Übersicht kulturspezifischer psychischer Störungen: Anhang zum Artikel

Diese Übersicht dient als Ergänzung zum Artikel Kulturspezifische psychische Störungen und ihre diagnostischen Implikationen. Die einzelnen Syndrome sind nach den geografischen Regionen geordnet, in denen sie primär beschrieben wurden – im Bewusstsein, dass viele von ihnen auch außerhalb dieser Gebiete vorkommen und dass eine geografische Gliederung stets eine Vereinfachung darstellt. Zu jedem Syndrom werden eine knappe Charakteristik, die phänomenologische Zusammensetzung der Symptome und ein diagnostischer Kommentar angeführt, der das jeweilige Phänomen in den westlichen kategorialen Rahmen einordnet.

Der begriffliche Apparat folgt dem DSM-5, das die ältere Bezeichnung „culture-bound syndromes“ durch ein dreidimensionales Modell der Cultural Concepts of Distress ersetzt hat – also kulturelle Syndrome, kulturelle Idiome des Distress (Ausdrucksweisen des Leidens) und kulturelle Erklärungsmodelle. Die unten aufgeführten Syndrome können in eine, zwei oder alle drei Kategorien zugleich fallen.


Südostasien und Pazifik

Amok

Region: Malaysia, Indonesien, Philippinen, historisch auch weitere Gebiete Südostasiens.

Charakteristik: Plötzliche Episode massiver, unselektiver Aggression, in der Regel unter Einsatz einer Waffe, der typischerweise eine Phase von Rumination, Rückzug und scheinbarer Ruhe vorausgeht. Die Episode endet meist durch Erschöpfung oder Festnahme, gefolgt von teilweiser oder vollständiger Amnesie. In der traditionellen malaiischen Auffassung wird Amok als Folge eines Gesichtsverlustes, einer narzisstischen Kränkung oder einer Geistbesessenheit verstanden.

Phänomenologie: Prodromalphase (Rückzug, dunkles Grübeln), plötzlicher Ausbruch unkontrollierter Aggression, Desorientiertheit, Amnesie für die Episode.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überschneidet sich Amok am häufigsten mit einer intermittierenden explosiblen Störung, einer akuten psychotischen Episode oder einer dissoziativen Störung. Kulturspezifisch sind insbesondere das prodromale Muster und der soziale Kontext des Auslösers – typischerweise Demütigung oder Verlust gesellschaftlichen Status. Ein europäisches historisches Äquivalent wird mitunter im skandinavischen Konzept des Berserkertums gesucht.

Koro

Region: Südchina (wo es als suo yang bekannt ist), Malaysia, Indonesien, seltener Indien und Westafrika.

Charakteristik: Intensive, panische Angst aufgrund der Überzeugung, dass sich die Genitalien (beim Mann Penis und Hoden, bei der Frau Vulva und Brüste) in den Körper zurückziehen, was zum Tod führen werde. Koro kann sporadisch oder epidemisch auftreten; dokumentiert sind Wellen von Koro-Panik, die ganze Gemeinschaften erfassten.

Phänomenologie: Akute Angst bis hin zur Panik, Überzeugung einer Genitalretraktion, somatische Symptome (Kältegefühl, Kribbeln), kompensatorisches Verhalten (mechanisches Verhindern der Retraktion). Bei epidemischen Formen ausgeprägte soziale Ansteckung.

Diagnostischer Kommentar: Sporadischer Koro überlappt phänomenologisch mit spezifischer Phobie, Panikstörung oder Krankheitsangststörung. Die epidemische Form erinnert an mass psychogenic illness. Diagnostisch wesentlich ist, dass die zugrunde liegende Angst in der betreffenden Kultur durch das traditionelle medizinische System gestützt wird (Konzept des Yin-Yang-Gleichgewichts und der Vitalenergie).

Latah

Region: Malaysia, Indonesien, Thailand (dort als bah-tschi bekannt), Myanmar, Philippinen.

Charakteristik: Übertriebene Schreckreaktion, insbesondere nach einem unerwarteten Reiz (lautes Geräusch, Berührung, Erschrecken), begleitet von automatischem Gehorsam, Echolalie (Wiederholen gehörter Worte), Echopraxie (Nachahmen beobachteter Bewegungen) und gelegentlich Koprolalie. Latah tritt häufiger bei Frauen mittleren und höheren Alters auf.

Phänomenologie: Hyperstartle-Reaktion, Echophänomene, automatischer Gehorsam, dissoziative Züge, Koprolalie. Die Betroffenen sind sich ihres Verhaltens bewusst, geben jedoch an, es nicht kontrollieren zu können.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien lässt sich Latah nur schwer einordnen – ein eindeutiges Äquivalent gibt es nicht. Differenzialdiagnostisch kommen Hyperekplexie (neurologische Hyperstartle-Störung), Tic-Störungen oder dissoziative Störungen in Betracht. Kulturspezifisch ist insbesondere die soziale Rolle, die Latah einnimmt: Betroffene sind in der Gemeinschaft häufig Gegenstand der Belustigung, was das Verhalten durch soziale Verstärkung aufrechterhalten kann.

Hwa-Byung

Region: Korea.

Charakteristik: Wörtlich „Feuerkrankheit“ oder „Zornskrankheit“ – ein chronisches Syndrom, das auf die langfristige Unterdrückung von Zorn und Groll zurückgeführt wird, typischerweise im Kontext von Ungerechtigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen (Untreue des Ehepartners, Konflikte mit den Schwiegereltern, soziale Ungleichheit). Betroffen sind überwiegend Frauen.

Phänomenologie: Druck- oder Kloßgefühl (dŏng) im Epigastrium oder im Brustbereich, aufsteigendes Hitzegefühl, Hitzewallungen im Gesicht, Herzklopfen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Reizbarkeit. Patientinnen und Patienten beschreiben häufig ein Gefühl des „inneren Feuers“ oder einer „Explosion von innen“.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt Hwa-Byung mit somatischer Belastungsstörung, depressiver Störung und generalisierter Angststörung. Im DSM-5 wird es als kulturelles Idiom des Distress aufgeführt. Entscheidend ist, dass koreanische Patientinnen und Patienten Hwa-Byung klar von Depression unterscheiden – sie verstehen es als einen spezifischen Zustand mit eigener Ätiologie (unterdrückter Zorn) und eigener Logik (Somatisierung eines „feurigen“ Affekts).


Südasien

Dhat-Syndrom

Region: Indien, Sri Lanka, Bangladesch, Pakistan, Nepal.

Charakteristik: Angstsyndrom im Zusammenhang mit der Überzeugung eines übermäßigen Samenverlustes – sei es beim Geschlechtsverkehr, bei Masturbation, bei nächtlichen Pollutionen oder angeblich auch beim Urinieren. Der Patient ist überzeugt, dass der Samenverlust zur Schwächung von Körper und Geist führt. Das Konzept entstammt der traditionellen ayurvedischen Auffassung, in der Sperma als Konzentrat der Lebensenergie (Ojas) gilt.

Phänomenologie: Angst, Müdigkeit, Schwäche, Konzentrationsstörungen, Libidoverlust, somatische Beschwerden (Rücken- und Kopfschmerzen), depressive Verstimmung. Typischerweise gibt der Patient eine Trübung des Urins als „Beweis“ des Samenverlustes an.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt das Dhat-Syndrom mit depressiver Störung, somatischer Belastungsstörung, Krankheitsangststörung und sexuellen Funktionsstörungen. Im DSM-5 wird es als kulturelles Syndrom aufgeführt. Diagnostisch wesentlich ist, dass die Erklärung des Patienten – der Verlust einer vitalen Substanz – in einem kohärenten kulturellen System verankert ist und keine wahnhafte Überzeugung darstellt.


Lateinamerika und Karibik

Susto

Region: Mexiko, Mittel- und Südamerika, hispanische Bevölkerungsgruppen in den USA.

Charakteristik: „Seelenverlust“ (espanto, pasmo) nach einem Erlebnis starken Erschreckens oder einem traumatischen Ereignis. Nach traditioneller Deutung trennt sich die Seele infolge des Schocks vom Körper, was zur Erkrankung führt. Mögliche Auslöser reichen von Begegnungen mit übernatürlichen Wesen über Unfälle und Stürze bis hin zu sozialen Konflikten.

Phänomenologie: Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Mattigkeit, Schlafstörungen (Schlaflosigkeit oder übermäßige Schläfrigkeit), Apathie, Motivationsdefizit, Fieberepisoden, Durchfall, somatische Schmerzen, sozialer Rückzug, Interessenverlust und ein Gefühl der „Leere“. Die Symptome können unmittelbar nach dem auslösenden Ereignis oder erst mit einer Latenz von Tagen bis Wochen einsetzen.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt Susto mit depressiver Störung, posttraumatischer Belastungsstörung oder somatischer Belastungsstörung. Einige Studien dokumentieren bei Patientinnen und Patienten mit Susto eine erhöhte Mortalität, was darauf hindeutet, dass das Syndrom einen realen Gesundheitszustand erfasst und nicht lediglich eine kulturelle Erklärung darstellt. Diagnostisch bedeutsam ist, dass Betroffene Susto klar von gewöhnlicher Depression abgrenzen und dafür eigene Heilverfahren kennen (rituelles „Rufen der Seele“, limpia).

Ataque de nervios

Region: Lateinamerika, insbesondere Puerto Rico, Dominikanische Republik sowie kubanische und mexikanische Gemeinschaften.

Charakteristik: Akute Episode emotionaler Dysregulation, typischerweise ausgelöst durch ein belastendes Ereignis familiären oder interpersonellen Charakters (Todesfall in der Familie, Konflikt, drohende Trennung). Es handelt sich um eine kulturell akzeptierte Form des Ausdrucks intensiven Distress.

Phänomenologie: Unkontrolliertes Schreien, Weinen, Zittern, aufsteigendes Hitzegefühl zum Kopf, aggressive Ausbrüche (verbal und physisch), dissoziative Symptome (Depersonalisation, Bewusstseinsverlust), Gefühl des Kontrollverlustes. Die Episode dauert Minuten bis mehrere Dutzend Minuten; nach dem Abklingen treten häufig Amnesie oder Desorientiertheit auf.

Diagnostischer Kommentar: Ataque de nervios überlappt phänomenologisch mit Panikattacke, dissoziativer Störung oder funktioneller neurologischer Symptomstörung (Konversionsstörung). Im DSM-5 wird es als kulturelles Syndrom aufgeführt. Ein wichtiger Unterschied zur Panikattacke besteht darin, dass ataque de nervios nahezu immer reaktiv ist, eine ausgeprägte expressive Komponente aufweist und von der Gemeinschaft als legitime Reaktion auf Belastung wahrgenommen wird – nicht primär als Pathologie.

Mal de ojo

Region: Lateinamerika, Mittelmeerraum (Italien, Griechenland, Türkei), Teile Afrikas und des Nahen Ostens.

Charakteristik: „Böser Blick“ – die Überzeugung, dass Neid oder Bewunderung einer anderen Person, auch unbeabsichtigt, Krankheit verursachen kann, insbesondere bei Kindern und Säuglingen. Es handelt sich primär um ein kulturelles Erklärungsmodell, also um eine Kausaltheorie und nicht um ein spezifisches Syndrom.

Phänomenologie: Bei Kindern Unruhe, Weinen, Schlafstörungen, Durchfall, Erbrechen und Fieber. Bei Erwachsenen Kopfschmerzen, Müdigkeit und Mattigkeit. Zugeschrieben wird dies dem Blick oder der Anwesenheit einer Person mit „starkem Auge“.

Diagnostischer Kommentar: Mal de ojo ist in der DSM-5-Terminologie primär ein kulturelles Erklärungsmodell. Die zugeschriebenen Symptome sind unspezifisch und können einer Reihe somatischer wie psychischer Zustände entsprechen. Diagnostisch bedeutsam ist, dass Eltern, die die Beschwerden ihres Kindes auf den bösen Blick zurückführen, nicht von der „Unrichtigkeit“ ihrer Erklärung überzeugt werden müssen; vielmehr ist das Kind so zu untersuchen, dass der Erklärungsrahmen der Eltern respektiert wird, ohne eine mögliche somatische oder psychische Pathologie zu übersehen.


Afrika

Brain-Fag-Syndrom

Region: Westafrika, insbesondere Nigeria, Ghana, Uganda, seltener auch Ostafrika.

Charakteristik: Ein Syndrom, das primär bei Schülern und Studierenden im Kontext akademischer Überlastung beschrieben wird. Der Name stammt aus dem nigerianischen englischen Slang (fag = Erschöpfung, Ermüdung). Erstmals beschrieben wurde es vom nigerianischen Psychiater Raymond Prince in den 1960er-Jahren. Es ist nicht mit dem modernen populären Begriff „Brain Fog“ zu verwechseln, der ein anderes Konzept bezeichnet.

Phänomenologie: Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, Gefühl eines „verschwommenen“ oder „leeren“ Gehirns, Kopfschmerzen – häufig beschrieben als Druck- oder Engegefühl um den Kopf, als ob ein Band den Kopf umspanne –, verschwommenes Sehen sowie Brenn- oder Kribbelgefühle im Kopf- und Nackenbereich.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt das Brain-Fag-Syndrom mit depressiver Störung, Angststörung, Anpassungsstörung oder Neurasthenie. Spezifisch sind die somatische Betonung – der Kopf als „Organ des Denkens“ ist unmittelbar betroffen – und die Bindung an den akademischen Kontext. Das Syndrom spiegelt den kulturspezifischen Druck auf Bildung als Weg sozialen Aufstiegs im postkolonialen Westafrika wider.

Zar

Region: Nord- und Ostafrika (Äthiopien, Sudan, Ägypten, Somalia) sowie der Nahe Osten (Iran, Saudi-Arabien, Jemen).

Charakteristik: Ein Zustand, der auf Besessenheit durch einen Geist (Zar) zurückgeführt wird, der verschiedene Beschwerden verursachen, zugleich aber auch eine Quelle von Macht und sozialem Status sein kann. Zar-Kulte sind organisierte rituelle Systeme, in denen Besessenheit nicht im Sinne einer „Austreibung“ behandelt, sondern verhandelt wird – der Geist wird durch Opfergaben, Musik und Trance besänftigt.

Phänomenologie: Dissoziative Zustände, Tranceepisoden, Verhaltens- und Stimmveränderungen (interpretiert als Äußerungen des Geistes), Lach- oder Weinanfälle, somatische Beschwerden und soziale Dysfunktion. Bei Frauen wird Zar mitunter mit Unfruchtbarkeit, bei Männern mit Impotenz assoziiert.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappen die Manifestationen von Zar mit dissoziativer Störung, funktioneller neurologischer Symptomstörung (Konversionsstörung) oder psychotischen Zuständen. Kulturspezifisch ist vor allem die Interpretation: Geistbesessenheit wird nicht als Wahnsinn stigmatisiert, sondern besitzt in der Gemeinschaft einen anerkannten Status und einen eigenen therapeutischen Rahmen (Zar-Zeremonie). Der Diagnostiker muss zwischen kulturell normativer Partizipation am Zar-Kult und klinisch relevanter Psychopathologie unterscheiden, was Kenntnis des lokalen Kontexts und die Zusammenarbeit mit kulturellen Informanten erfordert.


Nordamerika und Arktis

Pibloktoq (arktische Hysterie)

Region: Arktische Inuit (Grönland, Nordkanada, Alaska).

Charakteristik: Plötzliche Episode extremer Agitation, die typischerweise während der Wintermonate auftritt. Traditionelle Erklärungen verbinden Pibloktoq mit spirituellen Ursachen; moderne Hypothesen erwägen die Rolle saisonaler Faktoren (extreme Dunkelheit, Isolation), eines Vitamin-D- und Kalziummangels oder psychosozialen Stresses.

Phänomenologie: Plötzliche Erregung, Schreien, Ausziehen der Kleidung, Flucht in den Schnee oder aufs Eis, Werfen von Gegenständen, Koprophagie, Zerstörung von Eigentum, in Ausnahmefällen Selbstverletzung. Die Episode dauert Minuten bis Stunden; nach dem Abklingen treten Erschöpfung, Amnesie und die Rückkehr zum gewöhnlichen Funktionsniveau ein.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt Pibloktoq mit dissoziativer Störung, akuter Belastungsreaktion oder funktioneller neurologischer Symptomstörung (Konversionsstörung). Differenzialdiagnostisch sind auch organische Ursachen zu erwägen, etwa Hypokalzämie, Hypovitaminose D oder Vitamin-A-Intoxikation durch den Verzehr der Leber arktischer Tiere. Der kulturelle Kontext – das Leben in extremer Isolation bei minimaler Lichtexposition über Teile des Jahres – ist für das Verständnis des Syndroms entscheidend.

Ghost Sickness (Geisterkrankheit)

Region: Indigene Völker Nordamerikas, insbesondere Navajo, Lakota und Dakota.

Charakteristik: Ein Syndrom, das mit der Präokkupation durch Tod, Verstorbene oder die Geisterwelt verbunden ist. In der traditionellen indigenen Auffassung entsteht es durch Kontakt mit Verstorbenen oder durch die Verletzung von Tabus im Zusammenhang mit Tod und Bestattung.

Phänomenologie: Schwäche, Schwindel, Angst, Gefahrgefühl, Empfindung der Anwesenheit von Geistern, Albträume, Appetitlosigkeit, Gefühl der Leere, Halluzinationen (visuell, auditiv), Verwirrung und Erstickungsgefühl. Mitunter besteht das Empfinden, ein Verstorbener „hafte“ am Lebenden.

Diagnostischer Kommentar: In westlichen Kategorien überlappt Ghost Sickness mit komplizierter Trauer, depressiver Störung, Angststörung oder psychotischer Symptomatik. Halluzinatorische Erlebnisse im Sinne eines Kontakts mit Verstorbenen sind im kulturellen Kontext indigener Gemeinschaften normativ und dürfen daher nicht automatisch als psychotische Symptome bewertet werden. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen kulturell konformer Erfahrung und einer tatsächlichen Beeinträchtigung der Realitätsprüfung.


Japan

Taijin kyofusho

Region: Japan, seltener Korea und weitere ostasiatische Kulturen.

Charakteristik: Intensive Angst davor, dass die eigenen körperlichen Äußerungen – Blick, Körpergeruch, Gesichtsausdruck oder Bewegungen – für andere unangenehm oder beleidigend sein könnten oder ihnen Leiden zufügen. Im Unterschied zur westlichen sozialen Angststörung, bei der die eigene Demütigung die zentrale Befürchtung darstellt, liegt hier der Kern in der Angst, anderen durch die eigene Anwesenheit aktiv zu schaden. Dieser „inverse“ Charakter spiegelt kollektivistische kulturelle Werte wider, in denen die Störung der Beziehungsharmonie ein schwerwiegenderes Versagen darstellt als persönlicher Gesichtsverlust.

Phänomenologie: Vermeidung sozialer Situationen, Angst vor direktem Blickkontakt (insbesondere jikoshisen kyofu – Phobie vor dem eigenen Blick), Überzeugung eines unangenehmen Körpergeruchs (jikoshu kyofu), Angst, dass der Gesichtsausdruck abstoßend wirke, sowie Angst vor dem Erröten. Hinzu kommen somatische Symptome wie Schwitzen, Zittern und Herzklopfen.

Diagnostischer Kommentar: Im DSM-5 wird Taijin kyofusho als kulturelles Syndrom aufgeführt, das mit sozialer Angststörung verwandt ist. Ein Teil der Fälle erfüllt die Kriterien einer sozialen Angststörung; schwerere Formen nähern sich einer körperdysmorphen Störung mit wahnhaften Überzeugungen. Diagnostisch entscheidend ist die Unterscheidung zwischen der „inversen“ Befürchtung (ich schade anderen) und der „direkten“ Befürchtung (ich werde negativ beurteilt), da beide unterschiedliche therapeutische Implikationen haben.

Hikikomori

Region: Japan; in den letzten Jahrzehnten auch in Südkorea, Hongkong und vereinzelt in Europa beschrieben.

Charakteristik: Extremer und langfristiger sozialer Rückzug – die betroffene Person schließt sich für mindestens sechs Monate zu Hause ein, verlässt die Wohnung nicht, besucht weder Schule noch Arbeit und sucht keine sozialen Kontakte außerhalb der engsten Familie. Betroffen sind typischerweise junge Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren.

Phänomenologie: Vollständige soziale Isolation, Umkehrung des Tag-Nacht-Rhythmus (Aktivität nachts, Schlaf tagsüber), Abhängigkeit von den Eltern zur Sicherstellung der Grundbedürfnisse, passiver Zeitvertreib (Internet, Videospiele, Lesen). Symptome von Depression und Angst sind häufig, müssen aber nicht primär sein.

Diagnostischer Kommentar: Hikikomori ist phänomenologisch heterogen – hinter dem sozialen Rückzug können sich soziale Angststörung, depressive Störung, schizoide Persönlichkeitsstruktur, Autismus-Spektrum-Störung oder Störungen aus dem schizophrenen Spektrum verbergen. In vielen Fällen erfüllt der Rückzug jedoch die Kriterien keiner bestehenden diagnostischen Kategorie, was zur Diskussion führt, ob Hikikomori eine eigenständige diagnostische Entität oder eher ein übergreifendes Bild verschiedener Störungen darstellt. Kulturspezifisch ist vor allem der Kontext: der japanische Konformitätsdruck, das rigide Schulsystem und das Konzept amae – also die Erwartung, dass Eltern die Bedürfnisse des erwachsenen Nachkommen weiterhin absichern – schaffen Bedingungen, unter denen ein langfristiger Rückzug sozial eher aufrechterhalten werden kann als in anderen Kulturen.


Mittelmeerraum und Naher Osten

Zar

Siehe oben im Abschnitt Afrika – das Syndrom tritt kontinuierlich von Nordafrika bis in den Nahen Osten auf.

Mal de ojo

Siehe oben im Abschnitt Lateinamerika – das Konzept findet sich auch im Mittelmeerraum (Italien, Griechenland, Türkei) und im Nahen Osten.


Anmerkung zur diagnostischen Nutzung dieser Übersicht

Diese Übersicht ist nicht als diagnostisches Manual gedacht – ihr Ziel ist es, eine orientierende Kenntnis der am häufigsten beschriebenen kulturspezifischen Syndrome zu vermitteln, die es dem Diagnostiker ermöglicht zu erkennen, dass die Beschwerden einer Patientin oder eines Patienten in einen kulturellen Rahmen fallen können, mit dem er keine unmittelbare Erfahrung hat. In einem solchen Fall ist es angezeigt, das Cultural Formulation Interview (CFI) des DSM-5 einzusetzen oder einen kulturellen Informanten beziehungsweise eine Spezialistin oder einen Spezialisten für transkulturelle Psychiatrie zu konsultieren.

Zugleich ist zu bedenken, dass diese Übersicht zwangsläufig vereinfacht. Viele der hier beschriebenen Syndrome weisen eine innere Variabilität auf, die über eine einzelne Definition hinausgeht. Kulturelle Syndrome sind keine statischen Entitäten – sie verändern sich im Laufe der Zeit, wandern über Kulturgrenzen hinweg und interagieren mit Globalisierung, Urbanisierung und dem Zugang zur westlichen Medizin. Die diagnostische Arbeit mit ihnen erfordert nicht enzyklopädisches Wissen, sondern vor allem diagnostische Demut – also die Bereitschaft einzugestehen, dass die Art und Weise, wie ein Patient sein Leiden erlebt, nach Regeln organisiert sein kann, die wir nicht kennen.

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