeptuelle Nähe zur OPD verstärkt. Die ICD-11 bewertet das Ausmaß der Beeinträchtigung im Selbst- und interpersonellen Funktionieren, was sich inhaltlich eng mit der OPD-Strukturachse (Achse IV) überlappt. Die OPD-3 wurde unter anderem vor dem Hintergrund dieser Entwicklung überarbeitet und stärker dimensional ausgerichtet.

Gleichzeitig bleiben wesentliche Unterschiede bestehen: Die ICD-11 arbeitet phänomenologisch-deskriptiv und verzichtet auf Annahmen über unbewusste Prozesse; die OPD-3 basiert explizit auf psychodynamischen Konzepten. Die Trait-Domänen der ICD-11 (Negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung, Anankasmus) erfassen beobachtbare Persönlichkeitszüge; die OPD-Konfliktachse erfasst unbewusste motivationale Muster, die dem beobachtbaren Verhalten zugrunde liegen. Beide Perspektiven ergänzen sich und können im Rahmen einer multimodalen Diagnostik kombiniert werden.

Auch zum DSM-5 Alternativmodell (AMPD) bestehen konzeptuelle Parallelen, insbesondere zwischen der OPD-Strukturachse und dem Level of Personality Functioning Scale (LPFS, Kriterium A des AMPD). Eine direkte Gleichsetzung wäre jedoch unangemessen – die Systeme stammen aus unterschiedlichen theoretischen Traditionen und operationalisieren verwandte Konstrukte auf unterschiedliche Weise.

OPD-3 bei spezifischen Persönlichkeitsstörungen – typische Konfigurationen

Die folgenden Skizzen beschreiben häufig beobachtete Konfigurationen auf den Achsen II–IV der OPD-3 bei einzelnen Persönlichkeitsstörungstypen. Es handelt sich um klinische Heuristiken, nicht um standardisierte diagnostische Profile – die individuelle OPD-Formulierung ergibt sich stets aus dem konkreten Einzelfall, und insbesondere bei der Borderline-, narzisstischen und antisozialen Persönlichkeitsstörung kann das Verhältnis von konflikthafter und struktureller Dynamik zwischen Patientinnen und Patienten erheblich variieren.

Paranoide Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse dominiert ein misstrauisch-kontrollierendes Muster; andere werden als bedrohlich erlebt. Auf der Konfliktachse zeigt sich häufig ein Unterwerfungs-Kontroll-Konflikt im aktiven Modus sowie ein Selbstwertkonflikt mit projektiver Verarbeitung. Strukturell kann die Objektwahrnehmung eingeschränkt sein (verzerrte Attribution feindseliger Motive).

Schizoide Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse zeigt sich ein emotional distanziertes Muster mit geringer interpersoneller Resonanz. Auf der Konfliktachse ist häufig ein Individuations-Abhängigkeits-Konflikt im aktiven Modus (Betonung der Autonomie, Ablehnung von Nähe) erkennbar. Strukturell sind die Fähigkeiten zur inneren Kommunikation (eingeschränkter Zugang zu Affekten) und zur Bindung an äußere Objekte beeinträchtigt.

Schizotype Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse wirkt der Kontakt eigentümlich und für andere schwer nachvollziehbar. Die Konfliktachse ist häufig schwer beurteilbar, da die Konfliktdynamik durch strukturelle Defizite überlagert sein kann. Strukturell zeigt sich ein niedriges Integrationsniveau, insbesondere in den Bereichen Selbstwahrnehmung (unscharfe Selbst-Objekt-Grenzen) und kognitive Fähigkeiten (magisches Denken, idiosynkratische Wahrnehmung).

Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse zeigt sich ein kontrollierend-ausbeuterisches Muster; andere werden in die Rolle von Opfern oder Unterlegenen gebracht. Auf der Konfliktachse ist häufig ein Unterwerfungs-Kontroll-Konflikt im aktiven Modus (Dominanz und Machtstreben) erkennbar, bei schweren Formen kann die Konfliktdynamik jedoch durch strukturelle Defizite überlagert sein. Strukturell sind die Steuerung (Impulsivität, niedrige Frustrationstoleranz), die Bindung (instrumenteller Umgang mit anderen, fehlende Empathie) und die Abwehr (unreifes Abwehrniveau) beeinträchtigt; klinisch bedeutsam sind darüber hinaus häufig Defizite in der Integration moralischer Werte. Die OPD-3 erlaubt hier eine klinisch bedeutsame Differenzierung: Antisoziales Verhalten auf dem Boden eines neurotischen Konflikts hat eine bessere therapeutische Prognose als solches auf dem Boden eines strukturellen Defizits.

Borderline-Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse zeigt sich eine intensive, chaotische Dynamik mit raschem Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung. Auf der Konfliktachse sind häufig mehrere Konflikte gleichzeitig aktiv (Individuation versus Abhängigkeit, Versorgung versus Autarkie, Selbstwertkonflikt), was die mangelnde Integration widerspiegelt. Strukturell ist ein niedriges Integrationsniveau zentral – beeinträchtigt sind insbesondere die Steuerung (emotionale Dysregulation, Impulsivität), die Wahrnehmung (Identitätsdiffusion, instabiles Selbstbild), die Regulierung des Objektbezugs (Unfähigkeit, ein stabiles inneres Bild des anderen aufrechtzuerhalten) und die Abwehr (Vorherrschen primitiver Abwehrmechanismen wie Spaltung und projektive Identifikation).

Histrionische Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse zeigt sich ein aufmerksamkeitsheischendes, expressives Muster; andere werden in die Rolle des Publikums gebracht. Auf der Konfliktachse dominiert häufig der ödipale Konflikt im aktiven Modus (Verführung, Rivalität) und ein Selbstwertkonflikt (Abhängigkeit von externer Bestätigung). Strukturell ist die innere Kommunikation (flaches, wenig differenziertes emotionales Erleben) beeinträchtigt, während die sozialen Kompetenzen oberflächlich erhalten sein können.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse erwartet die Patientin oder der Patient Bewunderung und Bestätigung der eigenen Besonderheit; andere werden entweder als Spiegel der eigenen Grandiosität oder als entwertete Objekte erlebt. Auf der Konfliktachse ist der Selbstwertkonflikt zentral – im aktiven Modus durch Grandiosität kompensiert, im passiven Modus von schmerzhaften Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen begleitet. Strukturell ist die Regulierung der Selbstwertschätzung (Abhängigkeit von narzisstischer Zufuhr) und die Objektwahrnehmung (verzerrte Wahrnehmung anderer als Selbst-Erweiterung oder als bloße Quelle der Bewunderung) beeinträchtigt.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse antizipieren Patientinnen und Patienten Ablehnung und ziehen sich aus dem Kontakt zurück, wodurch sie ihre Überzeugung der eigenen Unzulänglichkeit unbewusst bestätigen. Auf der Konfliktachse dominiert häufig ein Selbstwertkonflikt im passiven Modus (Minderwertigkeits- und Schamgefühle) und ein Individuations-Abhängigkeits-Konflikt (Sehnsucht nach Nähe versus Angst vor Zurückweisung). Strukturell ist die Regulierung der Selbstwertschätzung, die innere Kommunikation (insbesondere die Wahrnehmung und Regulierung von Scham) und die Fähigkeit zur Bindung an äußere Objekte beeinträchtigt.

Dependente Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse nehmen Patientinnen und Patienten eine unterwürfige Position ein und bringen andere unbewusst in die Rolle der versorgenden Autorität. Auf der Konfliktachse dominiert ein Versorgungskonflikt im passiven Modus (Bedürfnis nach Versorgung und Anleitung) und ein Unterwerfungs-Kontroll-Konflikt im passiven Modus (Unterordnung). Strukturell sind die Autonomie, die Selbstregulierung (Unfähigkeit, eigenständig Entscheidungen zu treffen) und die Regulierung der Selbstwertschätzung (Gefühle der Inkompetenz und Hilflosigkeit) beeinträchtigt.

Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung. Auf der Beziehungsachse streben Patientinnen und Patienten nach Kontrolle und Ordnung; andere werden durch rigide Regeln und Erwartungen auf Distanz gehalten. Auf der Konfliktachse dominiert ein Unterwerfungs-Kontroll-Konflikt im aktiven Modus und häufig ein Selbstwertkonflikt (kompensiert durch Perfektionismus und moralische Rigidität). Strukturell ist das Integrationsniveau paradoxerweise relativ erhalten – die Beeinträchtigung äußert sich eher in Rigidität als in Defiziten: eingeschränkte Flexibilität in der Selbstregulierung, übermäßige Affektkontrolle und rigide internalisierte Normen.

Praktische Aspekte

Die OPD-3 basiert auf einem halbstandardisierten, klinisch orientierten Interview mit einer Dauer von etwa ein bis zwei Stunden. Die Durchführung setzt psychodynamisches Grundverständnis, Empathiefähigkeit und eine reflektierte Haltung gegenüber dem eigenen Gegenübertragungserleben voraus. Im Anschluss an das Interview werden die Achsen anhand standardisierter Ratingbögen beurteilt, die in der OPD-3 auch als digitale Materialien über die Hogrefe-Mediathek verfügbar sind. Strukturierte Trainingskurse – in der Regel bestehend aus Grund-, Aufbau- und Supervisionskursen mit videobasierten Fallbeispielen – werden an verschiedenen Instituten im deutschsprachigen Raum angeboten, nachweisbar etwa an der IPU Berlin und in Wien.

Für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die mit Persönlichkeitsstörungen arbeiten, stellt die OPD-3 ein diagnostisches Instrument dar, das den Übergang von der deskriptiven Kategorie zur individuellen psychodynamischen Fallformulierung ermöglicht – und damit eine Grundlage für die fokussierte, auf die spezifische Dynamik der einzelnen Patientin oder des einzelnen Patienten zugeschnittene Behandlungsplanung bietet.


Dieser Beitrag richtet sich an Fachpublikum. Die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen erfordert – je nach nationaler Regelung – eine Qualifikation als approbierte Psychotherapeutin oder approbierter Psychotherapeut, Fachärztin oder Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder Klinische Psychologin oder Klinischer Psychologe.

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