Projektive Verfahren

Psychologische Tests in der klinischen Psychologie – Teil 3


Reihe: Psychologische Tests in der klinischen Psychologie

Dieser Artikel ist der dritte Teil einer Reihe, die einen Überblick über die wichtigsten psychodiagnostischen Verfahren zur Erfassung von Psychopathologie bietet. Die Reihe umfasst:

Teil 1: Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare

Teil 2: Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen

Teil 3: Projektive Verfahren (dieser Artikel)

Teil 4: Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien

Teil 5: Spezifische klinische Instrumente


Einleitung

In den vorangegangenen Teilen dieser Reihe wurden Selbstbeurteilungsfragebögen (Teil 1) sowie strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen (Teil 2) vorgestellt – also Verfahren, die entweder mit der expliziten Selbsteinschätzung der Patientin oder des Patienten oder mit der strukturierten Beurteilung durch geschulte Fachpersonen arbeiten. Dieser dritte Teil stellt einen grundlegend anderen diagnostischen Zugang vor: projektive Verfahren.

Klassische projektive Verfahren beruhen auf der Annahme, dass die Art und Weise, wie eine Person mehrdeutiges oder wenig strukturiertes Reizmaterial strukturiert und interpretiert, Rückschlüsse auf Aspekte ihrer Persönlichkeitsdynamik, ihres Wahrnehmungsstils, ihrer Emotionsverarbeitung und gegebenenfalls psychopathologischer Prozesse zulässt. Die Patientin oder der Patient wird nicht direkt nach Symptomen oder subjektivem Erleben gefragt – stattdessen wird beobachtet, wie auf Reize reagiert wird, die vielfältige Interpretationen zulassen.

In der aktuellen Fachliteratur setzt sich zunehmend die Bezeichnung leistungsbasierte Persönlichkeitstests (performance-based personality assessment measures) durch. Dieser terminologische Wandel spiegelt den Übergang von rein psychodynamischen Deutungsansätzen zu stärker standardisierten und empirisch fundierten Auswertungsmethoden wider.

Projektive Verfahren nehmen in der Psychodiagnostik eine spezifische und ergänzende Rolle ein. Sie liefern Informationen, die Selbstbeurteilungsfragebögen von ihrer Anlage her nicht erfassen können – insbesondere über implizite Aspekte der Persönlichkeitsfunktion, derer sich die Patientin oder der Patient möglicherweise nicht bewusst ist oder die nicht verbalisiert werden können oder sollen. Gerade diese Komplementarität kann projektive Verfahren bei ausgewählten Fragestellungen zu einem nützlichen ergänzenden Bestandteil einer multimodalen diagnostischen Testbatterie machen.


Grundlagen und Klassifikation

Theoretische Ausgangspunkte

Das Konzept der Projektion, aus dem projektive Verfahren historisch hervorgegangen sind, wurzelt in der psychoanalytischen Tradition. Sigmund Freud beschrieb Projektion als Abwehrmechanismus, bei dem eine Person eigene unakzeptable Impulse, Gedanken oder Emotionen äußeren Objekten oder Personen zuschreibt. Im Kontext der Psychodiagnostik wurde dieses Konzept weiter gefasst: Projektion wird allgemeiner als ein Prozess verstanden, bei dem eine Person eigene kognitive Schemata, affektive Zustände, Bedürfnisse und Konflikte in die Interpretation mehrdeutiger Reize einbringt.

Das heutige Verständnis projektiver Verfahren beschränkt sich jedoch nicht auf den psychodynamischen Rahmen. Empirisch orientierte Ansätze (insbesondere beim Rorschach-Test) verstehen die Leistung in einem projektiven Test als Ausdruck wahrnehmungsbezogener und kognitiver Prozesse, von Problemlöseverhalten und Emotionsregulation – also als Verhaltensmuster, das quantifiziert und mit Normdaten verglichen werden kann. Dieses Verständnis bildet die Grundlage moderner Auswertungssysteme, die insbesondere beim Rorschach-Test die Standardisierung und empirische Absicherung verbessert haben.

Klassifikation projektiver Verfahren

Projektive Verfahren lassen sich nach Art des Reizmaterials und der erwarteten Antwort klassifizieren:

TypGrundprinzipBeispiele
Strukturierend-perzeptivDie untersuchte Person strukturiert und interpretiert einen mehrdeutigen visuellen Reiz.Rorschach-Test
Apperzeptiv-narrativDie untersuchte Person erzählt eine Geschichte zu einem Bildreiz.TAT, CAT
Ergänzend (Komplettierung)Die untersuchte Person vervollständigt einen unvollständigen Reiz (Satz, Geschichte).Satzergänzungstest (SCT)
Zeichnerisch (expressiv)Die untersuchte Person erstellt eine Zeichnung nach Instruktion.Menschzeichnung (DAP), Baum-Test, Familienzeichnung
KonstruktivDie untersuchte Person manipuliert Gegenstände oder erstellt Szenarien.Scenotest, Welttechnik (Lowenfeld)
Interpretativ (assoziativ)Die untersuchte Person interpretiert einen einfachen visuellen Reiz.Hand-Test

Rorschach-Test

Geschichte und aktuelle Bedeutung

Der Rorschach-Test (Rorschach, 1921) ist das bekannteste und am intensivsten erforschte projektive Verfahren. Das Reizmaterial besteht aus 10 Tafeln mit Tintenklecksen (5 achromatische, 2 rot-schwarze, 3 mehrfarbige), die von der untersuchten Person in Beantwortung der Frage „Was könnte das sein?“ interpretiert werden.

Seit seiner Entstehung hat der Rorschach-Test eine komplexe Entwicklung durchlaufen. Die Anfangsphase war durch eine Vielzahl untereinander inkompatibler Auswertungsansätze geprägt (Beck, Klopfer, Hertz, Piotrowski, Rapaport u. a.), was zu berechtigter Kritik an mangelnder Standardisierung führte. Einen entscheidenden Meilenstein stellte die Entwicklung des Comprehensive System (Exner, 1974) dar, das die am besten fundierten Elemente der früheren Ansätze in ein einheitliches System integrierte. Gegenwärtig sind vor allem zwei empirisch orientierte Hauptauswertungssysteme von Bedeutung.

Comprehensive System (CS)

Das Comprehensive System (Exner, 1974; letzte Revision Exner, 2003) war über drei Jahrzehnte das weltweit dominierende Auswertungs- und Interpretationssystem für den Rorschach-Test. Es vereinheitlichte die zuvor heterogenen Ansätze in einem standardisierten Rahmen mit genau definierten Kodierkategorien, Normdaten und Interpretationsverfahren.

Zentrale Komponenten des CS

Die Kodierung umfasst die Lokalisierung der Antwort (Ganzantwort, Detail, ungewöhnliches Detail, Zwischenraum), Determinanten (Form, Farbe, Helldunkel, Bewegung, Dimensionalität), Inhalte (menschlich, tierisch, natürlich, abstrakt u. a.), Entwicklungsqualität und Organisationsaktivität. Auf Grundlage dieser Kodierungen werden zusammenfassende Indizes berechnet, die im Structural Summary organisiert sind.

Zentrale Indizes und Konstellationen:

Index / KonstellationErfassungsbereich
PTI (Perceptual-Thinking Index)Denk- und Wahrnehmungsstörungen; ersetzte den früheren SCZI (Schizophrenia Index).
DEPI (Depression Index)Depressive Symptomatik und affektive Störungen.
CDI (Coping Deficit Index)Defizite in der Bewältigung interpersoneller und sozialer Situationen.
S-CON (Suicide Constellation)Risiko suizidalen Verhaltens.
HVI (Hypervigilance Index)Paranoide Wachsamkeit und Hypervigilanz.
OBS (Obsessive Style Index)Zwanghafter kognitiver Stil.

Zentrale Variablen umfassen unter anderem: Lambda (Ausmaß der Wahrnehmungsvereinfachung), EB/EBPer (grundlegender Verarbeitungsstil – introversiv vs. extratensiv), EA (verfügbare psychische Ressourcen), es (situativ gebundener Distress), D-Score (Kapazität zur Kontrolle und Stresstoleranz), Formqualität (Wahrnehmungsgenauigkeit – konventionell, ungewöhnlich, verzerrt), Bewegungs- und Farbvariablen (kognitive und affektive Verarbeitung), Blends (Komplexität der psychischen Verarbeitung) und Inhaltsanalysen.

Einschränkungen des CS

Trotz seines Beitrags zur Standardisierung wurde das CS einer bedeutsamen Kritik unterzogen. Zu den wesentlichen Einwänden zählen: unzureichende Repräsentativität und Größe der Normstichprobe (insbesondere unzureichende Vertretung bestimmter demographischer Gruppen), Überschätzung von Pathologie bei gesunden Personen bei Verwendung bestimmter Indizes, unzureichende inkrementelle Validität (Zuwachsvalidität) einiger Variablen über Selbstbeurteilungsverfahren hinaus sowie die eingeschränkte Möglichkeit zur Aktualisierung des Systems nach dem Tod J. E. Exners (2006).

Rorschach Performance Assessment System (R-PAS)

Das R-PAS (Meyer, Viglione, Mihura, Erard & Erdberg, 2011) entstand als Antwort auf die identifizierten Limitationen des CS. Es handelt sich um ein neueres Auswertungs- und Interpretationssystem, das auf den empirisch am besten gestützten Variablen des CS aufbaut und eine Reihe methodischer Innovationen einführt.

Zentrale Innovationen des R-PAS

Optimierte Administration (R-Optimized): R-PAS führt eine Kontrolle der Antwortanzahl durch ein standardisiertes Vorgehen ein – gibt die untersuchte Person auf eine Tafel nur eine Antwort, wird sie zu einer weiteren aufgefordert; gibt sie vier oder mehr, wird sie nach der vierten behutsam gestoppt. Dieses Vorgehen kontrolliert die Variable R (Gesamtanzahl der Antworten), die im CS die meisten anderen Variablen erheblich beeinflusste und ein gravierendes psychometrisches Problem darstellte.

Internationale Normen: R-PAS verfügt über Normdaten, die auf einer umfangreichen internationalen Stichprobe aus mehr als 15 Ländern basieren, was eine der wesentlichen Limitationen des CS überwindet. Die Normen werden fortlaufend aktualisiert.

Standardisierte Profile: Die Ergebnisse werden in Form standardisierter Perzentilprofile dargestellt, die die klinische Interpretation und die Kommunikation der Befunde erleichtern.

Empirische Variablenselektion: R-PAS umfasst ausschließlich Variablen mit ausreichender empirischer Stützung. Variablen, die sich in metaanalytischen Studien als psychometrisch schwach erwiesen haben, wurden ausgeschlossen.

Zentrale diagnostische Domänen des R-PAS

DomäneSchlüsselvariablenKlinische Bedeutung
Engagement und kognitive VerarbeitungComplexity, Sy (Synthesis), Blends, W%, RAusmaß des kognitiven Engagements und der Verarbeitungskomplexität.
Wahrnehmung und DenkenFQ-%, WD-%, TP-Comp (Thought & Perception Composite), WSumCogWahrnehmungsgenauigkeit, Denkstörungen, Realitätsprüfung.
Stress und Belastungm, Y, MOR, SC-Comp (Stress and Distress Composite)Aktuelle psychische Belastung, intrusive Gedanken, Hilflosigkeitserleben.
Selbstbild und IdentitätV, FD, An+Xy, H, (H), Hd, (Hd)Selbstreflexion, Körperbild, Qualität der Selbstrepräsentation.
Interpersonelle WahrnehmungCOP, MAH, AGC, MAP, PHR/GHR, M-, pQualität interpersoneller Repräsentationen, Aggression, Kooperativität, Abhängigkeit.
Affektive VerarbeitungWSumC, CF+C, C, SumSh, YTVC‘Emotionale Reaktivität, Affektmodulation, Internalisierung von Emotionen.

Diagnostischer Beitrag des Rorschach-Tests

Der Rorschach-Test kann bei standardisierter Administration und Interpretation (CS oder R-PAS) zusätzliche klinisch relevante Informationen in mehreren Bereichen liefern, in denen Selbstbeurteilungsfragebögen eine eingeschränkte Aussagekraft haben:

Denk- und Wahrnehmungsstörungen gehören zu den Bereichen, in denen wiederholt die stärkste empirische Stützung für Rorschach-Variablen beschrieben wurde. Variablen wie TP-Comp (R-PAS) oder WSumCog erfassen formale Denkstörungen (Lockerung der Assoziationen, Inkohärenz, Kontamination, fabulierte Kombinationen u. a.), die die Patientin oder der Patient selbst möglicherweise nicht reflektiert und die mit Selbstbeurteilungsverfahren nicht leicht zu erkennen sind.

Wahrnehmungsgenauigkeit (Formqualität) liefert Informationen über die Qualität der Realitätsprüfung – eine der klinisch bedeutsamsten Variablen in der Differenzialdiagnostik psychotischer Störungen.

Affektregulation und -verarbeitung – Verhältnis und Qualität der Farb- und Helldunkelantworten informieren über den Stil der Emotionsverarbeitung, das Ausmaß emotionaler Reaktivität und die Tendenz zur Internalisierung oder Externalisierung von Emotionen.

Interpersonelle Wahrnehmung – die Analyse menschlicher Inhalte, Bewegungsantworten und kooperativer oder aggressiver thematischer Inhalte liefert Informationen über die Qualität der Objektbeziehungen und interpersoneller Schemata.

Rorschach-Test im deutschsprachigen Raum

Der Rorschach-Test hat im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition und wird in der klinischen Praxis regelmäßig eingesetzt. Die Deutsche Gesellschaft für personale und interpersonale Diagnostik mit dem Rorschach-Verfahren und anderen performanzbasierten Methoden (DGRP) fördert die fachgerechte Anwendung und organisiert Fortbildungsveranstaltungen. Traditionell wurde im deutschsprachigen Raum das Comprehensive System verwendet; in den letzten Jahren verbreitet sich zunehmend auch die Kenntnis und Anwendung von R-PAS. Deutsche Normdaten für das CS liegen vor, und R-PAS gewinnt im Rahmen internationaler Kooperationsprojekte auch im DACH-Raum an Bedeutung.


Thematischer Apperzeptionstest (TAT)

Charakteristik und Reizmaterial

Der Thematische Apperzeptionstest (Murray, 1943) ist ein projektives Verfahren, bei dem die untersuchte Person Geschichten zu Bildtafeln erzählt, die interpersonelle Situationen darstellen. Der Originalsatz umfasst 31 Tafeln (darunter eine leere), die verschiedene interpersonelle Szenen mit unterschiedlichem Strukturierungsgrad und emotionaler Valenz zeigen. In der Praxis wird üblicherweise eine Auswahl von 8–12 Tafeln administriert, die nach Geschlecht, Alter und klinischer Fragestellung zusammengestellt wird.

Die Instruktion fordert die untersuchte Person auf, zu jeder Tafel eine Geschichte zu erzählen: was auf dem Bild geschieht, was vorausgegangen ist, was die Figuren fühlen und denken und wie es ausgehen wird. Im Unterschied zum Rorschach-Test, bei dem die Aufgabe in der Interpretation eines mehrdeutigen perzeptiven Reizes besteht, liegt die Aufgabe beim TAT in der Konstruktion eines Narrativs – einer Geschichte mit Handlung, Figuren und Emotionen.

Auswertungssysteme

Eine historische Einschränkung des TAT war das Fehlen eines einheitlichen, allgemein akzeptierten Auswertungssystems. In der aktuellen klinischen Praxis kommen vor allem folgende Ansätze zum Einsatz:

AuswertungssystemAutorenErfassungsbereichCharakteristik
SCORS (Social Cognition and Object Relations Scale)Westen (1991); revidiert Westen, Lohr, Silk et al.Soziale Kognition und ObjektbeziehungenBeurteilt 8 Dimensionen: Komplexität der Repräsentationen, affektive Qualität der Beziehungen, emotionale Investition, soziale Kausalität, aggressive Inhalte, Selbstwert, Identität und Werte. Akzeptable Interrater-Reliabilität, insbesondere im Kontext der Persönlichkeitsstörungen.
DMM (Defense Mechanism Manual)Cramer (1991, 2006)AbwehrmechanismenBeurteilt drei entwicklungsmäßig hierarchisch angeordnete Abwehrmechanismen: Verleugnung (Denial), Projektion und Identifikation. Belegte Entwicklungsprogression und klinische Validität.
École de Paris (Französische psychoanalytische Schule)Shentoub, Debray, Chabert u. a.Psychodynamische Analyse der narrativen ProduktionAnalysiert Denkprozesse in der narrativen Produktion anhand von Prozesskategorien (rigide, labil, vermeidend, desorganisiert). Weit verbreiteter Ansatz in frankophonen Ländern und in der psychoanalytisch orientierten Praxis.

Diagnostischer Beitrag des TAT

Der TAT kann klinisch relevante Hinweise liefern, insbesondere zu folgenden Bereichen: Qualität der Objektbeziehungen und interpersoneller Schemata (wie die Patientin oder der Patient Beziehungen wahrnimmt und konzeptualisiert), narrative Kohärenz (Fähigkeit, eine logisch konsistente, emotional integrierte Geschichte zu konstruieren), Abwehrmechanismen (Art und Weise der Angst- und Konfliktverarbeitung), Motivationsthemen (vorherrschende Bedürfnisse, Konflikte, Befürchtungen) und Affektregulation (Umgang mit emotional aufgeladenem Reizmaterial).

Einschränkungen des TAT sind die geringere Standardisierung im Vergleich zum Rorschach-Test, die stärkere Abhängigkeit von den verbalen Fähigkeiten der untersuchten Person und die Tatsache, dass die Interpretation ohne Verwendung eines strukturierten Auswertungssystems weitgehend von der klinischen Erfahrung und theoretischen Orientierung der untersuchenden Person abhängt.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Der TAT ist im deutschsprachigen Raum verfügbar und wird in der klinischen Praxis eingesetzt. Im DACH-Raum findet sowohl der SCORS-Ansatz als auch der Ansatz der École de Paris Anwendung.


Satzergänzungstest (Sentence Completion Test, SCT)

Der Satzergänzungstest ist ein halbstrukturiertes projektives Verfahren, bei dem die untersuchte Person Satzanfänge vervollständigt (z. B. „Meine Mutter…“, „Am meisten fürchte ich mich vor…“, „Wenn ich eine Sache ändern könnte…“). Die Antworten liefern Informationen über Einstellungen, Konflikte, Ängste und interpersonelle Beziehungen.

Es existieren zahlreiche Varianten, von denen die bekanntesten sind:

VarianteAutorenItemsCharakteristik
Rotter Incomplete Sentences Blank (RISB)Rotter & Rafferty (1950); 2. Auflage Rotter, Lah & Rafferty (1992)40Liefert einen Gesamt-Adjustierungsscore auf Grundlage quantitativer Bewertung. Am besten standardisierte SCT-Variante mit Normdaten und akzeptabler Reliabilität.
Sacks Sentence Completion Test (SSCT)Sacks & Levy (1950)60Items in 15 thematische Bereiche gegliedert (Familie, Sexualität, interpersonelle Beziehungen, Selbstkonzept u. a.). Primär qualitative Auswertung.
Washington University Sentence Completion Test (WUSCT)Loevinger (1976)36Misst das Niveau der Ich-Entwicklung (Ego Development). Solide psychometrische Basis; primär Forschungsanwendung.

Der SCT steht an der Grenze zwischen projektiven und strukturierten Verfahren. Sein Vorteil liegt in der einfachen Durchführung, der Möglichkeit der Gruppenanwendung, dem direkten Zugang zu thematischen Inhalten und dem relativ geringen Zeitaufwand. Einschränkungen sind die Variabilität der Antwortqualität in Abhängigkeit von den verbalen Fähigkeiten und der Bereitschaft der untersuchten Person, sich auf die Aufgabe einzulassen.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Verschiedene SCT-Varianten werden im deutschsprachigen Raum eingesetzt, wenngleich ohne eine einheitliche deutschsprachige Standardisierung. In der klinischen Praxis kommen häufig modifizierte Versionen zum Einsatz, die an die jeweilige diagnostische Fragestellung angepasst sind.


Hand-Test

Der Hand-Test (Wagner, 1962; Revision Wagner, 1983) ist ein projektives Verfahren, bei dem die untersuchte Person Umrisszeichnungen von Händen in verschiedenen Positionen interpretiert. Das Reizmaterial besteht aus 10 Karten – 9 Karten mit einer Hand in verschiedenen Gesten und Positionen sowie eine leere Karte, bei der die untersuchte Person aufgefordert wird, sich eine Hand vorzustellen und zu beschreiben, was sie tut.

Die Antworten werden in Kategorien kodiert: interpersonell (Zuneigung, Kommunikation, Abhängigkeit, Exhibition), umweltbezogen (Akquisition, Aktivität, Passivität), fehlangepasst (Aggression, Direktivität) und weitere (Angst, Beschreibung, bizarr, Versagen). Die zentrale klinische Variable ist der Acting Out Score (AOS), der auf dem Verhältnis aggressiver und direktiver Antworten zu den übrigen Kategorien basiert.

Der Hand-Test wurde vor allem im Hinblick auf offen aggressives und feindseliges Verhalten (Acting Out) untersucht, was ihn besonders im forensischen Kontext und bei der Beurteilung des Risikos gewalttätigen Verhaltens relevant macht. Die Durchführung ist kurz (10–15 Minuten), und das Verfahren stellt relativ geringe Anforderungen an die verbalen Fähigkeiten der untersuchten Person.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Der Hand-Test ist im DACH-Raum verfügbar (Hogrefe Verlag) und wird in der klinischen und forensischen Praxis eingesetzt.


Children’s Apperception Test (CAT)

Der Children’s Apperception Test (Bellak & Bellak, 1949; Revision 1974) ist ein projektives Verfahren, das analog zum TAT konzipiert, aber für Kinder im Alter von etwa 3–10 Jahren bestimmt ist. Die Originalversion (CAT-A) umfasst 10 Bilder mit Tieren in anthropomorphen Situationen (Essen, Schlafen, Interaktion mit Elternfiguren, Geschwisterrivalität, Toilettensituationen u. a.). Die Verwendung tierischer Figuren basiert auf der Annahme, dass sich Kinder leichter mit Tieren als mit menschlichen Figuren identifizieren.

Es existiert auch eine Version mit menschlichen Figuren (CAT-H; Bellak & Bellak, 1965) für ältere Kinder, bei denen die Identifikation mit tierischen Figuren als weniger natürlich angenommen wird. Eine Ergänzungsversion bildet der CAT-S (Supplement) mit 10 weiteren Tafeln, die spezifischere Situationen abdecken.

Der CAT wird in der klinischen Kinderpsychologie zur Beurteilung emotionaler Konflikte, Beziehungsschemata, Ängste und Bewältigungsstrategien eingesetzt. Die Interpretation ist überwiegend qualitativ und basiert auf der Analyse der Hauptthemen, der Identifikation mit Figuren, der Art der Konflikte und ihrer Lösungsstrategien in den Geschichten.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Der CAT ist im deutschsprachigen Raum verfügbar und wird in der klinischen Kinderpsychologie eingesetzt.


Zeichnerische (expressive) Verfahren

Zeichnerische Verfahren bilden eine spezifische Untergruppe projektiver Techniken, bei denen die untersuchte Person aufgefordert wird, eine Zeichnung nach einer vorgegebenen Instruktion anzufertigen. Die klinische Interpretation basiert sowohl auf formalen Merkmalen der Zeichnung (Größe, Platzierung auf dem Papier, Druck, Detailreichtum, Proportionen) als auch auf inhaltlichen Merkmalen (dargestellte Elemente, ausgelassene oder betonte Bereiche, Gesamteindruck).

Wichtigste zeichnerische Verfahren

VerfahrenInstruktionHauptanwendungsbereich
DAP (Draw-A-Person)„Zeichnen Sie eine menschliche Figur.“ (Machover, 1949; quantitatives System: Naglieri, 1988)Kognitive Entwicklung (DAP:IQ), Projektion von Selbstkonzept und Körperbild.
HTP (House-Tree-Person)„Zeichnen Sie ein Haus, einen Baum und eine Person.“ (Buck, 1948)Orientierendes Screening der Persönlichkeitsdynamik; Haus symbolisiert Heim/Familie, Baum das Selbst, Person interpersonelle Beziehungen.
Familienzeichnung„Zeichnen Sie Ihre Familie.“ Varianten: Kinetic Family Drawing (Burns & Kaufman, 1970): „Zeichnen Sie, wie Ihre Familie etwas tut.“Familiendynamik, Stellung des Kindes in der Familie, interpersonelle Beziehungen. Sehr häufig eingesetzt in der klinischen Kinderpsychologie.
Baum-Test„Zeichnen Sie einen Baum (keinen Nadelbaum).“ (Koch, 1949)Orientierendes Screening der Persönlichkeitsstruktur; weit verbreitet in der europäischen, insbesondere deutschsprachigen Tradition.
Verzauberte Familie„Zeichnen Sie Ihre Familie als Tiere / als verzaubert.“Umgehung kindlicher Abwehrmechanismen; Erfassung emotional besetzter Familienbeziehungen.

Psychometrische Aspekte

Zeichnerische Verfahren weisen im Allgemeinen die schwächste psychometrische Absicherung unter den häufig verwendeten projektiven Verfahren auf. Ihre Interrater-Reliabilität ist variabel, Normdaten sind begrenzt, und die empirische Stützung für zahlreiche traditionelle Interpretationshypothesen (z. B. „kleine Figur = geringes Selbstwertgefühl“) ist unzureichend. Dennoch behalten sie einen klinischen Nutzen als ergänzende Methode – insbesondere bei Kindern, bei Personen mit eingeschränkten verbalen Fähigkeiten und als kontaktfördernde Einstiegsaufgabe zu Beginn der Untersuchung, die Untersuchungsangst reduziert und den therapeutischen Kontakt fördert.

In der klinischen Praxis ist es wichtig, Zeichnungen zurückhaltend zu interpretieren und stets im Kontext weiterer diagnostischer Befunde zu bewerten. Eine isolierte Interpretation einzelner Zeichnungsmerkmale ohne Stützung durch weitere Daten ist fachlich nicht vertretbar.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Zeichnerische Verfahren sind im deutschsprachigen Raum breit verfügbar und werden häufig eingesetzt, insbesondere in der klinischen Kinderpsychologie. Die Familienzeichnung und der Baum-Test (Koch, 1949) gehören zu den am häufigsten verwendeten projektiven Techniken in der deutschsprachigen diagnostischen Praxis.


Weitere projektive Verfahren

VerfahrenAutorenReizmaterialErfassungsbereichAnmerkung
Rosenzweig Picture-Frustration Test (PFT)Rosenzweig (1945)24 Bilder mit Frustrationssituationen und leerer „Sprechblase“ für die Antwort.Reaktion auf Frustration: Aggressionsrichtung (extrapunitiv, intrapunitiv, impunitiv) und Reaktionstyp (hindernisdominant, ego-defensiv, lösungsorientiert).Versionen für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Im DACH-Raum verfügbar (Hogrefe).
Lüscher-FarbtestLüscher (1949)Farbkarten (8 oder 73 Farben); die untersuchte Person ordnet Farben nach Präferenz.Aktueller emotionaler Zustand und Bedürfnisse auf Grundlage von Farbpräferenzen.Problematische psychometrische Eigenschaften; seine Validität wird in der aktuellen Fachliteratur kritisch beurteilt. Sollte in der klinischen Praxis allenfalls als ergänzendes Verfahren eingesetzt werden.
Zulliger-Test (Z-Test)Zulliger (1948)3 Tintenkleckstafeln (Analogie zum Rorschach-Test).Screening der Persönlichkeitsdynamik – verkürzte Alternative zum Rorschach-Test.Kodierung analog zum CS; häufig in der Personalpsychologie und als Screeninginstrument eingesetzt.
Scenotestvon Staabs (1938)Satz von Figuren, Möbeln und Zubehör; das Kind erstellt eine Szene.Diagnostik von Familienbeziehungen und emotionalen Konflikten bei Kindern.Im deutschsprachigen Raum weit verbreitet und gut etabliert; Standardverfahren in der kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik.
Wartegg-Zeichentest (WZT)Wartegg (1939)8 Felder mit einfachen grafischen Reizen; die untersuchte Person zeichnet ein Bild weiter.Persönlichkeitsmerkmale auf Grundlage der Verarbeitung grafischer Reize.Verbreitet in der europäischen und lateinamerikanischen Tradition. Das neuere Crisi Wartegg System (CWS) führt eine standardisierte Auswertung und internationale Normen ein und stärkt damit die psychometrische Vertretbarkeit des Verfahrens.

Psychometrische Diskussion: Validität projektiver Verfahren

Projektive Verfahren sind Gegenstand einer langjährigen und intensiven psychometrischen Debatte. Kritikerinnen und Kritiker verweisen auf geringe Reliabilität, unzureichende inkrementelle Validität (Zuwachsvalidität), Subjektivität der Interpretation und das Fehlen robuster Normdaten. Befürwortende betonen hingegen, dass projektive Verfahren andere Konstrukte messen als Selbstbeurteilungsfragebögen und dass ihre Validität im Kontext spezifischer klinischer Fragestellungen beurteilt werden muss, nicht als globale Eigenschaft des Verfahrens.

Die aktuelle Forschungsevidenz zeichnet ein differenziertes Bild:

Variablen mit guter empirischer Stützung (insbesondere beim Rorschach-Test): Variablen im Zusammenhang mit Denkstörungen (TP-Comp, WSumCog), Wahrnehmungsgenauigkeit (Formqualität), kognitiver Komplexität und einigen interpersonellen Variablen. Metaanalytische Studien (Mihura et al., 2013) zeigen, dass einige Rorschach-Variablen, insbesondere im Bereich kognitiver und perzeptiver Prozesse, eine vergleichbare Validität wie gängige Selbstbeurteilungsverfahren erreichen, während bei anderen Variablen die empirische Stützung schwächer ausfällt.

Variablen mit eingeschränkter oder unzureichender Stützung: Einige Inhaltsvariablen, zahlreiche traditionelle Interpretationshypothesen zeichnerischer Verfahren und die Mehrzahl der Variablen bei weniger standardisierten projektiven Techniken.

Das zentrale Prinzip besteht darin, dass die Validität eines projektiven Verfahrens keine Eigenschaft des Instruments als Ganzem ist, sondern eine Eigenschaft der konkreten Variablen, die zur Beantwortung einer konkreten klinischen Frage herangezogen wird. Dieses Prinzip sollte sowohl die Auswahl der Verfahren als auch die Interpretation der Befunde leiten.


Zusammenfassende Übersicht

VerfahrenReiztypAuswertungssystemDiagnostischer HauptbereichDauerDACH
Rorschach-Test (CS)TintenkleckseComprehensive SystemDenkstörungen, Wahrnehmung, Affektregulation, interpersonelle Wahrnehmung, Stress45–90 Min.Ja, validiert
Rorschach-Test (R-PAS)TintenkleckseR-PASWie CS, mit verbesserter Standardisierung45–75 Min.Zunehmend verbreitet
TATBildtafelnSCORS, DMM, École de Paris u. a.Objektbeziehungen, narrative Kohärenz, Abwehrmechanismen, Motivationsthemen30–60 Min.Ja
SCTSatzanfängeRISB, SSCT, qualitative AnalyseEinstellungen, Konflikte, Ängste, interpersonelle Beziehungen15–30 Min.Ja*
Hand-TestHandzeichnungenWagner-SystemPrädiktion aggressiven Verhaltens (Acting Out Score)10–15 Min.Ja (Hogrefe)
CATBildtafeln (Tiere)Qualitative AnalyseEmotionale Konflikte und Beziehungsschemata bei Kindern20–40 Min.Ja
FamilienzeichnungZeichnungQualitativ / semiquantitativFamiliendynamik, Stellung des Kindes15–30 Min.Ja
Baum-TestZeichnungKoch, qualitativOrientierendes Screening der Persönlichkeitsstruktur10–15 Min.Ja
ScenotestFigurenszeneQualitativFamilienbeziehungen und Konflikte bei Kindern20–40 Min.Ja, etabliert
PFT (Rosenzweig)FrustrationssituationenRosenzweig-SystemReaktion auf Frustration, Aggressionsrichtung und -typ20–30 Min.Ja (Hogrefe)

* Verschiedene Varianten ohne einheitliche deutschsprachige Standardisierung.


Fazit und klinische Empfehlungen

Projektive Verfahren stellen einen diagnostischen Zugang dar, der sich grundlegend von den in den vorangegangenen Teilen beschriebenen Selbstbeurteilungsfragebögen und strukturierten Interviews unterscheidet. Ihr wesentlicher Beitrag liegt in der Möglichkeit, implizite, nicht verbalisierte und häufig unbewusste Aspekte der Persönlichkeitsfunktion zu erfassen – insbesondere Denk- und Wahrnehmungsstörungen, die Qualität der Realitätsprüfung, den Stil der Affektregulation und die Qualität der interpersonellen Wahrnehmung.

Für eine klinisch verantwortungsvolle Anwendung projektiver Verfahren sind mehrere Grundsätze zu beachten. Zunächst sollten empirisch fundierte Auswertungssysteme verwendet werden (R-PAS oder CS beim Rorschach-Test, SCORS beim TAT) und rein impressionistische Interpretationen vermieden werden. Ferner sollten Ergebnisse stets im Kontext der gesamten diagnostischen Testbatterie interpretiert werden; diagnostische Schlussfolgerungen sollten niemals auf einem isolierten Befund aus einem einzelnen projektiven Verfahren basieren. Schließlich sollten Einschränkungen dort eingeräumt werden, wo sie bestehen – insbesondere bei zeichnerischen Verfahren und bei weniger standardisierten Techniken.

Im deutschsprachigen Raum haben projektive Verfahren eine starke Tradition. Der Rorschach-Test und der TAT werden an vielen klinischen Einrichtungen regelmäßig eingesetzt, und Fachgesellschaften wie die DGRP fördern aktiv Fortbildung und Forschung in diesem Bereich. Mit der Weiterentwicklung standardisierterer Auswertungssysteme verbessert sich bei einem Teil der projektiven Verfahren deren fachliche Vertretbarkeit, wobei die Validität stets auf der Ebene konkreter Variablen und konkreter klinischer Fragestellungen zu beurteilen bleibt.

Im nächsten Teil dieser Reihe werden Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien vorgestellt – Verfahren, die die objektive Leistung in kognitiven Aufgaben messen.

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