Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen

Psychologische Tests in der klinischen Psychologie – Teil 2


Reihe: Psychologische Tests in der klinischen Psychologie

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Reihe, die einen Überblick über die wichtigsten psychodiagnostischen Verfahren zur Erfassung von Psychopathologie bietet. Die Reihe umfasst:

Teil 1: Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare

Teil 2: Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen (dieser Artikel)

Teil 3: Projektive Verfahren

Teil 4: Leistungstests kognitiver Funktionen und neuropsychologische Testbatterien

Teil 5: Spezifische klinische Instrumente


Einleitung

Im ersten Teil dieser Reihe wurden Selbstbeurteilungsfragebögen und Inventare vorgestellt – Instrumente, bei denen die Patientin oder der Patient selbst die Quelle diagnostischer Informationen ist. Dieser zweite Teil widmet sich Verfahren, bei denen die geschulte Klinikerin oder der geschulte Kliniker die zentrale Rolle spielt: strukturierten und halbstrukturierten diagnostischen Interviews sowie Beurteilungsskalen (Fremdbeurteilungsskalen).

Beide Verfahrensgruppen haben ein gemeinsames Merkmal: Die Beurteilung erfolgt durch eine Fachperson, nicht durch die Patientin oder den Patienten selbst. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von Selbstbeurteilungsverfahren und liefern diagnostische Informationen, die Patientinnen und Patienten über sich selbst entweder nicht geben können (z. B. aufgrund mangelnder Krankheitseinsicht) oder nicht geben wollen (z. B. bei Dissimulation). Gleichzeitig führen sie jedoch eine spezifische Varianzquelle ein – die Person der Beurteilerin oder des Beurteilers – und stellen hohe Anforderungen an deren Schulung, klinische Erfahrung und konsequente Einhaltung des standardisierten Vorgehens.

Strukturierte diagnostische Interviews dienen primär der Stellung psychiatrischer Diagnosen nach Klassifikationssystemen (DSM-5, ICD-10/ICD-11). Ihr Ergebnis ist in der Regel ein kategorialer diagnostischer Befund (Vorliegen oder Nichtvorliegen einer Störung). Beurteilungsskalen hingegen ermöglichen die dimensionale Quantifizierung der Schwere spezifischer Symptome oder Syndrome. Beide Verfahrensgruppen ergänzen sich in der klinischen Praxis und bilden gemeinsam mit weiteren diagnostischen Ansätzen (Selbstbeurteilungsfragebögen, Leistungstests, projektive Verfahren) die Grundlage eines multimodalen diagnostischen Prozesses.


Strukturierte und halbstrukturierte diagnostische Interviews

Grundlagen

Das diagnostische Interview gilt in der klinischen Psychologie und Psychiatrie nach wie vor als zentrale diagnostische Methode. In seiner unstrukturierten Form ist das klinische Interview jedoch mit einer Reihe methodischer Einschränkungen behaftet: geringe Übereinstimmung zwischen Beurteilenden (Interrater-Reliabilität), Risiko eines Bestätigungsfehlers (Confirmation Bias), Tendenz zum vorzeitigen Abbruch der Exploration nach Festlegung auf eine erste vermeintlich erklärende Diagnose und systematisches Übersehen komorbider Störungen.

Strukturierte und halbstrukturierte diagnostische Interviews wurden als Antwort auf diese Einschränkungen entwickelt. Sie stellen der Klinikerin oder dem Kliniker ein genau definiertes Protokoll mit standardisierten Fragen, expliziten diagnostischen Kriterien und klaren Entscheidungsregeln zur Verfügung. Dadurch erhöhen sie die diagnostische Genauigkeit, gewährleisten eine systematische Abdeckung relevanter diagnostischer Bereiche und ermöglichen die Replizierbarkeit des diagnostischen Befundes.

Es werden zwei Grundtypen unterschieden:

TypCharakteristikVorteileNachteile
Vollstrukturiertes InterviewExakt vorgeschriebener Wortlaut der Fragen, feste Reihenfolge, minimaler Spielraum für klinisches Urteil. Kann auch von geschulten Laieninterviewern durchgeführt werden.Hohe Standardisierung, geringe Anforderungen an die klinische Erfahrung, geeignet für epidemiologische Forschung.Rigidität, geringere Sensitivität für atypische Präsentationen, eingeschränkte Möglichkeit der Kontextualisierung.
Halbstrukturiertes InterviewVorgegebener Rahmen und Schlüsselfragen, aber die Klinikerin oder der Kliniker kann Formulierungen anpassen, Zusatzfragen stellen und klinisches Urteil einbringen.Flexibilität, höhere klinische Validität, Möglichkeit der Kontextualisierung, Erfassung atypischer Präsentationen.Höhere Anforderungen an Schulung und klinische Erfahrung, etwas geringere Standardisierung.

Structured Clinical Interview for DSM-5 (SCID-5)

Überblick und Versionen

Das SCID ist das weltweit am häufigsten eingesetzte halbstrukturierte diagnostische Interview und wird häufig als Referenzverfahren für die Stellung psychiatrischer Diagnosen in der klinischen Forschung betrachtet. Die aktuelle Version SCID-5 (First et al., 2016) entspricht den diagnostischen Kriterien des DSM-5 und liegt in mehreren Varianten vor:

VersionVollständiger NameErfassungsbereich
SCID-5-CVClinician VersionHäufigste klinische Störungen (depressive, bipolare, psychotische, Angst-, Zwangs-, trauma- und belastungsbezogene Störungen, somatische Belastungsstörungen, Essstörungen, Substanzgebrauchsstörungen). Verkürzte Version für die klinische Praxis.
SCID-5-RVResearch VersionErweiterte Forschungsversion mit detaillierterer Erfassung von Subtypen und Spezifizierern.
SCID-5-PDPersonality DisordersPersönlichkeitsstörungen nach DSM-5 (Sektion II). Wird üblicherweise in Kombination mit dem SCID-5-SPQ (Screening-Fragebogen) administriert.
SCID-5-AMPDAlternative Model for Personality DisordersDimensionales Modell der Persönlichkeitsstörungen nach DSM-5 (Sektion III, Alternativmodell).
SCID-5-CTClinical TrialsFür klinische Studien optimierte Version mit Fokus auf die präzise Diagnostik von Ein- und Ausschlusskriterien.

Struktur und Durchführung

Das SCID-5-CV ist modular aufgebaut. Jedes Modul entspricht einer diagnostischen Kategorie und enthält Screeningfragen, die bestimmen, ob das Modul vollständig durchgeführt werden muss. Die Klinikerin oder der Kliniker folgt einem Entscheidungsbaum: Bei jedem diagnostischen Kriterium wird beurteilt, ob es erfüllt, nicht erfüllt oder ob die vorliegenden Informationen unzureichend sind. Das Ergebnis ist ein kategorialer diagnostischer Befund für jede beurteilte Störung.

Die Durchführung des SCID-5-CV dauert in der Regel 45–90 Minuten, abhängig von der Komplexität des klinischen Bildes. Das SCID erfordert eine Schulung der Interviewerin oder des Interviewers – idealerweise in Form eines Workshops und supervisierter Übungsdurchführungen. Die durchführende Person sollte über eine klinische Ausbildung und gute Kenntnisse der DSM-5-Diagnosekriterien verfügen.

Klinischer Nutzen und Einschränkungen

Der wesentliche Nutzen des SCID liegt in der systematischen und vollständigen Abdeckung der diagnostischen Kriterien, die das Übersehen komorbider Störungen verhindert – ein häufiges Problem des unstrukturierten klinischen Interviews. Forschungsergebnisse zeigen wiederholt, dass bei Verwendung eines strukturierten Interviews deutlich mehr komorbide Diagnosen identifiziert werden als bei einer herkömmlichen klinischen Beurteilung.

Einschränkungen des SCID sind sein Zeitaufwand, die Abhängigkeit von der Kooperation der Patientin oder des Patienten sowie die Tatsache, dass es ausschließlich diagnostische Kategorien des DSM-5 erfasst – es liefert also keine Informationen über die dimensionale Symptomschwere, die Persönlichkeitsdynamik oder funktionelle Auswirkungen.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Deutsche Übersetzungen des SCID-5-CV und SCID-5-PD sind verfügbar (Beesdo-Baum et al., 2019, Hogrefe Verlag). Das SCID wird im DACH-Raum an universitären und spezialisierten klinischen Einrichtungen sowie in der Forschung eingesetzt. In der ambulanten Routinepraxis bleibt seine Verwendung aufgrund des Zeitaufwands begrenzt.


Mini International Neuropsychiatric Interview (M.I.N.I.)

Das M.I.N.I. (Sheehan et al., 1998; aktuelle Version M.I.N.I. 7.0.2 für DSM-5) ist ein kurzes, vollstrukturiertes diagnostisches Interview, das als zeiteffiziente Alternative zum SCID konzipiert wurde. Im Unterschied zum halbstrukturierten Format des SCID ist das M.I.N.I. vollständig strukturiert – die Fragen haben einen exakt vorgeschriebenen Wortlaut und die Antworten sind dichotom (Ja/Nein).

Die Durchführung dauert typischerweise 15–30 Minuten. Das M.I.N.I. deckt die häufigsten psychiatrischen Störungen nach DSM-5 ab: depressive Episode, Dysthymie, Suizidalität, manische/hypomane Episode, Panikstörung, Agoraphobie, Sozialphobie, Zwangsstörung, PTBS, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, psychotische Störungen, Anorexie und Bulimie, generalisierte Angststörung und antisoziale Persönlichkeitsstörung.

Der Vorteil des M.I.N.I. liegt in seiner Kürze und einfachen Durchführbarkeit, wodurch es auch in zeitlich begrenzten Kontexten eingesetzt werden kann (Primärversorgung, epidemiologische Forschung, Screening im Rahmen des Studieneinschlusses). Im Vergleich zum SCID bietet es allerdings geringere diagnostische Flexibilität und eine geringere Sensitivität für atypische Störungspräsentationen.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Das M.I.N.I. ist in zahlreichen Sprachversionen verfügbar, darunter auch in Deutsch. Es zählt zu den am weitesten verbreiteten strukturierten Interviews im internationalen Forschungskontext.


Clinician-Administered PTSD Scale for DSM-5 (CAPS-5)

Die CAPS-5 (Weathers et al., 2013) ist ein halbstrukturiertes Interview, das als Referenzverfahren für die Diagnostik der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gilt. Im Unterschied zu breit angelegten Interviews (SCID, M.I.N.I.) ist die CAPS-5 ausschließlich auf ein spezifisches Störungsbild ausgerichtet, deckt diese jedoch mit außerordentlicher Gründlichkeit ab.

Die CAPS-5 beurteilt 20 PTBS-Symptome entsprechend den DSM-5-Kriterien, die in vier Clustern organisiert sind: Intrusion (Cluster B), Vermeidung (Cluster C), negative Veränderungen in Kognition und Stimmung (Cluster D) sowie Veränderungen in Erregung, Wachheit und Reaktivität (Cluster E). Jedes Symptom wird auf einer fünfstufigen Schweregradskala (0–4) bewertet, die Häufigkeit und Intensität integriert. Darüber hinaus erfasst die CAPS-5 den dissoziativen Subtyp (Depersonalisation, Derealisation) und die Gesamtverbesserung gegenüber der vorherigen Beurteilung.

Die Durchführung dauert in der Regel 45–60 Minuten. Die CAPS-5 wird in klinischen Studien zur PTBS-Behandlung regelmäßig eingesetzt und als diagnostisches Referenzinstrument empfohlen. In der klinischen Praxis ermöglicht sie nicht nur die Diagnostik, sondern auch die Verlaufsbeurteilung der Symptomschwere.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Eine deutschsprachige Übersetzung der CAPS-5 liegt vor (Müller-Engelmann et al., 2018) und wird in der Traumaforschung und an spezialisierten Einrichtungen im DACH-Raum eingesetzt. Eine psychometrische Validierung an deutschsprachigen Stichproben liegt ebenfalls vor, wenn auch weniger breit als bei angloamerikanischen Populationen.


Kiddie Schedule for Affective Disorders and Schizophrenia (K-SADS-PL DSM-5)

Das K-SADS-PL (Kaufman et al., 1997; Aktualisierung für DSM-5: Kaufman et al., 2016) ist ein halbstrukturiertes diagnostisches Interview für Kinder und Jugendliche im Alter von 6–18 Jahren. Es deckt ein breites Spektrum psychiatrischer Störungen des Kindes- und Jugendalters ab: depressive Störungen, bipolare Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, trauma- und belastungsbezogene Störungen, ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, Ticstörungen, Essstörungen, psychotische Störungen und Substanzgebrauchsstörungen.

Ein besonderes Merkmal des K-SADS-PL ist, dass es ein Interview sowohl mit dem Kind oder Jugendlichen als auch mit einem Elternteil oder einer Bezugsperson umfasst. Die Klinikerin oder der Kliniker integriert die Informationen aus beiden Quellen zu einer zusammenfassenden diagnostischen Beurteilung. Dieses Vorgehen erhöht die diagnostische Genauigkeit, da Kinder und Eltern dazu neigen, über unterschiedliche Symptomtypen mit unterschiedlicher Zuverlässigkeit zu berichten (Kinder berichten besser über internalisierende Symptome, Eltern über externalisierende).

Das K-SADS-PL zählt zu den am häufigsten eingesetzten strukturierten diagnostischen Interviews in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und ist Standard in der klinischen Forschung zu psychiatrischen Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Das K-SADS-PL wird im deutschsprachigen Raum an spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen und in der Forschung eingesetzt. Eine deutschsprachige Übersetzung ist verfügbar.


Weitere strukturierte diagnostische Interviews

InterviewAutorenErfassungsbereichTypAnmerkung
CIDI (Composite International Diagnostic Interview)WHO (Robins et al., 1988; Kessler & Üstün, 2004)Breites Spektrum psychiatrischer Störungen nach DSM und ICDVollstrukturiertFür epidemiologische Forschung konzipiert; kann von geschulten Laieninterviewern durchgeführt werden. Referenzinstrument großer epidemiologischer Studien (World Mental Health Survey).
ADIS-5 (Anxiety and Related Disorders Interview Schedule for DSM-5)Brown & Barlow (2014)Angst-, Zwangs-, depressive und verwandte StörungenHalbstrukturiertSpezialisiertes Interview mit dimensionaler Schweregradbeurteilung; besonders geeignet für Forschung und Behandlung von Angststörungen.
DIPS (Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen)Margraf et al. (2017)Breites Spektrum psychiatrischer Störungen nach DSM-5HalbstrukturiertIm deutschsprachigen Raum weit verbreitetes Interview; es existiert auch eine Version für Kinder und Jugendliche (Kinder-DIPS). Oft bevorzugte Alternative zum SCID im DACH-Raum.
IPDE (International Personality Disorder Examination)Loranger et al. (1994)Persönlichkeitsstörungen nach DSM-IV und ICD-10HalbstrukturiertUnter der Schirmherrschaft der WHO entwickelt; für den interkulturellen Einsatz konzipiert.

Beurteilungsskalen (Fremdbeurteilungsskalen)

Grundlagen

Beurteilungsskalen sind Instrumente, bei denen eine geschulte Klinikerin oder ein geschulter Kliniker die Schwere von Symptomen auf Grundlage von Informationen aus dem klinischen Interview, der Verhaltensbeobachtung und gegebenenfalls weiteren Quellen quantifiziert. Im Unterschied zu strukturierten diagnostischen Interviews, deren Ergebnis ein kategorialer diagnostischer Befund ist, liefern Beurteilungsskalen einen dimensionalen Wert – einen numerischen Score, der das Ausmaß der Schwere des beurteilten Phänomens ausdrückt.

Zu den wesentlichen Vorteilen von Beurteilungsskalen zählen die Unabhängigkeit von der subjektiven Selbsteinschätzung der Patientin oder des Patienten (im Unterschied zu Selbstbeurteilungsfragebögen), die Möglichkeit, Symptome zu erfassen, die Patientinnen und Patienten nicht reflektieren oder bewusst verbergen, sowie die Veränderungssensitivität, die sie für die Verlaufsbeurteilung und die Beurteilung des Therapieansprechens besonders geeignet macht.

Einschränkungen sind die Abhängigkeit von der Qualifikation und Schulung der beurteilenden Person (Risiko von Beurteilungsverzerrungen), der höhere Zeitaufwand und der potenzielle Einfluss klinischer Erfahrung und theoretischer Orientierung auf die Beurteilung.


Hamilton Depression Rating Scale (HDRS / HAM-D)

Überblick

Die Hamilton-Depressionsskala (Hamilton, 1960) ist die historisch einflussreichste und nach wie vor am häufigsten eingesetzte Fremdbeurteilungsskala zur Erfassung der Schwere depressiver Symptome. Es handelt sich um eines der am häufigsten zitierten Verfahren in der gesamten psychiatrischen Literatur.

Am gebräuchlichsten ist die 17-Item-Version (HAM-D-17); es existieren jedoch auch erweiterte Versionen (HAM-D-21, HAM-D-24, HAM-D-31). Die Items decken somatische, kognitive, verhaltensbezogene und emotionale Manifestationen der Depression ab. Jedes Item wird je nach Symptom auf einer 3-stufigen (0–2) oder 5-stufigen (0–4) Skala bewertet. Der Gesamtscore des HAM-D-17 liegt im Bereich von 0–52.

Wertebereich (HAM-D-17)Interpretation
0–7Normalbereich / Remission
8–13Leichte Depression
14–18Mittelgradige Depression
19–22Schwere Depression
≥ 23Sehr schwere Depression

Klinische Bedeutung

Die HAM-D ist weltweit der am häufigsten verwendete primäre Wirksamkeitsparameter in klinischen Studien mit Antidepressiva. Zulassungsbehörden (FDA, EMA) akzeptieren sie als Standardinstrument zur Beurteilung des Therapieansprechens. Das Therapieansprechen (Response) wird üblicherweise als Reduktion des Gesamtscores um ≥ 50 % gegenüber dem Ausgangswert definiert; Remission wird typischerweise als Gesamtscore ≤ 7 definiert.

Einschränkungen

Trotz ihrer dominierenden Stellung ist die HAM-D nicht ohne Einschränkungen. Kritik betrifft die Überrepräsentation somatischer Items auf Kosten kognitiver und emotionaler Aspekte der Depression, die Heterogenität des Bewertungsformats (Kombination von 3- und 5-stufigen Skalen), die suboptimale Beurteilerübereinstimmung bei einigen Items und die unzureichende Abdeckung atypischer depressiver Symptome (Hypersomnie, gesteigerter Appetit). Als Antwort auf diese Limitationen wurde die Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) entwickelt, die als psychometrisch reinere Alternative gilt.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die HAM-D ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet und gehört zum Standardinstrumentarium in der psychiatrischen Praxis und Forschung. Die deutsche Version ist über den CIPS (Collegium Internationale Psychiatriae Scalarum) verfügbar.


Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS)

Die MADRS (Montgomery & Åsberg, 1979) ist eine 10-Item-Beurteilungsskala, die mit besonderem Schwerpunkt auf die Veränderungssensitivität im Verlauf einer antidepressiven Behandlung entwickelt wurde. Jedes Item wird auf einer 7-stufigen Skala (0–6) bewertet, der Gesamtscore liegt im Bereich von 0–60.

Die MADRS erfasst zehn zentrale Dimensionen der Depression: sichtbare Traurigkeit, berichtete Traurigkeit, innere Anspannung, verminderte Schlafdauer, verminderter Appetit, Konzentrationsschwierigkeiten, Mattigkeit, Gefühllosigkeit, pessimistische Gedanken und Suizidgedanken. Im Unterschied zur HAM-D legt sie weniger Gewicht auf somatische Symptome und mehr auf die emotionalen und kognitiven Kernaspekte der Depression.

Die MADRS ist neben der HAM-D die zweithäufigste Fremdbeurteilungsskala für Depression in der klinischen Forschung und wird in zahlreichen klinischen Studien aufgrund ihrer höheren Veränderungssensitivität und besseren psychometrischen Eigenschaften bevorzugt. Remission wird üblicherweise als Gesamtscore ≤ 10 definiert.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die MADRS ist im DACH-Raum gut etabliert und wird in der klinischen Praxis und Forschung regelmäßig eingesetzt (verfügbar über CIPS).


Hamilton Anxiety Rating Scale (HAM-A)

Die HAM-A (Hamilton, 1959) ist eine 14-Item-Beurteilungsskala zur Erfassung der Schwere von Angstsymptomen. Die Items decken sowohl psychische Angst (ängstliche Stimmung, Anspannung, Befürchtungen, Schlafstörungen, kognitive Schwierigkeiten, depressive Stimmung) als auch somatische Angstmanifestationen (muskuläre, sensorische, kardiovaskuläre, respiratorische, gastrointestinale, urogenitale und autonome Symptome) ab. Jedes Item wird auf einer 5-stufigen Skala (0–4) bewertet, der Gesamtscore liegt im Bereich von 0–56.

Trotz gewisser psychometrischer Einschränkungen (Inhaltsheterogenität, Überlappung mit Depressionssymptomen, unzureichende Differenzierung zwischen einzelnen Angststörungen) bleibt die HAM-A eine der am häufigsten eingesetzten Fremdbeurteilungsskalen für Angst in der klinischen Forschung, insbesondere in Studien mit Anxiolytika und Antidepressiva in der Indikation Angststörungen.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die HAM-A ist im deutschsprachigen Raum verfügbar und wird in der klinischen Praxis und Forschung eingesetzt (CIPS).


Positive and Negative Syndrome Scale (PANSS)

Überblick

Die PANSS (Kay, Fiszbein & Opler, 1987) ist eine 30-Item-Beurteilungsskala zur systematischen Erfassung der Symptome der Schizophrenie und anderer psychotischer Störungen. Sie ist das am häufigsten verwendete Instrument in klinischen Studien mit Antipsychotika und der weltweite Standard für die Quantifizierung psychotischer Symptomatik.

Struktur

Die PANSS umfasst drei Subskalen:

SubskalaItemanzahlBeispielitems
Positivskala (P)7Wahnideen, desorganisiertes Denken, Halluzinationen, Erregung, Größenideen, Misstrauen/Verfolgungsdenken, Feindseligkeit
Negativskala (N)7Affektverflachung, emotionaler Rückzug, mangelnder Rapport, passiv-apathischer sozialer Rückzug, Schwierigkeiten beim abstrakten Denken, Mangel an Spontaneität und Redefluss, stereotypes Denken
Skala der allgemeinen Psychopathologie (G)16Somatische Beschwerden, Angst, Schuldgefühle, Anspannung, Manierismen, Depression, motorische Verlangsamung, mangelnde Kooperation, ungewöhnliche Denkinhalte, Desorientiertheit, Aufmerksamkeitsstörungen, mangelnde Urteils- und Einsichtsfähigkeit, Willensstörungen, mangelnde Impulskontrolle, gedankliche Perseveration, aktive soziale Vermeidung

Jedes Item wird auf einer 7-stufigen Skala bewertet (1 = nicht vorhanden, 7 = extrem). Der Gesamtscore der PANSS liegt im Bereich von 30–210.

Durchführung

Die PANSS wird auf Grundlage des halbstrukturierten Interviews SCI-PANSS (Structured Clinical Interview for PANSS) durchgeführt, das etwa 40–50 Minuten dauert. Die Beurteilung integriert Informationen aus dem Interview, der Verhaltensbeobachtung während des Interviews und gegebenenfalls weiteren verfügbaren Quellen (Pflegepersonal, Dokumentation).

Klinische Bedeutung

Die PANSS ist der praktisch universelle Standard als primärer Wirksamkeitsparameter in klinischen Studien mit Antipsychotika. Das Therapieansprechen wird üblicherweise als Reduktion des Gesamtscores um ≥ 30 % (konservatives Kriterium) oder ≥ 20 % (liberales Kriterium) definiert. In den letzten Jahren wird zunehmend die Beurteilung spezifischer Faktorendomänen (Positivsymptome, Negativsymptome, Desorganisation, Depression, Erregung) gegenüber den traditionellen drei Subskalen betont.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die PANSS ist im DACH-Raum standardmäßig verfügbar und wird in psychiatrischen Einrichtungen und in der Forschung breit eingesetzt.


Young Mania Rating Scale (YMRS)

Die YMRS (Young, Biggs, Ziegler & Meyer, 1978) ist eine 11-Item-Beurteilungsskala zur Erfassung der Schwere manischer Symptome. Die Items decken zentrale Manifestationen der Manie ab: gehobene Stimmung, gesteigerte motorische Aktivität/Energie, sexuelles Interesse, Schlaf, Reizbarkeit, Sprache (Geschwindigkeit und Menge), Denkstörungen (formale und inhaltliche), aggressives Verhalten, Erscheinungsbild und Einsichtsfähigkeit. Vier Items werden auf einer 9-stufigen Skala (0–8) bewertet, die übrigen sieben auf einer 5-stufigen Skala (0–4). Der Gesamtscore liegt im Bereich von 0–60.

Die YMRS ist das am häufigsten eingesetzte Instrument zur Quantifizierung manischer Symptomatik in klinischen Studien und in der klinischen Praxis. Sie wird als primärer Wirksamkeitsparameter in Studien mit Stimmungsstabilisierern und atypischen Antipsychotika in der Indikation akute Manie verwendet.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die YMRS ist im deutschsprachigen Raum verfügbar und wird in der klinischen Praxis eingesetzt. Eine psychometrische Validierung an deutschsprachigen Stichproben liegt vor.


Clinical Global Impression (CGI)

Die CGI (Guy, 1976) ist ein äußerst kurzes, aber klinisch sehr wertvolles Fremdbeurteilungsinstrument, das drei Subskalen umfasst:

SubskalaBeschreibungBewertung
CGI-S (Severity)Gesamtschwere der Erkrankung zum aktuellen Zeitpunkt.7-stufige Skala (1 = normal bis 7 = extrem schwer erkrankt).
CGI-I (Improvement)Gesamtveränderung des Zustands gegenüber der Ausgangsbeurteilung.7-stufige Skala (1 = sehr starke Verbesserung bis 7 = sehr starke Verschlechterung).
CGI-E (Efficacy Index)Verhältnis von therapeutischem Effekt zu Nebenwirkungen.4 × 4-Matrix (therapeutischer Effekt vs. Nebenwirkungen).

Die Stärke der CGI liegt in ihrem globalen und klinisch intuitiven Charakter – die Klinikerin oder der Kliniker beurteilt den klinischen Gesamteindruck, nicht einzelne Symptome. Die CGI wird in praktisch allen klinischen Studien mit Psychopharmaka als sekundärer Wirksamkeitsparameter eingesetzt und dient häufig als Validierungskriterium für spezifischere Skalen. CGI-S und CGI-I sind einfach durchzuführen und klinisch aussagekräftig, ihre Reliabilität hängt jedoch von der klinischen Erfahrung der beurteilenden Person ab.

Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum: Die CGI ist im DACH-Raum fester Bestandteil des Standardinstrumentariums klinischer Studien und in der klinischen Praxis weit verbreitet.


Brief Psychiatric Rating Scale (BPRS)

Die BPRS (Overall & Gorham, 1962; erweiterte Version BPRS-E mit 24 Items: Lukoff, Nuechterlein & Ventura, 1986) ist eine der ältesten und nach wie vor verwendeten Beurteilungsskalen für allgemeine Psychopathologie. Die Originalversion umfasst 18 Items, die erweiterte Version 24 Items, die ein breites Spektrum psychiatrischer Symptome abdecken: somatische Beschwerden, Angst, Depression, Suizidalität, Schuldgefühle, Feindseligkeit, Größenideen, Misstrauen, Halluzinationen, ungewöhnliche Denkinhalte, bizarres Verhalten, Verwahrlosung, Desorientiertheit, desorganisiertes Denken, Affektverflachung, emotionaler Rückzug, motorische Verlangsamung und mangelnde Kooperation.

Jedes Item wird auf einer 7-stufigen Skala (1–7) bewertet. Die BPRS war vor Einführung der PANSS das dominierende Instrument in klinischen Studien mit Antipsychotika und wird nach wie vor in bestimmten Forschungskontexten eingesetzt, insbesondere wenn eine schnelle Durchführung und eine allgemeinere Abdeckung der Psychopathologie gewünscht ist.


Weitere Beurteilungsskalen

SkalaAutorenErfassungsbereichItemsAnmerkung
CDRS-R (Children’s Depression Rating Scale-Revised)Poznanski & Mokros (1996)Schwere der Depression bei Kindern (6–17 Jahre)17Adaptation der HAM-D für die Kinderpopulation; Referenzskala in pädiatrischen Antidepressivastudien.
ADOS-2 (Autism Diagnostic Observation Schedule)Lord et al. (2012)Autismus-Spektrum-StörungenVariabel (5 Module)Standardisierte halbstrukturierte Beobachtung; Referenzverfahren der Autismusdiagnostik. Deutsche Version verfügbar (Hogrefe).
CAINS (Clinical Assessment Interview for Negative Symptoms)Kring et al. (2013)Negativsymptome der Schizophrenie13Moderne Skala mit besserer Abdeckung motivationaler Defizite und sozialer Anhedonie als die PANSS-N.
NSA-16 (Negative Symptom Assessment-16)Alphs et al. (1989)Negativsymptome der Schizophrenie16Detailliertere Erfassung negativer Symptome; wird in klinischen Studien eingesetzt.
SOFAS (Social and Occupational Functioning Assessment Scale)Goldman et al. (1992)Soziale und berufliche Funktionsfähigkeit1 (global)Dimensionale Beurteilung der Funktionsfähigkeit (0–100); abgeleitet von der GAF.
GAF (Global Assessment of Functioning)APA (1994)Gesamtniveau der Funktionsfähigkeit1 (global)Bestandteil des DSM-IV; im DSM-5 durch WHODAS 2.0 ersetzt, in der Praxis jedoch weiterhin gebräuchlich.

Verhältnis zwischen strukturierten Interviews und Beurteilungsskalen

Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen erfüllen im diagnostischen Prozess komplementäre Funktionen. Interviews beantworten die Frage „Welche Störung liegt vor?“ (kategoriale Diagnostik), Beurteilungsskalen die Frage „Wie schwer sind die Symptome?“ (dimensionale Beurteilung). In der klinischen Forschung werden beide Verfahrensgruppen routinemäßig kombiniert: Das strukturierte Interview dient der Überprüfung der Einschlusskriterien, die Beurteilungsskalen der Verlaufsbeurteilung und der Beurteilung des Therapieansprechens.

In der klinischen Praxis richtet sich die Wahl des konkreten Instruments nach der diagnostischen Fragestellung, der verfügbaren Zeit und dem Untersuchungskontext. Für die initiale diagnostische Beurteilung eignet sich ein strukturiertes Interview (SCID-5 oder DIPS im klinischen und Forschungskontext, M.I.N.I. als zeiteffiziente Alternative), für die Verlaufsbeurteilung eine Beurteilungsskala entsprechend der Hauptdiagnosekategorie (HAM-D oder MADRS für Depression, PANSS für psychotische Störungen, YMRS für Manie) und für die Gesamtbeurteilung die CGI.


Zusammenfassende Übersicht

VerfahrenTypErfassungsbereichDauerErgebnisDACH
SCID-5-CVHalbstrukt. InterviewPsychiatrische Diagnosen (DSM-5)45–90 Min.Kategoriale DiagnosenJa, validiert (Hogrefe)
SCID-5-PDHalbstrukt. InterviewPersönlichkeitsstörungen (DSM-5)30–60 Min.Kategoriale DiagnosenJa, validiert (Hogrefe)
DIPSHalbstrukt. InterviewPsychiatrische Diagnosen (DSM-5)60–120 Min.Kategoriale DiagnosenJa, validiert (Hogrefe)
M.I.N.I.Strukturiertes InterviewPsychiatrische Diagnosen (Screening)15–30 Min.Kategoriale DiagnosenJa
CAPS-5Halbstrukt. InterviewPTBS (DSM-5)45–60 Min.Kategorial + dimensionalÜbersetzung
K-SADS-PLHalbstrukt. InterviewKinder-/jugendpsychiatrische Störungen60–120 Min.Kategoriale DiagnosenJa
HAM-DBeurteilungsskalaDepressionsschwere15–20 Min.Dimensionaler ScoreJa, validiert (CIPS)
MADRSBeurteilungsskalaDepressionsschwere10–15 Min.Dimensionaler ScoreJa, validiert (CIPS)
HAM-ABeurteilungsskalaAngstschwere10–15 Min.Dimensionaler ScoreJa, validiert (CIPS)
PANSSBeurteilungsskalaPsychotische Symptome40–50 Min.Dimensionaler ScoreJa, validiert
YMRSBeurteilungsskalaManieschwere15–20 Min.Dimensionaler ScoreJa, validiert
CGIBeurteilungsskalaGlobale Schwere und Veränderung2–5 Min.Dimensionaler ScoreJa
BPRSBeurteilungsskalaAllgemeine Psychopathologie20–30 Min.Dimensionaler ScoreJa

Fazit und klinische Empfehlungen

Strukturierte diagnostische Interviews und Beurteilungsskalen stellen ein notwendiges Komplement zu den im ersten Teil dieser Reihe beschriebenen Selbstbeurteilungsfragebögen dar. Während Selbstbeurteilungsfragebögen die subjektive Perspektive der Patientin oder des Patienten erfassen, bringen Interviews und Beurteilungsskalen die Perspektive der geschulten Klinikerin oder des geschulten Klinikers in den diagnostischen Prozess ein, die in vielen klinischen Situationen unverzichtbar ist.

Für eine systematische diagnostische Beurteilung empfiehlt sich der Einsatz eines strukturierten Interviews (SCID-5 oder DIPS im klinischen und Forschungskontext, M.I.N.I. als zeitsparende Alternative), ergänzt durch eine relevante Beurteilungsskala entsprechend der diagnostischen Hauptfragestellung. Dieser Ansatz gewährleistet sowohl kategoriale diagnostische Präzision als auch eine dimensionale Quantifizierung der Symptomschwere.

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass weder ein strukturiertes Interview noch eine Beurteilungsskala eine „objektive“ Messung im strengen Sinne darstellt – beides ist von der Qualifikation, Erfahrung und Sorgfalt der beurteilenden Person abhängig. Die Investition in eine qualitativ hochwertige Schulung und fortlaufende Supervision ist daher eine unabdingbare Voraussetzung für einen zuverlässigen diagnostischen Prozess.

Im nächsten Teil dieser Reihe werden projektive Verfahren vorgestellt – diagnostische Ansätze, die auf der Interpretation von Reaktionen auf unstrukturiertes oder mehrdeutiges Reizmaterial basieren.

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